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Australian Open : Federer und die Sorgen vor dem Halbfinale

  • -Aktualisiert am

Nach dem Kraftakt im Viertelfinale trifft Roger Federer (Bild) nun auf Novak Djokovic. Bild: EPA

Nach dem verrückten Sieg mit sieben abgewehrten Matchbällen steht Roger Federer bei den Australian Open im Halbfinale gegen Novak Djokovic. Doch den Schweizer plagt davor nicht nur ein Problem.

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          Als er den Interviewmarathon und alle Aufgaben des Abends erledigt hatte, wurde Roger Federer von den allgegenwärtigen Kameras im Melbourne Park dabei erwischt, wie er durch die Katakomben schlenderte, in der einen Hand ein Mobiltelefon, in der anderen ein Eis. Es lag eine gewisse Lässigkeit in dieser Szene, zwei Stunden nach seinem Sieg in fünf Sätzen gegen einen Außenseiter aus den Vereinigten Staaten. Da schien das 1512. Spiel seiner Karriere, in dem er sieben Matchbälle abgewehrt hatte, fast schon vergessen zu sein, der Rest der Tenniswelt redete dagegen noch ziemlich lange darüber. Sieben Matchbälle! Eigentlich nicht zu fassen.

          Der Gegner am anderen Ende der Geschichte, Tennys Sandgren, brauchte länger, um sich zu erholen. Irgendwie ist das in der ganzen Dimension fast nicht vorstellbar: Du bist die Nummer 100 der Tenniswelt, Stammgast eher bei kleineren Turnieren, spielst in einem der größten Stadien gegen den größten Star, der angeschlagen wirkt; du brauchst nur noch einen einzigen Punkt für einen Sieg, von dem alle reden werden, weit über diesen einen Tag hinaus.

          Du vergibst die erste Chance, die zweite und die dritte, und irgendwann hörst du auf zu zählen, weil die Dämonen in deinem Kopf mit jeder neuen Zahl mehr Unheil anrichten. Dann ist es vorbei mit deiner Chance, und du ahnst: Von nun an geht’s bergab. Nein, Tennys Sandgren aus Gallatin in Tennessee, der prima gespielt hatte gegen den großen Favoriten, war vermutlich der Vorletzte, mit dem man an diesem Tag hätte tauschen wollen. Doch ein paar Stunden nach der Niederlage überzeugte er mit Galgenhumor, als er über Twitter fragte: Was macht man in solchen Fällen, Leute? Für jeden Matchball einen Doppelten kippen?

          „Manchmal brauchst du einfach Glück“, gab Federer nach seinem Sieg in fünf Sätzen (6:3, 2:6, 2:6, 7:6, 6:3) zu. „Diesen Sieg habe ich nicht verdient.“ Der Schweizer hatte sich wegen Schmerzen an der Leiste behandeln lassen, hatte eine Verwarnung wegen eine Fluches kassiert, hatte bescheiden gespielt für seine Verhältnisse, passiv und ohne Schwung. Er hatte Fehler über Fehler gemacht in den dreieinhalb Stunden der Partie – nicht aber bei den sieben Matchbällen, drei beim Stand von 4:5 im vierten Satz, vier wenig später im Tiebreak. Da war es der Amerikaner, der die Fehler machte, erzwungen oder ohne Not, und so rann ihm die Gelegenheit, den Coup seines Lebens zu landen, durch die Finger.

          Als Federer später gefragt wurde, ob er je so viele Matchbälle abgewehrt habe, meinte er, genau wisse er das jetzt nicht – er konnte sich nicht mal erinnern, dass es sieben gewesen waren. Aber zu den fünf größten mirakulösen Rettungen seiner Karriere gehöre dieses Ding sicher. Was natürlich direkt zur Überlegung führt, ob er das Wohlwollen der Götter bei diesem Turnier nicht allmählich verbraucht haben könnte. Schon beim Sieg gegen den Australier John Millman in der dritten Runde, den er nach einem deutlichen Rückstand im Match-Tiebreak des fünften Satzes noch gewonnen hatte, bediente er sich großzügig aus diesem Fundus.

          Ganz im Gegensatz zu Novak Djokovic, der am Dienstag gegen Milos Raonic klinisch sauber spielte und so souverän gewann (6:4, 6:3, 7:6) wie in den Runden zuvor. Das Halbfinale zwischen dem Schweizer und dem Serben wird die 50. Begegnung der beiden sein, 26 gewann Djokovic. Doch interessanter sind andere Zahlen – der letzte Sieg Federers im Rahmen eines Grand-Slam-Turniers liegt acht Jahre zurück, die fünf Spiele danach verlor er, zuletzt vor einem halben Jahr in Wimbledon, als er zwei Matchbälle vergeben hatte. Genau daran erinnerte Djokovic, als er nach seiner positiven Bilanz in den vergangenen Jahren gefragt wurde. „In Wimbledon war er einen Ball vom Sieg entfernt, es ist ja nicht so, als hätte ich alle Begegnungen dominiert.“

          Novak Djokovic zeigt sich vor dem Duell mit Federer in starker Form.

          Federer findet, das Wimbledon-Finale 2019 müsse er dringend vergessen, obwohl er darin gut gespielt habe. Aber die Frage ist ja ohnehin zunächst mal, ob er bis zum Donnerstag (9.30 Uhr MEZ bei Eurosport) wieder fit sein wird. Er sagt, das Problem an der Leiste sei weniger eine Verletzung als einfach ein Schmerz, und er müsse den freien Tag dazu nutzen, Genaueres herauszufinden. Nach dem langen Spiel gegen Millman in der ersten Woche wusste er, morgen wirst du müde sein, aber mehr ist es nicht. Diesmal schwingt mehr Sorge mit, aber auch die Hoffnung, dass zwei Nächte mit gutem Schlaf, der Rat von Ärzten und die heilenden Hände seines Physiotherapeuten alles wieder in Ordnung bringen werden vor der Begegnung mit dem Titelverteidiger. „Gegen Djokovic muss ich besser spielen“, sagt Federer, „sonst bin ich gleich beim Skifahren in der Schweiz.“

          Auf dem blauen Boden der Rod Laver Arena machte der Gegner aus Serbien in den ersten fünf Runden des Turniers einen so souveränen Eindruck, dass er als Favorit ins Jubiläumsspiel geht. Den ersten seiner sieben Titel in Melbourne gewann er vor einer halben Ewigkeit von zwölf Jahren, nach einem Sieg übrigens im Halbfinale gegen Titelverteidiger Federer. „Ich hoffe, dass ich wenigstens einen Matchball haben werde“, meinte Novak Djokovic am Ende mit einem Anflug von Ironie. Es soll ja Fälle geben, in denen das genügt.

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