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Ausweisung von Tennis-Star : „Extrem enttäuschter“ Djokovic hat Australien verlassen

Novak Djokovic am Sonntagabend am Flughafen von Melbourne auf dem Weg zu seinem Flieger Richtung Dubai. Bild: Reuters

Nach tagelangem Chaos entscheiden drei Bundesrichter endgültig gegen den besten Tennisspieler. Novak Djokovic reist kurz nach dem Urteil aus Australien ab. Premierminister Scott Morrison ist erleichtert.

          3 Min.

          Der weltbeste Tennisspieler hat Melbourne verlassen. In der australischen Nacht auf Montag (Ortszeit) flog Novak Djokovic nach Dubai, um von dort nach Spanien weiterzureisen. Zuvor hatten drei Bundesrichter am Sonntagabend in Australien den Entzug seines Visums durch Einwanderungsminister Alex Hawke als rechtens bestätigt, indem sie den Einspruch dagegen abwiesen.

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          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Nummer eins der Weltrangliste zeigte sich kurz nach Urteil in einer vorbereiteten Erklärung „extrem enttäuscht“. Er schloss an: „Es ist mir unangenehm, dass der Fokus in den vergangenen Wochen auf mir lag, und ich hoffe, dass wir uns jetzt alle auf das Spiel und das Turnier konzentrieren können, das ich liebe.“

          Das wünschte sich auch der australische Premierminister Scott Morrison: „Ich begrüße die Entscheidung, unsere Grenzen stabil zu halten und die Sicherheit der Australier zu gewährleisten“, den die Entscheidung vor den Wahlen politisch stärkt. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić sagte, Australien habe den „Lieblingssohn“ des von ihm geführten Landes in einer „Hexenjagd" schikaniert und gedemütigt. Sie habe in eine „sinnlosen" Gerichtsverfahren gemündet. Djokovic habe „Schikanen von nie dagewesenem Ausmaß" erlitten. Der Tennisspieler hatte nach sechstägiger Prüfung durch den Minister am Freitagabend (Ortszeit) sein Einreisevisum nach Australien zum zweiten Mal verloren.

          Djokovic muss nun die Kosten tragen

          „Es ist nicht unsere Rolle, zu entscheiden, ob die Entscheidung der Exekutive klug war“, betonte der Oberste Richter James Allsop am Sonntagabend. Es sei ausschließlich darum gegangen zu prüfen, ob sie gegen geltendes Recht verstoßen habe – das habe sie nicht. Die Entscheidung des Ministers und die Bestätigung durch die Richter konnte nicht mehr angefochten werden. Djokovic muss auch die Kosten tragen, die Australien durch sein Verhalten entstanden sind – Juristen rechnen mit einem siebenstelligen Betrag. Das Gericht nannte für sein Urteil keine Gründe. Sie werden erst in den nächsten Tagen schriftlich nachgereicht werden.

          Djokovic hatte die Nacht vor der endgültigen Richterentscheidung abermals im Asylbewerberzentrum Park Hotel verbracht, dann die Verhandlung von Sonntagmorgen an aus dem Büro seiner Anwälte in Melbourne verfolgt. Schon von seiner Einreise am frühen Donnerstagmorgen vergangener Woche bis zum Montag war er in dem Zentrum festgehalten worden.

          Nachdem ein Richter seine Behandlung durch die Grenzschützer scharf kritisiert hatte, war der Visaentzug zunächst aufgehoben worden und der 34 Jahre alte Tennisstar konnte trainieren. Bei den Australian Open, die an diesem Montag beginnen, wollte er seinen Titel mit einem zehnten Sieg verteidigen und damit als erster Spieler 21 Grand-Slam-Turnier-Titel holen.

          Einwanderungsminister Hawke hatte im Vorfeld vor Aufruhr gewarnt. Australien, wo rund 93 Prozent der Menschen geimpft sind, wird derzeit von einer Omikron-Welle überspült. Die Bestätigung der Entscheidung Hawkes bringt der konservativen Regierung um Ministerpräsident Scott Morrison Rückenwind. Sie kann ihn gebrauchen, denn bis Ende Mai wird gewählt werden. Morrison hatte sich nach einem Kursschwenk relativ früh auf eine Ausweisung Djokovics festgelegt, als er sagte: „Regeln sind Regeln“.

