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Australian Open : Was Kerber im Finale Hoffnung macht

  • -Aktualisiert am

Eine hält die deutsche Fahne bis zum Ende hoch: Angelique Kerber. Bild: AFP

Serena Williams überragt alle. Angelique Kerber indes steht zum ersten Mal im Finale eines Grand-Slam-Turniers. Es gibt dennoch etwas, das der Deutschen vor dem Endspiel der Australian Open Mut macht.

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          Es sah fast so aus, als habe ihr eine gute Fee ein Cape über die Schulter gelegt. Der Interviewraum ist normalerweise nicht der Ort, an dem sich Angelique Kerber besonders wohl fühlt, zumal im englischen Teil einer Pressekonferenz. Aber an diesem Nachmittag schien sie selbst diese Aufgabe zu genießen.

          Voller Freude, zum ersten Mal in ihrer Karriere das Finale eines Grand-Slam-Turniers erreicht zu haben, berichtete sie in wohlgewählten Worten über die Genugtuung, diesmal alles richtig gemacht zu haben. Sie wusste, dass sie die Favoritin im Vergleich mit der britischen Herausforderin Johanna Konta gewesen war. Sie wusste, dass eine Niederlage nach dieser Konstellation wieder zu oft gehörten Kommentaren führen würde.

          Wie Ende vergangenen Jahres beim WTA-Finale in Singapur, als ihr der Gewinn eines Satzes gegen die Tschechin Lucie Safarova genügt hätte, um im Halbfinale zu landen. Damals war sie unter dem Druck fast zur Salzsäule erstarrt. Wenn es um große Aufgaben gehe, habe sie ihre Nerven nicht im Griff, hörte sie hinterher. Dieses Gefühl sei schrecklich gewesen, erzählte sie am Donnerstag in ihrer glücklichen Stunde noch mal, sie habe Tage gebraucht, um sich davon zu erholen. Das, hatte sie sich danach vorgenommen, passiert dir nie wieder.

          Nach dem enttäuschenden Ende einer prinzipiell guten Saison hatte sie auf den Malediven am Strand gehockt und beschlossen, die Zeit sei jetzt reif für die Offensive. „Vier Jahre in den Top Ten – alles schön und gut, aber jetzt muss auch mal was anderes kommen.“ Sie fand, es gebe keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Aber die Theorie ist das eine. Vor dem ersten Spiel in Melbourne machte sie sich doch ein wenig Sorgen, dass auch diesmal was schiefgehen könnte.

          Gegen Serena Williams hat sie eigentlich nichts zu verlieren.

          Doch der abgewehrte Matchball zu Beginn, die Probe im deutschen Duell in der vierten Runde gegen Annika Beck und die Aufgabe im Viertelfinale gegen Viktoria Asarenka, gegen die sie nie zuvor gewonnen hatte, und schließlich die große Chance, mit einem Sieg gegen Konta im Finale zu landen - so führte ein Schritt zum nächsten. „In Singapur hab’ ich dem Druck nicht standgehalten, heute hab’ ich es geschafft.“

          Im vergangenen Jahr hatte sie zwar vier Titel gewonnen, aber bei den Grand-Slam-Turnieren war sie nie über die dritte Runde hinausgekommen. Zu wenig für jemanden mit ihrem Talent. Zu wenig für jemanden, der seit Jahren zu den Top Ten gehört. Zu wenig für ihre eigenen Erwartungen. Sie beschloss, sich dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres so zu nähern, als sei das zwar ein reizvolles Ziel, aber irgendwie doch nichts Besonderes. „Ich hab einfach mein Ding gemacht, nichts Kompliziertes. Ich hab zum ersten Mal im offiziellen Spielerhotel gewohnt, alles ganz normal. Und das ist der Schlüssel.“

          Die Amerikanerin dominiert das Frauen-Tennis fast nach Belieben.

          Gegen Johanna Konta hatte sie auch ein wenig Glück, als ihr die Britin Ende des ersten Satzes mit einem leichten Fehler die Tür öffnete. Mit dem ersten Satz in der Tasche spielte sie konzentriert zu Ende und sonnte sich hinterher in einem Gefühl, das sie kaum beschreiben konnte in seiner ganzen Dimension. Natürlich kam das Wort Traum in dieser Stunde vor.

          Aber in ihrer neuen, entspannteren Herangehensweise findet sie, das sei ja erst der halbe Traum. Der zweite Teil beginnt Samstagabend, 19.30 Uhr Ortszeit (9.30 MEZ / Live bei Eurosport) mit dem Finale gegen Serena Williams; ihrem ersten und dem 26. der Amerikanerin. Williams stürmte gegen Agniezska Radwanska durch einen furchteinflößend perfekten ersten Satz und einen sehr soliden zweiten (6:0, 6:4), und man kann sich kaum noch erinnern, dass es vor dem Turnier Zweifel an ihrer Form gab.

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          Serena Williams gewann 39 ihrer letzten 40 Spiele bei einem Grand-Slam-Turnier; das nur als kleine Erinnerung. Die einzige Niederlage erinnert allerdings auch daran, dass nichts in Stein gemeißelt ist; die Wahrscheinlichkeit eines Sieges von Angelique Kerber gegen die mächtige, unwiderstehliche Nummer eins des Frauentennis ist sicher nicht geringer als die Wahrscheinlichkeit seinerzeit bei den US Open in New York vor dem Halbfinale gegen Roberta Vinci aus Italien.

          „Ich werde versuchen, Serena zu zeigen, dass ich das Ding gewinnen will“, sagt Kerber, „von Anfang an.“ Sie hat es schon einmal getan, vor vier Jahren in Cincinnati, sogar in zwei Sätzen. Trainer Torben Beltz, der sie am Donnerstag mit Tränen in den Augen siegen sah („auch die Norddeutschen können Freude entwickeln“), kann sich an das Match gut erinnern. Das sei damals ein Superspiel gewesen. „Sie muss so rausgehen und voller Power spielen wie gegen Asarenka, dann hat sie auch eine Chance. Ich hoffe, dass sie das zeigt.“ Genau das hat sie natürlich auch im Sinn, aber sie will dieses ganz besondere Spiel auch in allen Aspekten erleben. Vom Moment, in dem sie, durch den Torbogen kommend, die vollbesetzte Rod Laver Arena betreten wird, bis zur Siegerehrung – das komplette, langersehnte Programm.

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          Serena Williams verlor noch nie ein Finale in Melbourne, und bleibt es bei dieser makellosen Serie, dann wird sie am Samstagabend etwas geschafft haben, was man sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen konnte: Mit dem 22. Grand-Slam-Titel ihrer Karriere könnte sie Steffi Grafs Marke erreichen. In gewisser Weise liegt es also nun in Angelique Kerbers Händen, diese Marke zu schützen. Ist sie sich dessen bewusst? „Ja, sicher. Ich werde es versuchen. Die Deutschen müssen doch zusammenhalten.“

          Lächelnd berichtete sie, Graf habe ihr nach dem Halbfinale eine Nachricht geschickt. Sie spürte die Neugier im Auditorium und fragte keck: „Wollt ihr wissen, was drinsteht? Soll ich mal gucken?“ Logo. Also warf sie das Handy an und las die Botschaft ihres Idols vor: „Ich gratuliere. Ich freue mich riesig. Lieben Gruß aus Las Vegas.“ Auch in diesem Moment kam es einem so vor, als säße da eine andere Angelique Kerber, glücklich und bemerkenswert entspannt.

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