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Coaching-Debatte im Tennis : „Ein absolutes Desaster!“

  • -Aktualisiert am

Unterschiedlicher Meinung: Boris Becker (Mitte) und Mats Wilander. John McEnroe (links) schaut zu (Bild von 2015) Bild: Picture-Alliance

Bislang dürfen Trainer den Tennisspielern bei einem Match kaum helfen. Das soll sich ändern. Der Versuch, bei Frauenturnieren offenes Coaching zu erlauben, ruft bei Experten aber auch harschen Widerstand hervor.

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          Es gibt im Deutschen für fragwürdige Änderungen das wunderbare Wort verschlimmbessern oder im Englischen die kaum weniger plakative Redewendung to kill the patient with the cure. Die Frage ist natürlich, wer am Ende entscheidet, ob etwas besser oder schlechter wurde, ob es wirklich einen Sinn hatte, alte und bewährte Dinge zu reformieren. Aber manchmal kann es ziemlich spannend sein, sich an der Diskussion zu beteiligen. Vor allem, wenn Experten aus dem gleichen Job so unterschiedlicher Meinung sind, dass jede Brücke zwischen ihnen wegen der Entfernung der Meinungspfosten zusammenbrechen würde.

          Nun, beim Tennis soll im Frühjahr bei Frauenturnieren ein Versuch mit sogenanntem offenen Coaching gestartet werden. Das geht über die bisher schon bei WTA-Spielen erlaubten Besuche eines Trainers während des Seitenwechsels hinaus; die neue Form sieht vor, dass Spielerinnen auch nach einzelnen Ballwechseln Rat direkt an der Bande einholen können.

          Was die Fachleute davon halten? „Ich bin ein Fan von Coaching im Tennis“, sagt Boris Becker. „Ich finde es bemerkenswert, dass wir der einzige Sport in der Welt sind, wo dieses Coaching nicht oder nur teilweise erlaubt ist. Ich freue mich, dass wir darüber diskutieren, die Qualität des Tennis würde besser werden.“ Da wendet sich der Kollege Mats Wilander mit Grausen ab. „On Court Coaching? Ein absolutes Desaster!“, sagt er. „Unser Sport nimmt in der Gesellschaft einen Platz ein, der es dir als Spieler erlaubt, deine eigenen Probleme zu lösen. Wem das nicht gefällt, der soll gehen und Fußball spielen.“

          Becker und der Schwede sind in Melbourne für den Sender Eurosport bei der Arbeit, und sie äußerten sich zuletzt bei einer Gesprächsrunde zu diesen und anderen Themen. Ebenso wie Àlex Corretja, der in dieser Sache auf Wilanders Seite steht. Der Spanier findet, es gehöre zum Job jeden Tennisspielers, Lösungen allein zu finden. Das müsse man im Training erarbeiten und in den Spielen zeigen, und wer nicht genügend daran arbeite, der werde eben hinterher bestraft. Bei den US Open wurde die erweiterte Form des Coachings dreimal in der Qualifikation erlaubt, nicht aber später im Hauptfeld, und keiner weiß, ob es bei Grand-Slam-Turnieren je dazu kommen wird.

          Erlaubt ist die Betreuung auf der Bank grundsätzlich bei Mannschafts-Wettbewerben wie Davis- und Fed Cup oder wie kürzlich beim neuen ATP Cup. Becker saß bei diesem Wettbewerb als Kapitän der deutschen Mannschaft auf der Bank, und er sagt, er habe den Eindruck gehabt, die Nähe der Kapitäne sei bei vielen Spielern gut angekommen. Den Einwand, die Suche nach einer eigenen Lösung mache den Charme der Sache aus, kann er nachvollziehen. Aber er findet, bei aller Hilfe müsse der Spieler immer noch seinen eigenen Weg finden, der stehe schließlich allein auf dem Platz.

          Warum Regeln ändern, kontert Wilander, die so erfolgreich sind? „Das hat für mich keinen Sinn. Ich habe nichts dagegen, wenn es den Coaches erlaubt wird, mehr ins Spiel reinzurufen, ihre Leute anzufeuern. Aber die Verantwortung muss beim Spieler bleiben.“ Ginge es nach dem Schweden, der in der achtziger Jahren sieben Grand-Slam-Turnier-Titel gewann, dann gäbe es andere Möglichkeiten, seinen mehrere Jahrhunderte alten Sport zu modernisieren. „Warum nicht anstelle von drei Sätzen auf sechs Punkte fünf Sätze auf vier? Ich bin für alles, was die Sache spannender macht und was Abwechslung bringt. Wenn nicht nur drei Spieler große Titel gewinnen, sondern 20, dann ist es für Kinder viel leichter, davon zu träumen, einer dieser 20 zu sein. Wer träumt davon, Roger Federer zu sein? Keiner! Weil es einfach nicht möglich ist.“

          Alexander Zverev sagt, er höre zum ersten Mal von den Plänen, die Möglichkeiten des Coachings zu erweitern – zumindest erst mal beim Frauentennis. Ob das etwas für ihn wäre? „Wenn ich an die Bande gehe und da sitzt mein Vater, wird eh Ruhe sein. Außer, ich hab wirklich was Blödes gemacht – dann werde ich angeschrien. Ich finde, dass Tennis eine Sportart ist, wo man Dinge für sich selber rausfinden muss.“

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