          Dem Einwanderungsminister steht nach australischem Recht in Visa-Fällen eine finale Entscheidung zu, die inhaltlich nicht mehr geändert werden kann. Insofern kämpften die Anwälte von Djokovic auf verlorenem Post – sie hätten den Spitzenbeamten der Regierung und Hawke Verfahrensfehler nachweisen müssen, die diese sich nicht leisten konnten.

          Der Anwalt der Regierung, Stephen Lloyd, hatte am Morgen die Rolle der Sportstars als Werbefiguren angesprochen: „Die Menschen nutzen hochgradige Athleten, um Ideen zu verbreiten und für ihre Anliegen zu werben.“ Das gelte natürlich auch für Djokovic: „Er ist auf vielen Ebenen ein Rollenmodell, ein Vorbild. Sein Aufenthalt in Australien führt den Menschen seine Anti-Impfhaltung deutlich vor Augen – das brächte ein Risiko für die  Gesundheit der Australier mit sich“, sagte der Anwalt mit Blick auf ein Visum. „Diese Sicht rührt nicht nur aus seinen Bemerkungen her, sondern auch daraus, dass er bis heute ungeimpft ist. Und das ist seine eigene Entscheidung.“

          Später fügte er an: „Er ist zu einer Ikone der Impfgegner geworden.“ Die Ansichten des Tennisstars zum Thema Corona und Impfungen seien – auch angesichts der Omikron-Welle – für das Land und seine Menschen gefährlich. Denn Djokovic habe ja beispielsweise auch den Schutz vor der Übertragung von Corona „ignoriert – etwa, als er eine Maske bei einem Interview abnahm, obwohl er infiziert war“. Damit bezog sich Lloyd auf einen Vorfall in Belgrad im Dezember, für den Djokovic Mitte der Woche um Entschuldigung gebeten hatte.

          Offen ist nun wie – wahrscheinlich nach dem Turnier – die in Abstimmung mit dem Verband und Turnierorganisator Tennis Australia nach einer zweifachen medizinischen Prüfung ausgegebenen Sondergenehmigungen an Mitglieder des Tennistross bewertet werden; der Veranstalter in Melbourne wird deshalb noch Fragen beantworten müssen. Ebenso wie die Landesregierung vom Victoria, die zwischen die Fronten geriet. Melbourne, wo das Turnier stattfindet, liegt im Bundesstaat Victoria.

          Die Tschechin Renata Voráčová, die nach einer Woche in Freiheit in Australien festgesetzt wurde und dann aus dem Abschiebezentrum innerhalb von Stunden ausgeflogen war, will derweil Schadenersatzansprüche prüfen lassen.

          Salvatore Caruso ersetzt Novak Djokovic

          Nach der endgültig verweigerten Einreise nach Australien wird der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic bei den Australian Open durch den Italiener Salvatore Caruso ersetzt. Die Nummer 150 der Tennis-Welt rückt als sogenannter Lucky Loser nach und spielt in der ersten Runde gegen den Serben Miomir Kecmanovic. Das geht aus dem aktualisierten Spielplan für Montag hervor, den die Veranstalter in Melbourne am Sonntag kurz nach der Entscheidung des Gerichts veröffentlichten.

          Das Fehlen von Djokovic hat auch Auswirkungen auf Alexander Zverev. Das deutsche Duell des Olympiasiegers mit Daniel Altmaier wurde aus der Margaret Court Arena auf den Centre Court in die Rod Laver Arena verlegt. Dort findet das Auftaktspiel der deutschen Nummer eins nun als zweites Spiel der Nightsession (2. Spiel nach 9.00 Uhr deutscher Zeit) statt. Insgesamt sind zum Auftakt der Australian Open gleich acht deutsche Tennisprofis im Einsatz. Die frühere Turniersiegerin Angelique Kerber steigt erst am Dienstag ins Spielgeschehen ein. (dpa)

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