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Australian Open : Es tanzen die Zweifel bei Kerber

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Es stimmt noch nicht im Jahr 2017: Angelique Kerber bei der verpatzten Generalprobe in Sydney Bild: EPA

Die Angst vor der ersten Runde ist noch gewachsen: Als Nummer eins geht Angelique Kerber schweren Schrittes in die neue Tennis-Saison. Vor dem Auftaktspiel mehren sich Anzeichen gehöriger Anspannung.

          Australiens Tennisfans leben im Schlaraffenland. Selbst wenn sie es mit einem Besuch bei den Australian Open nicht schaffen, sehen sie im Januar auf diversen TV-Kanälen stundenlang, tagelang Bilder vom Spiel mit dem gelben Ball. Und natürlich wird nicht nur Runde für Runde übertragen, das Publikum wird auch mit kleinen Filmen und Features verwöhnt, als Hauptdarsteller die Stars des jeweiligen Turniers.

          Schwer vorstellbar, dass es unter diesen Zuschauern nach den ersten beiden Wochen des Jahres noch jemanden gibt, der Angelique Kerber nicht kennt. Während des Turniers in Brisbane, das am Neujahrstag begann, startete die Dauerschleife Kerber, in der Woche danach folgte die Fortsetzung in Sydney. Kerber beim Ausflug an den Circular Quay, wo die riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegen, Kerber vor der weltberühmten Oper, hübsch angezogen, Wind in den blonden Haaren, lächelnd, nett.

          Die schwierige Suche nach einer ruhigen Minute

          PR-Termine für die Turniere, für Sponsoren und die Tennisorganisationen WTA (Frauen) und ATP (Männer), gehören zum Pflichtprogramm aller Spieler und Spielerinnen. Dazu kommen Interviews und Pressekonferenzen, und je erfolgreicher ein Profi ist, desto mehr Zeit wird von ihm verlangt. Angelique Kerber hatte früher schon Gelegenheit, sich an die Gesetze dieser Tennis-Welt zu gewöhnen, schließlich gehörte sie vier Jahre lang mit nur kurzen Unterbrechungen zu den Top Ten und hatte schon damals in den Tagen vor dem Beginn eines Turniers ein relativ volles Programm. Aber seit ihrem Titelgewinn in Melbourne vor einem Jahr und vor allem, seit sie im September in New York die Nummer eins des Tennis wurde und den zweiten großen Titel gewann, wird es immer schwerer für sie, eine ruhige Minute zu finden, um sich und ihre Gedanken zu sortieren.

          „Es darf keine Last sein, denn das ist ein Teil dieses Jobs“, sagte sie Ende vergangenen Jahres in einem Interview mit dem Magazin Socrates. „Ich betrachte das als Anerkennung für mich, als Kompliment. Es ist halt so, dass man als Nummer eins auch ein bisschen eine Botschafterin des Tennis ist – und das will ich auch gerne sein.“ Theoretisch mag es für sie völlig in Ordnung sein, wenn sie in den Stunden vor der ersten Runde von einem Termin zum nächsten flitzt, in der Praxis wird die Sache aber vor allem dann kompliziert, wenn dieser zusätzliche Stress mit einer unangenehm steigenden Anspannung kollidiert.

          Für viele Tennisprofis ist die nervliche Belastung vor dem ersten Spiel größer als vor einem Halbfinale, und Kerber hatte immer Probleme vor diesem ersten Test; die Vorstellung, in der ersten Runde zu verlieren, fand sie schwer erträglich. Das war auch im vergangenen Jahr so, als sie beinahe gleich zum Auftakt gescheitert wäre, und dieses Mal ist die Sache nicht leichter – ganz im Gegenteil.

          Die Leistungskurve ging zuletzt bergab

          Die ersten Erkenntnisse anno 2017 passen nicht ins Konzept. Um sich noch ein paar Tage länger zu Hause vorbereiten zu können, landete sie erst am Silvestertag in Brisbane. Dort, wo sie im vergangenen Jahr das Finale erreicht hatte, spielte sie diesmal mittelprächtig und verlor im ersten Spiel. In der Woche danach in Sydney ging es mit ihrer Leistungskurve weiter bergab, sie verlor wieder, doch es waren weniger die Niederlagen, die ihr zu schaffen machten. Sie habe den Ball nicht gefühlt, klagte sie; Tennisspieler, die den Ball nicht fühlen, stecken in ähnlichen Problemen wie Segler, die den Wind nicht spüren. Kollisionskurs, Kentern.

