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Bayern München : Im Zeichen des Maulwurfs

Wer mag der Maulwurf sein? Bayern-Trainer Pep Guardiola grübelt Bild: AP

Der Verräter im eigenen Lager erschüttert Bayern-Trainer Guardiola. Der Maulwurf verfolgt den Klub auch in Moskau. Einen Trost gibt es. Dort hat das Tierchen beim Spiel am Mittwoch (18.00 Uhr) keine Chance.

          Der Spielplan des Fußballs hält immer wieder schöne Pointen bereit. Kaum ist ein erster Schatten auf den Glanz von Pep Guardiolas Super-Bayern gefallen, kaum wird dort ein „Maulwurf“ gesucht, ein Spion im eigenen Lager, da reisten Trainer und Team am Dienstag in die Stadt unzähliger Spionagethriller – in die alte Metropole des Kalten Krieges, in der jeder jeden bespitzelte und verdächtigte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Liebesgrüße aus Moskau sind dabei nicht zu erwarten, wenn der Titelverteidiger der Champions League an diesem Mittwoch (18.00 Uhr / Live bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) auf den russischen Meister ZSKA trifft. Der sportliche Wert der Partie ist begrenzt, die Bayern sind schon für die K.-o.-Runde qualifiziert, und die Entscheidung über den Gruppensieg fällt wohl erst in zwei Wochen im Spiel gegen Manchester City.

          Der atmosphärische Wert ist interessanter. Vorberichte zu diesem Spiel finden leicht Anklang an die Spionageromane von John Le Carré oder von Graham Greene, in dessen Meisterwerk „Der menschliche Faktor“ ein enttarnter Doppelagent am Ende zum Überlaufen ins eisige, einsame Moskauer Exil gezwungen wird. Unwahrscheinlich, dass so etwas auch dem Münchner Maulwurf blüht.

          Doch München ist im Augenblick genauso kalt wie Moskau, minus zwei Grad bei Abflug wie Landung, der Ton ist es auch. „Köpfe werden rollen“, soll Guardiola ausgerechnet jener Zeitung gesagt haben, die dank des unbekannten Informanten bereits rund ein halbes Dutzend Mal Bayern-Interna veröffentlichen konnte. Dabei handelte es sich selten um weltbewegende Neuigkeiten. Es ging meist um die Zusammensetzung der Startelf oder einzelner Mannschaftsteile für ein Spiel.

          Kein Geläuf für Maulwürfe: Auf dem Moskauer Kunstrasen liegt gar Schnee

          Früher ließ sich die Personalplanung für eine Partie leicht an der Farbe der Leibchen im Abschlusstraining erkennen – bis Guardiola im Oktober einen Sichtschutz um den Trainingsplatz errichten ließ. Geheim wurde sein „Geheimtraining“ dadurch offenbar nicht. Aber auch Auseinandersetzungen mit Arjen Robben wegen dessen Elfmeter-Egoismus oder mit Bastian Schweinsteiger („Du bist einer meiner wichtigsten Spieler, und wichtige Spieler benutzen den Kopf“) fanden aus interner Quelle den Weg auf den Boulevard, ebenso wie Guardiolas Bemerkung nach dem 2:1 in Hoffenheim, das Umschaltspiel sei „eine Katastrophe“.

          Bruch des Betriebsgeheimnisses

          Diese Indiskretionen waren noch ohne Reaktion von Guardiola geblieben, der den Schaden wohl für begrenzt hielt. Dass aber auch vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund taktische Details aus der Teamsitzung den Weg in die „Bild“-Zeitung fanden (die sie am Schluss eines Artikels versteckte), brachte Guardiola auf die Palme – wie auch Thomas Müller, der nach dem Sieg in Dortmund die Frage eines Reporters des Blattes damit beantwortete, er solle doch seinen Informanten fragen.

          Der Bruch des Betriebsgeheimnisses vor dem bisher wichtigsten Spiel der Saison musste Guardiola unangenehm an die Endphase seiner Zeit beim FC Barcelona erinnern, an den titelentscheidenden „Clásico“ gegen Real Madrid im April 2012. Er hatte eine riskante Umstellung auf ein 3-4-3-System beschlossen, die dann mehrere Stunden vor Anpfiff publik wurde. Das gab dem Gegenspieler José Mourinho die Gelegenheit zur Gegenreaktion. Real gewann 2:1 und entthronte Barça nach drei Meisterschaften. Nur vier Tage später verkündete Guardiola dem Vereinspräsidenten seinen Abschied.

          Er brauchte ein Sabbatjahr in New York, um Frische und Lust auf Fußball zurückzugewinnen – und vielleicht auch Vertrauen. Wie schwer sich der Perfektionist Guardiola in Barcelona damit getan hatte, die Unkontrollierbarkeit des „menschlichen Faktors“ zu akzeptieren, zeigten spätere Berichte, denen zufolge er Stars wie Ronaldinho, Deco, Eto’o oder Piqué von einer Detektei überwachen ließ.

          Harte Probe für neue Lockerheit

          In München aber zeigte Guardiola bisher ein anderes Gesicht. Er sprach davon, den Spielern „zu vertrauen“. Entgegen früheren Gepflogenheiten im Klub versammelt er sie am Abend vor einem Heimspiel nicht mehr zur Vorbereitung im Team-Hotel (und zur Kontrolle, wie sie die Nacht vor dem Einsatz verbringen), sondern lässt sie zu Hause schlafen.

          Diese neue Lockerheit des Kontrollfanatikers wird nun auf eine erste Probe gestellt. Guardiola braucht für den missionarischen Eifer seiner Arbeit eine verschworene Gemeinschaft, ja eine Art von Glaubensgemeinschaft. Der Glaube an das eigene Projekt soll sie vereinen. Nun sieht er, dass es mindestens einen in seinem Team gibt, der das eigene Interesse dem der Gruppe nicht unterordnet. Und der den Zusammenhalt untergraben könnte wie ein fleißiger Maulwurf einen gepflegten Fußballplatz. Einen Trost gibt es. Im Luschniki-Stadion von Moskau liegt Kunstrasen aus. Da hat kein Maulwurf eine Chance.

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