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Tennis-Newcomer Tsitsipas : „Ich bin als Kind fast im Meer ertrunken“

  • -Aktualisiert am

Am Boden, aber glücklich: Stefanos Tsitsipas steht bei den Australian Open im Halbfinale. Bild: EPA

Stefanos Tsitsipas könnte das Gesicht der nächsten Tennis-Generation werden. Denn er hat ganz besondere Eigenschaften. Bei den Australian Open fordert der junge Grieche nun einen Altmeister im Halbfinale.

          Die Tennis-Organisation ATP macht sich schon lange Sorgen um die Zukunft. Was wird aus ihrem Sport, wenn Rafael Nadal und vor allem Roger Federer einmal nicht mehr spielen? Auf die beiden Superstars fokussiert sich die überwältigende Mehrheit des Fan-Interesses. Die ATP entwickelt neue Regeln, die das Spiel schneller und damit moderner machen sollen, und sie kreierte die Kampagne „NextGen“. Mit einem großen Aufwand werden Nachwuchsspieler der „nächsten Generation“ promotet, auf dass sich ein Gesicht findet, mit dem sich das Publikum auf der ganzen Welt identifizieren kann. Dieses Gesicht könnte jetzt gefunden worden sein. Stefanos Tsitsipas spielt nicht nur ein faszinierendes Tennis. Der 20 Jahre alte Grieche besitzt ein angenehmes Äußeres und eine natürliche Ausstrahlung, die ihn auf Anhieb sympathisch wirken lassen. Ein Tennisprofi mit Starappeal der Marke jugendlicher Held, offen, alert, aber auch sensibel.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Tsitsipas hat am Sonntag das Kunststück fertiggebracht, den großen Liebling der Tennisfans, Roger Federer, zu besiegen, ohne das Publikum gegen sich aufzubringen. Und der große junge Grieche bestand am Dienstag auch die große Reifeprüfung, den publicity-trächtigen Erfolg zu bestätigen. Tsitsipas besiegte den Spanier Roberto Bautista Agut 7:5, 4:6, 6:4, 7:6 (7:2) und zog zum ersten Mal in seiner Laufbahn in das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers ein.

          Dort trifft er an diesem Donnerstag (9.30 Uhr MEZ bei Eurosport) auf das nächste noch aktive Tennis-Idol, Rafael Nadal. Der Spanier setzte seine Dreisatz-Kampagne in Melbourne fort. Er fertigte den Amerikaner Frances Tiafoe, auch ein Mitglied der „NextGen“, kurz und schmerzvoll 6:3, 6:4, 6:2 ab. Tsitsipas sieht sich jedoch alles andere als chancenlos gegen den Zweiten der Weltrangliste: „In Toronto fühlte ich mich sehr nahe am Sieg, obwohl das Spiel 2:6, 6:7 ausging. Ich habe mir dann in der Umkleidekabine versprochen, das nächste Mal werde ich es viel besser gegen ihn machen. Ich meine, ich habe ein bisschen verstanden, was er auf dem Platz macht.“

          Toronto, das war im vergangenen August das Turnier, bei dem ihm der große Durchbruch gelungen war. Bevor er Nadal im Endspiel unterlegen war, hatte er mit Thiem, Anderson, Zverev und Djokovic nacheinander vier Top-Ten-Spieler bezwungen. Als 15. der Weltrangliste kam Tsitsipas nach Melbourne, und vor seinem ersten Aufschlag sagte er: „Mein Ziel in diesem Jahr ist es, in einem Grand-Slam-Turnier das Halbfinale zu erreichen.“ Anderthalb Wochen später war es schon so weit. Ob er jetzt zufrieden sei, wurde der 20-Jährige nach dem Sieg über Agut gefragt. Seine Antwort: „Ich bin glücklich, aber es ist nicht mehr als der Startpunkt, um weiterzukommen. Es ist, als hätte ich das Minimum erreicht.“

          Der Satz mag sich angeberisch lesen. Aber er hörte sich nicht wie eine großsprecherische Kampfansage ans Establishment an, als der Grieche ihn sagte. Tsitsipas, früher häufiger von Selbstzweifeln geplagt, weiß seit Toronto, was er kann, und teilt das nur in aller Freundlichkeit mit. Er spielt dabei mit seinen langen Haaren, seine Augen sind hellwach, und auf seinem Mund liegt ein kleines Lächeln. Bei den Junioren war der Grieche unangefochten die Nummer eins der Welt, der Umstieg ins Herren-Tennis fiel ihm aber schwer. Vor einem Jahr begann er auf seinen Tennis-Reisen Videos zu drehen und eröffnete einen eigenen Kanal beim Internetportal Youtube.

          „Wenn ich verzweifelt bin, mich niedergeschlagen fühle, dann mache ich diese Videos. Dann realisiere ich, dass Tennis nicht das Wichtigste auf der Welt ist, dass wir alle auch andere Talente haben. Ich entspanne dabei, das Befriedigende ist, etwas zu kreieren.“ Nach dem Sieg über Federer hat sich die Anzahl der Abonnenten seines Kanals verdoppelt. „Ja, dieser Sieg hat mein Erscheinungsbild für die Welt verändert. Er war sehr wichtig für meine Karriere. Ich werde den Matchball auch nie in meinem Leben vergessen. Aber wichtiger ist, dass ich bleibe, wer ich bin, dass man nicht zu viel an sich denkt.“

          Tsitsipas wurde in eine Tennis-Familie hineingeboren. Sein Vater Apostolos war und ist Tennis-Lehrer und trainiert ihn heute noch. Seine Mutter Julia, geborene Salnikowa, war russische Meisterin. Mit drei schwang er das erste Mal den Schläger. Als Kind spielte er auch sehr gut Fußball und galt als talentierter Schwimmer. Aber er entschied sich früh für Tennis. Sein Vater erinnerte sich in einem Interview: „Als Stefanos neun war, weckte er mich einmal mitten in der Nacht und sagte: Vater, ich werde Tennisprofi, ich mag den Wettkampf und die Herausforderung.“

          Seit längerem hört Tsitsipas junior nicht mehr nur noch auf Tsitsipas senior. Er wird auch von Patrick Mouratoglou betreut, dem Trainer von Serena Williams. Für ihn einer der Besten der Welt. „Er spricht nicht viel, aber was er sagt, ist so etwas von wahr und auf den Punkt.“ Mouratoglou bestärkte ihn darin, sein variantenreiches Tennis beizubehalten, als sich die Ergebnisse nicht wie gewünscht einstellten. Der Grieche unterscheidet sich von den anderen Spielern der „NextGen“, indem er mehr als einen knackigen Aufschlag, eine krachende Vorhand und ein kraftvolles Grundlinienspiel anzubieten hat. Tsitsipas spielt die Rückhand einhändig und liebt es, ans Netz zu gehen. Und er verspürt keine Ehrfurcht, wenn er auf die ganz Großen trifft, so wie viele andere aus seiner Generation. „Ich bin als Kind fast im Meer ertrunken. Mein Vater hat mich gerade noch gerettet. Seitdem weiß ich, was Furcht ist. Im Vergleich dazu spüre ich auf dem Tennisplatz null Angst.“

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