https://www.faz.net/aktuell/sport/australian-open/australien-entscheidende-verhandlung-zu-visum-von-novak-djokovic-17733961.html

Entscheidende Verhandlung : „Djokovic ist eine Ikone der Impfgegner“

Novak Djokovic wird am Sonntag vom Hotel zur Kanzlei seiner Anwälte gefahren, wo er die Verhandlung verfolgte. Bild: EPA/James Ross

Bundesrichter urteilen, ob der Tennisstar in Australien bleiben darf. Die Anwälte haben ihre Plädoyers vorgetragen. Die Entscheidung steht bevor.

          3 Min.

          Die Entscheidung über das Australien-Visum des weltbesten Tennisspielers Novak Djokovic naht. Seit dem frühen Morgen hörten die drei Richter des Bundesgerichtshofes in Australien die Anwälte beider Seiten: Hier das Anwaltsteam des Athleten, das inzwischen zweimal erfolgreich gegen dessen Ausweisung vorgegangen ist. Dort der Anwalt, der Einwanderungsminister Alex Hawke vertritt. Er hatte dem Serben nach sechs Tagen Prüfung am Freitagnachmittag sein Visum zum zweiten Mal entzogen. Eine Entscheidung soll noch heute fallen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Am frühen Nachmittag zogen sich die drei Richter zur Beratung zurück. Sie hoffen, noch am australischen Abend zu einem Urteilsspruch zu kommen. Der Anwalt von Djokovic drängte darauf, falls dieser für seinen Klienten positiv ausfalle, müsse Djokovich sofort aus der Abschiebehaft entlassen werden. Gelingt die Urteilsfindung heute nicht mehr, bliebe der Montagmorgen.

          Gegen 4 Uhr nachmittags australischer Zeit – 6 Uhr deutscher Zeit – wollen die Australian Open den Spielplan für den morgigen Montag veröffentlichen. Titelverteidiger Djokovic ist an Nummer eins gesetzt. Trotz des Chaos bei seiner Vorbereitung auf das Turnier will die Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste das Turnier unbedingt spielen. Würde er dort den zehnten Titel holen, hielte er einen Rekord von 21 Grand Slams –  so viele, wie kein anderer Tennisspieler. „Der Antragsteller bittet höflich um eine dringende Anhörung, damit der Antragsteller im Falle eines positiven Bescheids an den Australian Open teilnehmen kann“, hieß es in der Einlassung seines Anwalts Nicholas Wood.

          Die Zeit drängt

          Das Team Djokovic hatte schon am Morgen von der Dringlichkeit der Entscheidung gesprochen. Denn der Auftritt des 34-Jährigen in Melbourne sei schließlich der einzige Grund für seinen Visaantrag gewesen. Mit dem Wechsel zwischen seinem selbstgewählten Wohnort in der Stadt und dem Abschiebehotel dürfte der Athlet inzwischen freilich eine spürbaren Trainingsrückstand haben. Der weltweit anerkannte Oberste Richter am australischen Bundesgerichtshof, James Allsop, akzeptierte den Zeitdruck von Beginn an. Der 68-Jährige ließ keinen Zweifel daran, dass er eine Entscheidung der drei Richter noch an diesem Sonntag anstrebt. Eine Berufung ist dann nicht mehr möglich. Fast 90.000 Menschen folgten der Liveübertragung der Verhandlung.

          Der Anwalt der Regierung, Stephen Lloyd, sprach die Rolle von Sportstars als Werbefiguren an: „Die Menschen nutzen hochgradige Athleten dauernd, um Ideen zu verbreiten und für ihre Anliegen zu werben.“ Das gelte natürlich auch für Djokovic: „Er ist auf vielen Ebenen ein Rollenmodell, ein Vorbild. Sein Aufenthalt in Australien führt den Menschen seine Anti-Impfhaltung deutlich vor Augen – das brächte ein Risiko für die  Gesundheit der Australier mit sich“, sagte der Anwalt mit Blick auf ein Visum. „Diese Sicht rührt nicht nur aus seinen Bemerkungen her, sondern auch daraus, dass er bis heute ungeimpft ist. Und das ist seine eigene Entscheidung.“ Später fügte er an: „Er ist zu einer Ikone der Impfgegner geworden.“

