https://www.faz.net/-gtl-a8ani

Turnierdirektor Craig Tiley : Mister Krise und die Australian Open

Krisenmanager der Australian Open: Turnierdirektor Craig Tiley Bild: AFP

Mitten in der Corona-Pandemie muss Craig Tiley die Australian Open ausrichten. Der Turnierdirektor gilt als krisenerprobt. Doch selbst für ihn wird das Grand-Slam-Turnier zum organisatorischen Gigaprojekt.

          2 Min.

          Craig Tiley ist krisenerprobt. Unter Aufbringung sensibler diplomatischer Fähigkeiten hat der Turnierdirektor der Australian Open schon so manch kritische Situation bewältigt. 2018 etwa, als die Tennisprofis mit einem Streik kokettierten, um höhere Preisgelder bei den Grand-Slam-Turnieren herauszuschlagen, rang Tiley an vorderster Front um einen Kompromiss. Im vergangenen Jahr musste er den Umgang mit den verheerenden Buschbränden moderieren.

          Hinzu kommen in unschöner Regelmäßigkeit Debatten um Margaret Court. Nach der australischen Tennis-Heroin, die einst 24 Grand-Slam-Titel gewann und heute vor allem mit rassistischen, homo- oder transphoben Aussagen von sich reden macht, ist im Melbourne Park noch immer eine der größten Tennis-Arenen benannt. Dazu erhielt sie zuletzt verschiedene Ehrungen. Tiley betont stets, dass man ihre Ansichten zwar nicht teile, die sportliche Lebensleistung allerdings anerkenne. Es ist eine Gratwanderung.

          Neuland für Tiley

          Eine Herausforderung, wie sie sich in diesem Jahr stellt, ist trotz alledem selbst für Tiley Neuland. Die Australian Open inmitten einer Pandemie abzuhalten ist ein organisatorisches Gigaprojekt. Ein „logistisches Puzzle“, wie er selbst sagt. Allein die Kennzahlen sind enorm: knapp 10.000 Corona-Tests, mehr als 2000 zusätzliche Sicherheitskräfte, rund 1200 Profis samt Begleitung, die mit 17 Chartermaschinen aus der ganzen Welt eingeflogen wurden.

          Auf der Anlage am Yarra River herrschte in der vergangenen Woche bei sechs parallel stattfindenden Vorbereitungsturnieren ein Gewusel wie nie zuvor. Und das ohne die meisten der bis zu 30.000 Zuschauer, die zu den Australian Open, die am Montag begannen, täglich erwartet werden. Am ersten Tag waren es offiziell  17.922 Zuschauer, wie die Organisatoren mitteilten.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Tileys Ambitionen sind dabei in etwa so gewaltig wie seine Aufgabe. „Wir werden der Welt ein Signal senden“, kündigte er schon vor Wochen vollmundig an. „Ein Signal, dass Melbourne die Event-Hauptstadt der Welt ist.“ Es habe seit dem Ausbruch der Pandemie noch kein Großereignis dieser Art gegeben. Nun wolle man „als Beispiel dafür dienen, dass so ein Event auch in diesen Zeiten möglich ist“.

          „Zero Covid“-Strategie

          Fast ein wenig in den Hintergrund rückt bei so viel australischem Stolz, dass Tiley Südafrikaner ist. Nach einer durchaus ambitionierten Spielerkarriere betreute er einst sogar die Davis-Cup-Auswahl seines Heimatlandes, ehe er in die Funktionärsriege wechselte und 2013 die Führung des australischen Tennisverbands übernahm. Er hat sich seither einen guten Ruf erarbeitet. Die Australian Open sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region um Melbourne. Unter seiner Führung prosperieren sie, 2020 gab es letztlich einen Gewinn von über 200 Millionen Euro.

          Diesmal allerdings galt es für Tiley, in erster Linie überhaupt ein Turnier möglich zu machen. Dafür musste er sich der rigorosen „Zero Covid“-Strategie der australischen Politik bedingungslos unterordnen. Ihre Chance auf einen Appetithappen Normalität verdanken die Australian Open schließlich vor allem den wochenlangen Entbehrungen der Bevölkerung während des harten Lockdowns.

          „Das Virus behandelt alle gleich“

          Der Premierminister des Bundesstaates Victoria, Daniel Andrews, ließ entsprechend nie einen Zweifel daran, dass die Tennis-Stars keinerlei Sonderbehandlung zu erwarten hätten – etwa hinsichtlich der obligatorischen 14-tägigen Hotelquarantäne bei der Einreise ins Land. „Das Virus behandelt alle gleich, also tun wir das auch“, sagte er.

          Zwar gelang es Tiley, zumindest das Privileg täglich fünfstündiger Trainingseinheiten herauszuhandeln. Doch als auf den Charterflügen die ersten positiven Fälle auftauchten, hatte sich für 72 Spielerinnen und Spieler auch das schon bald wieder erledigt. Wie wackelig das ganze Vorhaben bleibt, zeigte sich außerdem am Mittwoch, als ein Hotelmitarbeiter positiv auf das Virus getestet wurde.

          507 Teilnehmer und Offizielle mussten umgehend wieder in Quarantäne, der Spielbetrieb für den nächsten Tag wurde abgesagt. Erst nach negativen Testergebnissen durften sie ihre Hotelzimmer wieder verlassen. Letztlich weiß Tiley deshalb selbst, dass er sich vermutlich bis zum Matchball im Finale nicht in Sicherheit wiegen darf. „Aus logistischer Sicht ein kleines Wunder wäre, wenn wir es schaffen“, sagt er.

          Weitere Themen

          Englische Teams ziehen sich zurück Video-Seite öffnen

          Super League : Englische Teams ziehen sich zurück

          Nach Manchester City bestätigten auch Manchester United, Liverpool, Arsenal, Tottenham Hotspur und Chelsea ihren Rückzug. Nun steht die Super League nicht einmal 48 Stunden nach ihrer Gründung vor dem Aus.

          Topmeldungen

          Der Ausbau der Leitungen muss zügig vorankommen.

          Netzagentur-Chef im Interview : „Deutschland hat genug Strom“

          Trotz Kohle- und Atomausstiegs sieht Netzagentur-Präsident Jochen Homann die Versorgung nicht gefährdet. Zugleich hält er den teuren Ausbau des Stromnetzes für alternativlos.

          Der Fall George Floyd : Amerikas Justizwesen ist kaputt

          Die amerikanische Politik bleibt in ihrer Übertreibungsspirale gefangen. Deshalb wird es auch nach dem Mordurteil in Minnepolis nicht zu den Reformen kommen, die das Land so dringend braucht.
          Juve-Boss Andrea Agnelli: Einer der Initiatoren und Befürworter der Super League

          Juve-Präsident Andrea Agnelli : „Verräter, wie Judas“

          Juventus-Präsident Agnelli war einer der Initiatoren der Super League. In Italien wird er heftig angefeindet – und hat sogar Ärger mit dem berühmten Taufpaten eines seiner Kinder. Nun wird bekannt: Das Projekt wird verworfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.