          Natürlich könnte es in dieser und ähnlichen Schräglagen helfen, sich an die gewonnenen Spiele des vergangenen Jahres zu erinnern, an die großen Siege wie den im phantastischen Finale gegen Serena Williams. Aber auf Kommando funktioniert die Sache leider nicht; in Momenten der Unsicherheit tanzen die Zweifel den guten Erinnerungen auf der Nase rum. Kerber erzählte in dieser Woche noch einmal, bis zum abgewehrten Matchball in der ersten Runde gegen die Japanerin Misaki Doi sei es 2016 wirklich schwer gewesen, erst danach habe sie das Gefühl gehabt, frei zu sein.

          Etwas Abstand beim Italiener

          Aber so weit ist sie diesmal noch nicht. In den ersten Trainingstagen nach der Ankunft in Melbourne besserte sich die Lage nicht, und ihre Anspannung übertrug sich auf das ganze Team. Freitag passte nichts mehr zusammen, was sich auch daraus ablesen ließ, dass Coach Torben Beltz ein fest vereinbartes Interview mit der Botschaft platzen ließ, er wolle sich vor Turnierbeginn lieber nicht mehr äußern. Manchmal hilft es in Fällen von Verkrampfung, das Schneckenhaus zu verlassen und sich zumindest für ein paar Stunden dem Leben anzuvertrauen. Am Abend saßen Kerber und Beltz beim traditionellen Mannschaftsabend der deutschen Spielerinnen mit Bundestrainerin Barbara Rittner und Assistenzcoach Dirk Dier beim Italiener am Tisch, die allgemeine Stimmung ließ nichts zu wünschen übrig.

          Beim Training am nächsten Morgen sah die Welt auf einmal freundlicher aus, und genauso war es beim zweiten ein paar Stunden später mit der Tschechin Lucie Safarova hinter verschlossenen Toren auf Court Nummer 2. Montagabend um 19 Uhr Ortszeit in Melbourne (9 Uhr MEZ) wird Angelique Kerber mit ihrer Gegnerin Lesia Tsurenko aus der Ukraine in der Rod Laver Arena erscheinen. Bis zu diesem Spiel ist alles offen, und jeder Kommentar, jede Prognose ist ein Muster ohne Wert; alles kann passieren.

          Kurz vor den letzten Stufen wird die Deutsche ihrem Ebenbild begegnen; an den Wänden der Katakomben hängen die Zeichnungen der Sieger des Turniers, und jene beiden aus dem vergangenen Jahr, Kerber und Novak Djokovic, sind auf dem Weg zum blauen Platz die Letzten in der Reihe. Wird sie ihr Bildnis als gute Botschaft sehen? Aber erst mal sind andere Fragen zu klären, und als Allererstes geht es für Angelique Kerber um einen beruhigenden, befreienden Sieg.

          Kerber sagt für Fed-Cup-Spiel auf Hawaii ab

          Ohne die Weltranglisten-Erste Angelique Kerber müssen die deutschen Tennis-Damen beim Fed-Cup-Spiel gegen die Vereinigten Staaten am 11. und 12. Februar auf Hawaii antreten. Kerber teilte ihren Verzicht am Sonntag in Melbourne mit, einen Tag vor dem Beginn der Australian Open. Dort verteidigt die Norddeutsche ab Montag ihren Titel. Die Absage für den Fed Cup begründete sie mit dem großen Reisestress, der Zeitverschiebung und dem schon am 13. Februar beginnenden Turnier in Doha. „Es ist mir extrem schwergefallen“, sagte Kerber vor deutschen Journalisten in Melbourne zu ihrer Entscheidung. Bundestrainerin Barbara Rittner äußerte „vollstes Verständnis“ für den Verzicht von Kerber, die bei der nächsten Fed-Cup-Partie im April wieder dabei sein will. (dpa)

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