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Australian Open : Das Rätsel Rafael Nadal

  • -Aktualisiert am

„Ich war so gut im Training und in den vergangenen Turnieren“: Rafael Nadal. Bild: dpa

Rafael Nadal scheitert in Runde eines des Grand-Slam-Turniers von Melbourne: Das frühe Aus des Spaniers bei den Australian Open wirft Fragen auf. Für Bezwinger Verdasco ist der Sieg eine späte Erlösung.

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          Am Abend vor seinem ersten Spiel bei den Australian Open 2016 kam im Hotel wieder mal einer auf Fernando Verdasco zu und sprach ihn auf das irre Spiel von damals an. Er wunderte sich nicht, obwohl die Partie schon sieben Jahre zurück lag. Fünf Stunden und 14 Minuten hatte er damals im Halbfinale mit fast fahrlässigem Mut zum Risiko gegen Rafael Nadal gespielt, doch mit einem fürchterlichen Doppelfehler das Ding nach Mitternacht in fünf Sätzen verloren. Bis heute kann man sich darüber wundern, dass Nadal keine zwei Tage später im Finale gegen Roger Federer noch mal fünf harte Sätze überstand und seinen einzigen Titel bei diesem Turnier gewann.

          Fernando Verdasco war dieses Spiel nie aus dem Kopf gegangen. Immer und immer wieder hatte er sich die Videoaufzeichnung der Begegnung angesehen, fünf Stunden und 14 Minuten aufgeteilt in Portionen unterschiedlicher Länge. Er wollte wissen, was er in bestimmten Situationen richtig oder falsch gemacht hatte, aber er war nicht nur auf der Suche nach einem Lerneffekt. Er erlebte die Aufregung, die Spannung, die ganze fiebrige Atmosphäre des bestens Spiels seines Lebens immer wieder neu. Nur eines blieb gleich; der verdammte Doppelfehler nach mehr als fünf Stunden ließ sich nicht löschen.

          Verdasco überwand die Erinnerung

          In gewisser Weise wunderte er sich also nicht, warum sich die Leute an dieses Spiel erinnerten, warum sie sich an ihn erinnerten. Was wäre, dachte er manchmal, wenn ich die Partie noch mal spielen könnte? Das alles muss man wissen, um die Bedeutung seines Sieges am Dienstagabend in Melbourne gegen Rafael Nadal zu verstehen. Wieder spielten sie fünf Sätze, wieder drosch er die Bälle so vehement übers Netz, dass es nur so krachte und knallte, und wieder ließen die beiden nichts aus. Nadal verlor den ersten Satz im Tiebreak, gewann die nächsten beiden und schien die Sache auch dann noch im Griff zu haben, als er den vierten wieder im Tiebreak verloren hatte.

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          Im fünften führte er schnell 2:0, und Verdasco erinnerte sich. Bitte, dachte er und flehte die Götter an, ich will nicht wieder verlieren, nicht wieder mit einem Doppelfehler im fünften Satz. Dann lieber Attacke, noch mal alles oder nichts. In den 20 Minuten bis zum Ende der Partie spielte er so unwiderstehlich wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr; Nadal gab nicht auf und hetzte von einer Seite zur anderen, aber es nützte nichts. Mit dem 90. Winner der Partie, einem cross gespielten Vorhand-Return, erreichte Fernando Verdasco nach vier Stunden und 40 Minuten das Ziel, und es war in diesem Moment, als habe er in der Endlosschleife seiner Erinnerung die Stopptaste gedrückt: 7:6 (7:5),
          4:6, 3:6, 7:6 (7:4), 6:2 hieß es am Ende.

          Nadal rätselt

          Lässt das Schicksal vielleicht doch mit sich handeln? Hat es ein Herz für ein glückliches Ende, mit dem niemand mehr rechnet? Ja und nein. In der Freude über seinen Sieg, die er auf dem Platz aus Respekt vor Nadal kaum zeigte, vergaß Verdasco nicht zu erwähnen, dass die Sache diesmal doch ein wenig anders sei. Dieser Sieg bringe ihn in Runde zwei, mit einem Erfolg vor sieben Jahren wäre er dagegen im Finale gelandet. Ein anderes großes Finale hatte es nicht gegeben in den Jahren danach.

          Fernando Verdasco gewann in Melbourne nach fünf Sätzen.
          Fernando Verdasco gewann in Melbourne nach fünf Sätzen. : Bild: dpa

          Und Rafael Nadal? Ein einziges Mal zuvor in seiner Karriere hatte er in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers verloren, vor drei Jahren in Wimbledon. Zuletzt hatte es so ausgesehen, als nähere er sich seiner früheren Form, als könne man beim Wettbewerb um große Titel noch mal mit ihm rechnen. Aber so ist es wohl nicht. Mehr, als er in der Vorbereitung gearbeitet habe, könne er nicht tun, sagte er nach der Niederlage. „Ich habe alles versucht, um bereit zu sein, ich hab den Wettbewerb angenommen.“ Er hörte sich traurig an, und er sah traurig aus. Da mag er im Training noch so viele Runden drehen, Bälle schlagen und Situationen simulieren; er gibt alles, aber das Feuer seines Spiels lodert nicht mehr.

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          Rafael Nadal litt still, Fernando Verdasco genoss seinen Triumph wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, und eine schmale Chinesin rührte die Menschen zu Tränen. Shang Shuai, Nummer 133 der Welt, hatte fast vier Jahre lang kein Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen, nicht mal einen Satz. Sie dachte zuletzt immer öfter darüber nach, ob das alles überhaupt noch einen Sinn habe; zu viele Niederlage hält die stärkste Psyche nicht aus. Weil es vielleicht ihr letztes Grand-Slam-Turnier sein würde, hatte sie zum ersten Mal ihre Eltern zu einem großen Turnier eingeladen.

          Sie sollten wenigstens sehen, womit sie 20 Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Dann gewann sie nicht nur einen Satz, sondern ein ganzes Spiel gegen die Nummer zwei des Turniers, Simona Halep, und sie konnte es genauso wenig fassen wie die Eltern und ihr Coach auf der Tribüne. Sie lagen sich in den Armen, und man kann davon ausgehen, dass es auch davon ein Video geben wird. Die Götter des Tennis, daran gibt es keinen Zweifel, gönnten sich an diesem Abend einen wunderbaren, kleinen Ausflug ins Melodramatische.

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