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Tennisprofi Laura Siegemund : Mit viel Mut und einer Prise Psychologie

  • -Aktualisiert am

Raus mit der Freude: Laura Siegemund bejubelt ihren Einzug in die dritte Runde Bild: Reuters

Nach ihrem Abschied vom Tennis hätte Laura Siegemund die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass es keine Rückkehr gäbe. Jetzt steht sie plötzlich bei den Australian Open in der dritten Runde. Wie hat sie das geschafft?

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          Am Ausgang, wo die Spieler auf die Wagen vom Fahrservice warten, hängt eine Tafel mit diversen Unterschriften. Eine davon stammt von Laura Siegemund; großes geschwungenes L, großes geschwungenes S. Die Graphologie erkennt in solchen Buchstaben Stolz, Elan und Einsatzfreude. Das passt wie die Faust aufs Auge zu der Unterschrift, die sie am Donnerstag beim Sieg gegen die frühere Weltranglistenerste Jelena Jankovic auf dem blauen Boden hinterließ. Mit dreifacher Dosis Mut zum Risiko, frech wie Oskar spielte sie und gewann 3:6, 7:6, 6:4, hinterher knallte die Freude aus ihr heraus wie der Korken einer Champagnerflasche bei unsachgemäßer Öffnung.

          Irgendwie kaum zu glauben, die ganze Geschichte. Als Laura Siegemund aus Stuttgart mit 13 oder 14 während eines Lehrgangs in einem Fragebogen die Rubrik „Ziele und Träume“ beantworten sollte, schrieb sie nicht wie die anderen einen oder zwei Sätze hin, sondern zwei Seiten. Natürlich stand unter anderem darin, sie wolle die Nummer eins des Tennis werden, aber es wurde ihr bald klar, dass daraus nichts werden würde. Sie spielte in erster Linie bei kleineren Turnieren und kam trotz beträchtlichen Aufwandes nicht so voran, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie sagt: „Ich war immer ein Arbeitstier, aber wenn man A reinsteckt, kommt nicht immer B dabei raus, das musste ich lernen. Es spielen so viele Faktoren mit.“

          Positionen zwischen 200 und 400

          Sie driftete in der Weltrangliste auf Positionen zwischen 200 und 400, und vor vier Jahren fand sie, die Sache sei erledigt. Sie verabschiedete sich von der Tennistour und vom früher so ausladend beschriebenen Traum, begann eine Trainerausbildung und schrieb sich an der Fern-Uni in Hagen für ein Bachelorstudium in Psychologie ein. Ob es ein Studium der Wirtschaftswissenschaften auch getan hätte, um ein wenig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen? Egal.

          Irgendwie, sagt Laura Siegemund, sei sie wieder in die Profitour reingestolpert, obwohl sie damals die Hand dafür ins Feuer gelegt hätte, dass das nicht mehr passieren würde. Im Geschenkkarton des Lebens lagen wohl noch ein paar Tennisbälle mit ihrem Namen drauf. Im vergangenen Jahr schaffte sie in Wimbledon und bei den US Open die Qualifikation fürs Hauptfeld, am Ende der Saison stand sie in der Weltrangliste unter den besten hundert, und nach dem Ende der Australian Open wird sie voraussichtlich eine neue Bestmarke erreichen mit einer 8 vorne dran.

          Kann es sein, dass das Thema Psychologie also doch eine Hilfe war? Die allgemeine Psychologie im Bachelor sei „recht basic“, sagt sie. „Aber die ein oder andere Sache kann man immer übernehmen. Ein bisschen mehr Struktur, sich selbst hinterfragen. Bei einem Psychologen wird auch nicht alles top laufen im Leben. Aber die Infos nicht zu haben ist der erste Schritt in eine falsche Richtung.“

          Die Bachelorarbeit zum Thema „Choking under Pressure“ (Versagen unter Druck) ist geschrieben und abgegeben, im Februar wird sie die Note erfahren. Den realen Test im Spiel gegen Jelena Jankovic bestand Laura Siegemund jedenfalls cum laude. Obwohl sie den ersten Satz gegen die Favoritin verlor, blieb sie bei ihrer Strategie. Aber es war mehr als nur der Plan, Jankovic anzugreifen, sie zu verwirren.

          Bilderstrecke

          Die sichtbare Lust an der Herausforderung setzte der Gegnerin zu, deren Laune im Laufe der Partie schlecht und schlechter wurde. Andere spielen kommentarlos vor sich hin - so ist Laura Siegemund nicht. Immer wieder feuerte sie sich an, immer wieder lobte sie sich und sparte nicht mit Komplimenten. „Geiler Aufschlag!“ - „Was für ein geiler Volley!“ Die Kraft des positiven Denkens in Reinkultur, die Zuschauer genossen es und schlugen sich immer mehr auf ihre Seite. Und sie genoss jede Sekunde.

          Die Offensive in Zahlen ausgedrückt: 39 Mal stürmte sie ans Netz, 32 Mal machte sie den Punkt, marschierte im Stechschritt zurück, sammelte sich kurz, und dann begann alles von vorn. Am Ende standen 50 sogenannte Winner in der Bilanz; das sind Werte, die man nicht nur im Frauentennis nicht jeden Tag sieht. Ihre sprudelnde, ansteckende Freude nach dem Matchball passte dazu.

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          Später verabschiedete sie sich mit den Worten, jetzt werde erst mal gefeiert, aber dabei sollte man sich keinen Alkohol in der Hand der Siegerin vorstellen. „Ich nehme meine Aminosäuren, die anderen können trinken“, sagte sie und lachte noch mal laut und herzhaft. Und was bis jetzt schon eine ziemlich coole Geschichte ist, das wird, mit der deutschen Brille betrachtet, noch ein bisschen besser. In der dritten Runde wird Laura Siegemund - großes L, großes S - am Samstag gegen Annika Beck spielen, die souverän gegen Timea Bacsinszky aus der Schweiz gewann (6:2, 6:3) und danach auch ziemlich stolz auf sich war. Ein Champagnertag fürs deutsche Frauentennis.

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