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Australian Open : Endlich ein Tennisstar, der nicht peinlich ist

  • -Aktualisiert am

Willkommene Abkühlung: Alex de Minaur begeistert die Tennis-Fans in Australien. Bild: Reuters

Etikette und höfliches Benehmen? Werden überbewertet! Das denken zwei bisherige Tennis-Größen in Australien. Nun begeistert der 19 Jahre alte Alex de Minaur seine Landsleute. Doch auch das gefällt nicht jedem.

          Die australischen Tennisfans haben wieder einen Spieler von Weltklasseformat, dem sie voller Stolz zujubeln und ihren Kindern als Vorbild präsentieren können – auch wenn sie konservative Wertvorstellungen haben. Alex de Minaur, Spitzname „der Dämon“, begeistert seine Landsleute mit jugendlichem Ungestüm, jugendlicher Unschuld und einem Arbeitsethos und Kampfgeist, der Berge versetzt. Die beiden letzten australischen Spitzenspieler polarisierten. Eine Minderheit empfand Bernard Tomic und Nick Kyrgios als unabhängige Freigeister. Etikette und höfliches Benehmen? Werden überbewertet!

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Der Mehrheit der Australier waren viele Auftritte der beiden Tennisprofis, die es zwischenzeitlich unter die Top 20 der Weltrangliste und jeweils auf die Position eins ihres nationalen Verbandes gebracht hatten, eher peinlich. Ausraster auf dem Platz, Respektlosigkeiten gegenüber Gegnern, Schiedsrichtern und Balljungen gehörten zu ihrem Standardrepertoire. Wes Geistes Kind Tomic ist, bewies er wieder einmal am Dienstag. „Ich spiele nicht mehr Davis Cup, genauso wie Kyrgios und Kokkinakis. Es ist alles die Schuld von Lleyton Hewitt. Er hat das System ruiniert.“ Es gehe ein Riss durch das australische Team, weil Hewitt einen Spieler ganz deutlich bevorzuge – Alex de Minaur.

          Es trifft zu, dass der ehemalige Grand-Slam-Sieger und derzeitige Davis-Cup-Kapitän einer der ersten Fans des Talentes war und inzwischen einer der größten in ganz Australien ist. Seitdem er den Rohdiamanten entdeckt hat, wirkt er als dessen Mentor und Berater. Woran sich niemand außer Tomic stört. Tennis-Australien sprang in der folgenden Diskussion Hewitt bei, mochte nichts Verwerfliches daran finden, dass er sich de Minaurs angenommen hat. Und Kyrgios, als Zeuge angegeben, wusste nichts von seinem Boykott. „Wenn ich gefragt werde, spiele ich Davis Cup.“

          Dass das australische Tennisidol in den 19 Jahre alten Jungprofi geradezu vernarrt ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Der in Sydney geborene Sohn eines Uruguayers und einer Spanierin wird auch Mini-Hewitt genannt. Er ähnelt seinem Vorbild in der Statur, der Spielweise und der Einstellung zu seinem Beruf. Nachdem sich Hewitt im Davis-Cup-Team jahrelang mit den Eigenarten eines Kyrgios, Tomic und auch Kokkinakis auseinandersetzen musste, arbeitet er nun mit einer Begabung, in der die gleiche Leidenschaft für den Beruf brennt wie bei ihm. Und die Zusammenarbeit trägt Früchte. Seit einigen Monaten ist de Minaur die australische Nummer eins und nach seinem Turniersieg in Sydney vor nicht mal einer Woche, wird der Teenager auf Rang 29 der Weltrangliste geführt. Nach den Australian Open wird er noch ein paar Plätze weiter vorne in der Liste geführt werden. Denn de Minaur steht nach Siegen über den Portugiesen Pedro Sousa und dem Schweizer Henri Laaksonen in der dritten Runde und vor dem größten Spiel seiner jungen Karriere. Sein Gegner heißt Rafael Nadal.

          Die Auseinandersetzung wird am Freitag das sportbegeisterte Publikum in seinen Bann ziehen. Schon im vergangenen Sommer trafen die beiden in der dritten Runde von Wimbledon aufeinander. Damals erlitt der Youngster eine Abfuhr – 1:6, 2:6, 4:6. „Im Tennis geht es viel um Erfahrung. Nachdem ich die Erfahrung gemacht habe, gegen Rafa zu spielen, werde ich diesmal entspannter sein, denke ich.“ Er kündigte im Siegerinterview nach dem Matchball gegen Laaksonen an, 150 Prozent zu geben. Das Publikum in der Margaret Court Arena reagierte mit tosendem Jubel.