          Angebliche Gefahr für Australien

          Die Ansichten des Tennisstars zum Thema Corona und Impfungen seien – auch angesichts der Omikron-Welle, die Australien seit Wochen überspült – für das Land und seine Menschen gefährlich. Denn Djokovic habe ja beispielsweise auch den Schutz vor der Übertragung von Corona „ignoriert – etwa, als er eine Maske bei einem Interview abnahm, obwohl er infiziert war“. Damit bezog sich Lloyd auf einen Vorfall in Belgrad, für den sich Djokovic Mitte der Woche entschuldigt hatte.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Djokovics Anwalt Nicholas Wood hatte zuvor die Begründung des Ministers Punkt für Punkt auseinander zu nehmen versucht. Er setzte zwei Schlaglichter: Zum einen gehe der Minister davon aus, dass der Serbe eine Haltung gegen Impfungen einnehme – was Lloyd später bestätigen sollte. Djokovics Anwalt aber erklärte: „Es ist schlicht vollkommen falsch zu sagen, Herr Djokovic sei eine Leitfigur für Impfgegner.“ Dies könne der australische Minister weder wissen noch belegen.

          Schwerer wog aus seiner Sicht, dass Hawke fürchte, der Verbleib von Djokovic im Land werde zu einer „Anti-Impfung-Stimmung“ führen, die dann eine Gefahr für Australien sei. „Es gibt keinen Beleg dafür, dass eine Anti-Impf-Stimmung dadurch gestärkt würde, dass mein Klient hier für zwei Wochen Tennis spielt“, sagte Wood. Und: „Der Minister hat niemals geprüft, ob eine Ausweisung nicht ebenfalls enorme Risiken für die Öffentlichkeit enthalte. Das ist irrational.“ Der Anwalt fuhr fort: „Es ist auf seine Art pervers, so einen enge Sicht einzunehmen.“

          Noch während Australiens angesehenste Richter unter hohem Zeitdruck versuchen, durch einen raschen Schiedsspruch weiteren Schaden aus dem Fall Djokovic abzuwenden, erklärte der Ministerpräsident von Victoria, Dan Andrews, am Sonntagmorgen: „Lass Dich einfach impfen, Novak. Dann würde nicht jedermanns Zeit verschwendet über das Ganze.“

          Andrews' eigene Rolle in der Visa-Affäre, die seiner Regierung und diejenige von Tennis Australia müssen in den nächsten Wochen allerdings noch aufgearbeitet werden. Schließlich besaß Djokovic bei seiner Einreise offizielle Unbedenklichkeitsbescheinigungen, die Beamte des Bundesstaates ihm gegen die Weisung des australischen Gesundheitsministers ausgestellt hatten.

          Weitere Themen

          AS Rom gewinnt gegen Feyenoord Rotterdam Video-Seite öffnen

          UEFA Conference League : AS Rom gewinnt gegen Feyenoord Rotterdam

          „Es ist ein Moment, auf den wir seit Jahren gewartet haben.“ Die Freude unter den Fans des AS Rom war deutlich spürbar. Nach über 60 Jahren Vereinsgeschichte holte die Mannschaft aus der italienischen Hauptstadt nun ihren ersten europäischen Titel.

          Topmeldungen

          Will nicht gehen: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann

          Feldmann und Frankfurt : Die Stadt bin ich

          Die Weigerung Peter Feldmanns, als Frankfurter Oberbürgermeister zurückzutreten, zeigt die Schwächen der Hessischen Gemeindeordnung auf. Kommt Feldmann als doppelter Sieger aus der Affäre?
          Symbolpolitik – Palästinenser in Bethlehem vor einem Wandbild der am 11. Mai getöteten Al-Jazeera-Journalistin Shireen Abu Akleh.

          Erschossene Journalistin : Woher kam die Kugel, die Shireen Abu Akleh traf?

          Der Sender CNN folgt der Interpretation, die Al-Dschazira-Journalistin sei von der israelischen Armee „gezielt“ erschossen worden. Das lege eine Beweiskette nahe. Die Palästinenser geben indes die tödliche Kugel nicht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          AllesBeste
          Testberichte & Kaufberatung
          Baufinanzierung
          Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
          Spanischkurs
          Lernen Sie Spanisch