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Auswärtstorregel abschaffen : Alle Tore sind gleich

Tor ist Tor, sollte man meinen: Egal, ob auswärts oder zu Hause erzielt. Bild: dpa

Tor ist Tor? Nicht so bei der Uefa. In ihren Wettbewerben gilt seit 1965 die Auswärtstorregel, die manche Treffer wertvoller macht. Führende Fußball-Trainer fordern nun die Abschaffung. Und nennen gute Gründe.

          Der AS Rom ist möglicherweise dagegen, dass diese Regel abgeschafft wird, schließlich hat der italienische Hauptstadtklub in der vergangenen Saison maßgeblich von ihr profitiert und gleich zwei K.o.-Runden in der Champions League dank der Auswärtstorregel überstanden. Erst reichte der Roma gegen Schachtjor Donezk ein 1:0-Sieg, um das 1:2 aus dem Hinspiel zu übertrumpfen, dann sorgte ihr fulminanter 3:0-Erfolg gegen den FC Barcelona für eine mittlere Sensation, schließlich war damit das 1:4 aus Nou Camp nicht nur ausgeglichen, sondern überboten.

          Warum nun aber eine Mannschaft als Sieger aus Duellen hervorgeht, die nach Addition der 180 Minuten plus Nachspielzeiten mit 2:2 oder 4:4 endeten, dürfte außerhalb Roms keinen Fußballfreund so recht zufriedengestellt haben. Der Auswärtstorregel sei Dank. Doch sie erscheint ungerecht und zudem als Anachronismus. Die Regel wertet gleiche Ereignisse unterschiedlich hoch – ein Fall für den Wettbewerbskommissar sollte man meinen.

          Ihr Ursprung stammt noch aus Zeiten, in denen gegnerische Stadien unbekannten Terrain darstellten, Auswärtsreisen ein Abenteuer waren, und die Mannschaften wegen der Strapazen der Anfahrt wohl zurecht einen Nachteil reklamieren konnten. Die Regel stammt aus dem Jahr 1965 und bezog sich zunächst auf den Europapokal der Pokalsieger, ehe sie auf alle Wettbewerbe der Europäischen Fußball-Union (Uefa) ausgeweitet wurde.

          In Zeiten multinationaler Fußballmannschaften und globaler Sportreisen könnte die Auswärtstorregel allerdings ohne Weiteres auf dem Müllhaufen der Sportgeschichte landen. Dies haben zumindest Europas Vereinstrainer auf ihrem jüngsten Treffen in Nyon angeregt. Zu den Teilnehmern gehörten Spitzenkräfte der Zunft wie Thomas Tuchel (Paris St. Germain), Jose Mourinho (FC Arsenal) und Julen Lopetegui (Real Madrid). Nach ihrer Ansicht sei es nicht mehr so schwierig wie früher, auswärts ein Tor zu erzielen, erklärte nach dem Trainerforum Giorgio Marchetti, der den schönen Titel „Uefa-Wettbewerbsdirektor“ trägt.

          Zudem wirke die Regel nach Ansicht der Trainer mittlerweile kontraproduktiv. Sie ermuntere Auswärtsteams nicht, wie gedacht, besonders offensiv aufzutreten, sondern verleite im Gegenteil Heimmannschaften dazu, defensiver als nötig zu agieren, um ein folgenschweres Gegentor zu vermeiden. Zudem kann bei Rückspielen schneller als erhofft die Spannung verfliegen. Wenn die zuhause 1:0 siegreiche Mannschaft beispielsweise im Rückspiel auswärts nur einen Treffer erzielt, stellen die Rivalen oft schneller als erhofft ihre Bemühungen ein, da sie selbst nicht mehr daran glauben, noch die nun nötigen drei Tore zu erzielen.

          Bis zur Einführung der Regel vor gut 50 Jahren  wurde nach unentschiedenem Ausgang von Hin- und Rückspiel noch ein Entscheidungsspiel angesetzt. Endete dies ebenfalls ausgeglichen, folgte zwar eine Verlängerung, aber noch kein Elfmeterschießen. Diese Regellücke führte zu einem unrühmlichen Ereignis wie den „Münzwurf von Rotterdam“ aus dem März 1965. Das Viertelfinale des Landesmeisterpokals zwischen dem FC Liverpool und dem 1. FC Köln hatte auch nach dem dritten Spiel plus Verlängerung keinen Sieger gefunden. Ein Münzwurf sollte entscheiden, wobei der Schiedsrichter eine Holzscheibe nahm – und selbst dieses Ereignis musste wiederholt werden, da die Scheibe beim ersten Versuch senkrecht im Matsch stecken blieb.

          Eine Alternative zur Herbeiführung eines Siegers liegt auf der Hand: die Verlängerung bei Torgleichheit unabhängig der Zahl der Auswärtstore schon nach 180 Minuten. Marchetti versprach, die Uefa werde Sinn oder Unsinn der Regel „überprüfen“. Zwar bemängeln Kritiker, dass dabei jene Mannschaften bevorteilt würden, die das Rückspiel zu Hause austragen. Doch das ist immer noch weniger unfair, als ein errechneter Sieg am grünen Tisch oder ein Münzwurf auf zerwühltem Rasen – bei dem damals die Kölner das Nachsehen hatten: die Oberseite zeigte Rot, die Farbe Liverpools. Die Auswärtstorregel hätte damals übrigens nichts genutzt. Hin- und Rückspiel waren 0:0 ausgegangen.

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