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Tennis-Drama in Melbourne : Murray liefert Filmstoff für Hollywood

  • -Aktualisiert am

Ein letzter Kampf in Melbourne: Andy Murray scheidet in der ersten Runde aus. Bild: AFP

Andy Murray kämpft vier Stunden gegen Schmerzen und Gegner. Doch es reicht nicht zum Sieg in der ersten Runde der Australian Open. Dennoch wird er vom Publikum und den Kollegen gefeiert.

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          Wie konnte es dieser Mann nur fertigbringen, 7500 Zuschauer im Melbourne Stadium und Millionen vor den Bildschirmen zu begeistern? Dieser Mann, der müde über den Teppich schlurft, eine Hand an die Hüfte stützt, jeden Schritt bedächtig setzt, der den Eindruck macht, als habe er unerträgliche Schmerzen. Noch eine Stunde zuvor war er mitunter über den Tennisplatz gefegt wie ein Irrwisch. Was Andy Murray an diesem ersten Montag der Australian Open 4:10 Stunden lang vollführte, war ein Heldenstück, angetrieben durch Willen, Stolz, Liebe zum Tennis, Adrenalin und mindestens zwei Paracetamol-Tabletten. Ein Heldenstück, das alle rührte, aber keineswegs zur Nachahmung empfohlen werden kann und keinem Kind als Vorbild dienen sollte.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Am Freitag hatte der 31 Jahre alte Schotte zum ersten Mal der Öffentlichkeit offenbart, wie sehr er unter seinen degenerierten Hüften leidet. Unter Tränen beschrieb der dreimalige Grand-Slam-Gewinner und zweimalige Olympiasieger seine Qualen und kündigte an, dass er seine Karriere demnächst beenden werde, weil er die Schmerzen nicht mehr aushalten könne. Spätestens in Wimbledon im Juli, vielleicht aber schon hier in Melbourne, sei Schluss.

          Unter diesem Vorzeichen lief seine Erstrunden-Auseinandersetzung mit dem Spanier Roberto Bautista Agut unter der Überschrift: Das letzte Hurra. Murray wollte sehen, was er noch aus sich herauskitzeln kann; das Publikum erleben, wie schlimm es wirklich um den großen Schotten steht. Und wie in seiner gesamten Karriere warf Murray in diesem Match alles in die Waagschale, vielleicht mehr als er hätte tun sollen. „Mir war es egal, ob ich die Hüfte noch mehr schädige. Mir war klar, dass ich zumindest in den nächsten Monaten nicht mehr spielen würde, wenn es nicht sogar mein letztes Spiel ist“, erklärte der ehemalige Weltranglistenerste später.

          Mit einer ungeheuren Willensanstrengung schaffte er es, den Spanier, auf Rang 24 der Weltrangliste plaziert, in ein Fünfsatzmatch zu verwickeln, nachdem er die beiden ersten Durchgänge verloren hatte. „Ich bin nicht mehr der Spieler, der ich war“, sagte Murray hinterher. Aber in vielen Momenten rief er die Erinnerung an den unglaublichen Kämpfer und geschickten Taktiker wach. In anderen Augenblicken war es unverkennbar, wie sehr ihn die Beschwerden behinderten. Vor allem bei schnellen Richtungswechseln oder beim Zurücktrotten an die Grundlinie nach einem längeren Ballwechsel. Er schüttelte mit dem Kopf, wenn er unter seinen alten Möglichkeiten blieb, aber wenn ihm ein Schlag alter Güte gelang, dann war sie wieder da, die Murray-Faust.

          Als er den dritten Satz im Tie-Break gewonnen hatte, brüllte der Schotte seine Freude heraus, als hätte er einen weiteren Grand-Slam-Titel an seine Fahnen geheftet. Nach dem Gewinn des viertes Satzes, wieder im Tie-Break, hatte er für solche großen emotionalen Ausbrüche schon keine Kraft mehr. Seine Mutter Judy und sein Bruder Jamie auf der Tribüne jubelten stärker als er, aber nicht so stark wie die Zuschauer. Murray aber hatte die letzten Körner verschossen. Rasch lag er im fünften Satz 1:5 zurück. Als er dann sein Aufschlagspiel beginnen wollte, konnte er es nicht. Das Publikum bedachte ihn mit stehenden Ovationen. Und noch einmal holte Murray alles aus sich heraus und machte den Punkt. „Ich habe so etwas noch nie in meiner Karriere erlebt, vielleicht als ich zum Wimbledon-Sieg aufschlug, aber ich weiß nicht mehr genau. Es war unheimlich emotional“, sagte der Schotte nach der Auseinandersetzung, die er 4:6, 4:6, 7:6, 7:6 und 2:6 verloren hatte.

          Murray hatte sich und allen anderen noch einmal bewiesen, dass er Grenzen verschieben kann, aber glücklich wirkte er hinterher nicht. Er steht vor einer großen Entscheidung in der nächsten Woche. Entweder pausiere er die nächsten viereinhalb Monate und bereite sich dann noch einmal auf Wimbledon vor – oder er unterziehe sich demnächst einer schweren Operation. „Aber dann gibt es keine Garantie, ob ich jemals noch einmal antreten kann“, sagte er.

          Murray ließ durchblicken, dass die Operation weniger dazu diene, ihn wieder fit für die Tennisweltspitze zu machen, als ihm das tägliche Leben zu erleichtern. „Ich kann die einfachsten Dinge nicht schmerzfrei bewältigen wie Schuhe und Socken anziehen. Mit Freunden Fußball zu spielen oder mit meinem Hund spazieren zu gehen sind die schlimmsten Dinge, die ich mir vorstellen kann.“ Sich noch mal an Wimbledon zu versuchen, wäre gleichbedeutend mit dem Verzicht auf Linderung der Schmerzen. Und so bemerkenswert seine Vorstellung gegen Bautista Agut war – er hätte keine Siegchance auf dem Rasen.

          Seine chronischen Schmerzen quälen ihn schon einige Jahre, seit anderthalb Jahren bekommt der Schotte sie nicht mehr in den Griff. Eine Folge der permanenten Überbelastung: „Wahrscheinlich habe ich zu einigen Zeitpunkten meiner Karriere zu hart trainiert, mich zu sehr antreiben lassen. Das wäre etwas, was ich ändern würde, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte.“ Allerdings seien seine Erfolge auch durch die besonders harte Arbeit entstanden. „Und du bleibst bei dem, was dir den Erfolg bringt.“

          Murray ließ seine Zukunft offen an diesem Montag in Melbourne. Doch seine Kollegen verabschiedeten ihn schon einmal vorsichtshalber – aufgeschreckt durch dessen Bekenntnis am Freitag. Sie hatten ein Video produzieren lassen, das die Stadionregie einspielte, als Murray noch auf dem Platz stand. Roger Federer, Novak Djokovic, Rafael Nadal, Michael Zverev, Marin Cilic, Caroline Wozniacki und viele andere drückten ihre freundschaftliche Verbundenheit mit Murray aus und wünschten ihm Gesundheit. Sichtlich gerührt kommentierte der Schotte: „Wir werden Freunde bleiben, auch wenn wir aufgehört haben zu spielen.“

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