          Denn, was das bedeutet, hatte de Minaur den Zuschauern gerade gegen den Schweizer vorgeführt. Wie ein Irrwisch rannte der Australier über den Platz, erwischte Bälle, die schon verloren schienen. Am Erstaunlichsten war jedoch seine Frustrationstoleranz. Im dritten Satz vergab de Minaur einen Matchball und ließ auch im vierten Durchgang einige Chancen liegen, die Begegnung für sich zu entscheiden. Im fünften Satz lag er ein Break vor, musste aber dann das Rebreak verdauen. Jeden Rückschlag nahm de Minaur klaglos hin. Und am Ende hatte er es nach 3:52 Stunden Spielzeit geschafft, Laaksonen 6:4, 6:2, 6:7 (7:9), 4:6, 6:3 zu bezwingen. „Genau dafür möchte ich bekannt sein. Dass ich der Junge bin, der niemals aufgibt, der bis zum Letzten kämpft“, sagte de Minaur nach seinem Marathonerfolg.

          Kritiker meinen, dass Hewitt zu viel von sich in de Minaur hineinpacke. Wie der mehrmalige Davis-Cup-Sieger ist die Nachwuchshoffnung ein reiner Konterspieler, der aus einer unglaublich dichten Defensive heraus zurückschlägt. Ein Schlag, mit dem er die Initiative im Ballwechsel übernehmen kann oder die Rallye einfach beendet, gelingt ihm allerdings selten. Deshalb befürchten einige, dass es für den Australier nicht ganz an die Spitze reichen könnte. Hewitt entgegnet, dass dessen Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen sei. „Sein Körper wird mit den Jahren athletischer, sein Schläge werden automatisch noch kraftvoller. Aber durch sein wunderbares Timing kann er schon jetzt mit den Großen mithalten.“ Im Moment wiegt de Minaur bei einer Größe von 1,83 Metern noch nicht mal 70 Kilogramm. Auch der Aufschlag werde mit der Zeit zu einer richtigen Waffe werden. Die größte Stärke des Teenagers sei aber sein Kopf, sagt Hewitt. „Er hat den Willen, alles zu tun, um alles aus sich herauszuholen. Und er lässt sich dabei durch nichts ablenken.“ Rafael Nadal wird es am Freitag zu spüren bekommen.

          Riesenärger rings um australisches Davis-Cup-Team

          Angebliche Bedrohungen und Lügen, gegenseitige Vorwürfe: Ein handfester Streit rings um das Davis-Cup-Team trübt die Freude der australischen Tennis-Fans über unerwartete Erfolge bei den Australian Open. Während Außenseiter wie Alexander Zverevs nächster Gegner Alex Bolt und Alexei Popyrin in Melbourne die Nation verzücken, gibt es vor dem Erstrundenspiel gegen Bosnien-Herzegowina Anfang Februar reichlich Ärger bei der Auswahl.

          Der einstige Weltranglisten-Erste und Team-Kapitän Lleyton Hewitt erklärte am Donnerstag nach einem Auftritt im Doppel in Melbourne, Bernard Tomic habe ihn und seine Familie bedroht. Hewitt betonte, der veranlagte, aber aus seiner Sicht trainingsfaule Weltranglisten-88. werde nie wieder für Australien spielen, solange er etwas mit der Auswahl zu tun habe. Dem ebenfalls nicht immer pflegeleichten Nick Kyrgios hielt er die Tür dagegen ausdrücklich offen.

          Tomic schimpfte Hewitt in der Zeitung „Herald Sun“ am Freitag einen Lügner. Nach seinem Erstrunden-Aus bei den Australian Open hatte der 26-Jährige ihm vorgeworfen, geschäftliche Interessen mit seiner Davis-Cup-Rolle zu verquicken und Spieler wie Bolt zu bevorzugen, die er mit seiner Managementfirma betreue. Hewitt konterte, solch eine Firma gebe es nicht. Mit Tomic redet er schon längst nicht mehr. (dpa)

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