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Finale der Australian Open : Die neue Frechheit des Dominic Thiem

  • -Aktualisiert am

Dominic Thiem steht im Endspiel der Australian Open. Bild: EPA

Die Zeiten, in denen Dominic Thiem als Spezialist auf Sandplätzen galt, sind vorbei. Nun steht er im Finale der Australian Open. Davor sorgte er für Aufsehen mit der ultrakurzen Kooperation mit Trainer Thomas Muster.

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          Seit Herbst vergangenen Jahres ist er Ehrenbürger von Lichtenwörth, einer Marktgemeinde in Niederösterreich mit knapp 3000 Einwohnern, 60 Kilometer südlich von Wien. Der Bürgermeister sagte bei der Ehrung, wer bis jetzt nicht gewusst habe, wo Lichtenwörth liegt, der wisse es nun dank Dominic Thiem. Der gute Mann übertrieb ein wenig; die meisten Leute müssen immer noch nachschauen. Dominic Thiems Rolle in der Welt des Tennis ist dagegen zum Ende des ersten Grand-Slam-Turniers im neuen Jahrzehnt klarer definiert denn je.

          Es waren ereignisreichste Tage in Australien. Sie begannen kurz nach dem Jahreswechsel in Sydney während des ATP Cups mit der offiziellen Verkündung der Zusammenarbeit mit dem besten Österreicher der Vergangenheit, Thomas Muster, der in den achtziger und neunziger Jahren 44 Titel gewann, darunter 1995 die French Open. Muster stand insgesamt sechs Wochen an der Spitze der Weltrangliste. Genau dorthin wollte er den Landsmann führen.

          Doch die für 20 Wochen im Jahr geplante Zusammenarbeit endete abrupt. Nach zwei Spielen war Schluss mit Domi und Tom, die so unterschiedlich sind, wie es unterschiedlicher kaum geht; der eine ein höflicher, nahbarer junger Mann, der andere ein knurriger Zweifler, der nie auf die Idee gekommen wäre, Komplimente zu machen, nur weil man es damit im Leben manchmal etwas leichter hat. Muster habe zu viel Druck erzeugt, erklärte Thiem zum Ende der ultrakurzen Kooperation, dabei sei der Druck, den er sich selbst mache, schon groß genug.

          Dass er so schnell die Reißleine zog, spricht für eine gute Portion Mut und für das Vertrauen ins eigene Gefühl. Und für die Erfahrungen, die er bei einer anderen Trennung gemacht hatte. Im März 2019 hatte sich Thiem nach 17 gemeinsamen Jahren von Günter Bresnik getrennt, jenem Mann, der ihn zu einem Weltklassespieler geformt hatte und der wie ein zweiter Vater für ihn gewesen war. Aber manchmal stehen die Beziehungen zu ersten und zweiten Vätern in strategisch wichtigen Positionen einer Entwicklung der Persönlichkeit im Wege.

          Seit er mit dem lockeren Chilenen Nicolas Massu als Coach unterwegs ist, Olympiasieger im Einzel und Doppel 2004, macht der sonst eher ruhige Ehrenbürger Lichtenwörths einen frecheren Eindruck, abseits des Platzes und im Spiel. Nach einem Sieg gegen Novak Djokovic bei den ATP Finals im November meinte der Serbe hinterher beeindruckt, so mutig habe selten einer gegen ihn gespielt.

          Die Zeiten, in denen Thiem als Spezialist auf Sandplätzen galt, sind vorbei. Im März 2019 gewann er beim Turnier in Indian Wells den ersten großen Titel auf einem Hartplatz, und dass er nun nach zwei Endspielen bei den French Open in den vergangenen Jahren in Melbourne das erste auf einem anderen Boden erreichte und auf dem Weg dorthin Rafael Nadal und Alexander Zverev besiegte, ist der Beweis für den Sprung auf Ebene zwei.

          Sowohl Roger Federer als auch Zverev meinten, natürlich habe Thiem gute Chancen, den siebenmaligen Turniersieger Djokovic an diesem Sonntag (9.30 Uhr MEZ bei Eurosport) zu knacken, wie er es im November in London und im Juni in Paris geschafft hatte. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Thiem bei der Frage nach seiner Popularität freundlich lächelnd feststellte: „Ich bin ein bisserl zu normal für einen Hype.“ Normal wird er bleiben, aber die Sache mit dem Hype in Österreich könnte sich noch ändern.

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