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Finale der Australian Open : Der Kampf um die Spitze der Tennis-Welt

  • -Aktualisiert am

Die lächelnde Naomi Osaka: Wird sie Serena Williams als neue Tennis-Königin ablösen? Bild: EPA

Die eine erlebt gerade ihre zweite Karriere, die andere hat gelernt, mit Stress umzugehen. Das Australian-Open-Finale ist gleichzeitig der Kampf um die neue Nummer eins.

          Die Thronfolge im Damentennis ist ungeklärt. Königin Serena die Einzigartige hat ihre Regentschaft nach ihrer Babypause noch immer nicht wieder übernommen, und in den Diadochenkämpfen vermochte sich keine Spielerin durchzusetzen. Als in Melbourne die Achtelfinalspiele der Australian Open begannen, hatten noch sieben Spielerinnen die Chance, Weltranglistenerste zu werden. Vor dem Endspiel an diesem Samstag sind es noch zwei. Die Japanerin Naomi Osaka und die Tschechin Petra Kvitova kämpfen nicht nur um den Grand-Slam-Titel, sondern auch um den Platz an der Spitze der Tennis-Hierarchie (9.30 Uhr MEZ bei Eurosport).

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          So langsam häufen sich allerdings die Indizien, dass sich eine legitime Nachfolger der 37 Jahre alten Serena Williams als Herrscherin im Tennis-Reich herausschält. Mit ihren 21 Jahren steht Osaka nun zum zweiten Mal nacheinander in einem Grand-Slam-Endspiel. Im September in New York besiegte sie im Finale Serena Williams 6:2 und 6:4 und ließ sich dabei weder durch einen Wutausbruch der Amerikanerin gegen den Schiedsrichter aus der Fassung bringen noch vom chauvinistischen Publikum. Und auch in Melbourne unterstrich Osaka nicht nur ihre große Begabung, ihre ausgereifte Schlagtechnik und ihre ungeheure Fitness. Sie zeigte die außerordentliche Stressresistenz, die eine Championesse von einer Weltklassespielerin unterscheidet.

          Das 6:2, 4:6, 6:4 im Halbfinale gegen die Tschechin Karolina Pliskova war ihr dritter hartumkämpfter Dreisatzerfolg in diesem Turnier. Gegen die Taiwanesin Hsieh und gegen die Lettin Sewastowa lief sie erfolgreich einem Satzrückstand hinterher. Das war bis vor einem Jahr ihr Problem gewesen. Einmal in Rückstand, fand sie selten ins Spiel zurück. Andererseits lässt sie sich nach einer Führung den Sieg nicht mehr nehmen. Gegen Pliskowa siegte sie zum 58. Mal hintereinander nach gewonnenem ersten Satz.

          Osaka gestand ein, dass sie gegen die Tschechin, die zuvor Serena Williams aus dem Turnier geworfen hatte, an ihre Grenzen gehen musste. „Ich hatte mehrmals Grund dazu, eine Niederlage zu akzeptieren. Aber ich bin stolz auf mich. Ich habe gelernt, niemals aufzugeben.“ Ihre Nervenstärke bewies sie im dritten Satz in zwei entscheidenden Momenten. Beim Stand von 4:3 verhinderte sie Pliskovas Re-Break mit einem As, und auch den Matchball verwandelte sie mit einem As. „Ich habe mit meiner ganzen Energie den Ball ins Feld geguckt“, scherzte Osaka über den Matchball, bei dem erst das Hawkeye Sicherheit brachte, ob der Ball die Linie noch berührt hatte.

          Die in Florida aufgewachsene und lebende Osaka wird im Endspiel trotz ihrer Jugend als Favoritin gehandelt. Die 1,80 Meter große Japanerin verträgt die Hitze in Melbourne besser als Kvitova und besitzt das noch druckvollere Spiel. 15 Asse und 56 Winner gegen Pliskova sind absolute Spitzenwerte. Für Petra Kvitova sprechen ihre aktuelle Form, sie ist 2019 noch ungeschlagen, und ihre Bilanz in Turnier-Endspielen. Sie gewann nicht nur vor zwei Wochen das Vorbereitungsturnier in Sydney, sondern auch die neun Finalspiele zuvor, die sie erreichte.

          Petra Kvitova beim Return: Die Tschechin kämpfte sich nach einer Messerattacke zurück in die Weltspitze.

          Darunter war allerdings kein Grand Slam. Die Wimbledon-Siegerin von 2011 und 2014 drang danach nur noch zweimal bei den US Open in ein Viertelfinale vor und scheiterte ansonsten, bezogen auf ihr Potential, unangemessen früh. Nach ihrer Erstrunden-Niederlage in Wimbledon 2018 sagte sie selbstironisch: „Vielleicht sollte ich die Grand-Slam-Turniere aus meinem Spielplan streichen.“

          Wie gut, dass sie es nicht tat. In Melbourne rauschte die 28-Jährige bisher nur so durch das Turnier. Sie verlor noch keinen Satz, dabei hatte sie mit Ryberikowa, Begu, Bencic, Anisimova und Barty durchweg anspruchsvolle Gegnerinnen. Gegen die Amerikanerin Danielle Collins musste sie im Halbfinale erstmals in einen Tie-Break. Doch da ließ sie der Bezwingerin von Julia Görges und Angelique Kerber keine Chance, gewann 7:2. Womit der Widerstand der ansonsten so zähen Kämpferin gebrochen war. Der zweite Satz endete 6:0 für die Tschechin.

          „Ich fühle mich jetzt endlich ans Ziel meiner zweiten Karriere gekommen“, sagte Kvitova am Donnerstag. Ihre zweite Karriere hatte im Mai 2017 bei den French Open begonnen, nachdem sie fast ein halbes Jahr aussetzen musste. Im Dezember 2016 war sie in ihrer Wohnung Opfer einer Messerattacke eines Einbrechers geworden. Dabei erlitt sie an ihrer linken Schlaghand Schnittverletzungen an den Fingern, den Bändern und Sehnen. Zudem wurden zwei Nerven verletzt. Sie musste sich einer knapp vierstündigen Operation unterziehen. „Es gab eine Zeit, da fiel es mir schwer, zu glauben, noch einmal ein Grand-Slam-Finale erreichen zu können. Aber jetzt ist es um so schöner.“

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