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Australian Open : Der Reifeprozess des Alexander Zverev

  • -Aktualisiert am

Alles im Blick: Alexander Zverev beweist im fünften Satz seine Nervenstärke. Bild: dpa

So hatte sich Alexander Zverev sein Spiel bei den Australian Open in der zweiten Runde nicht vorgestellt. Er vergibt eine Zweisatzführung. Doch trotz der kritischen Situation bleibt er völlig ruhig.

          Vor einem Jahr schied der beste deutsche Tennisspieler in der dritten Runde der Australian Open aus, weil er von der Widerstandskraft des südkoreanischen Außenseiters Hyeon Chung ziemlich überrascht worden war. Nachdem der 21 Jahre alte Hamburger seinen Vorsprung verspielt hatte, erlitt er so etwas wie einen Systemzusammenbruch und verlor den Entscheidungssatz chancenlos 0:6.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Am Donnerstag entwickelte sich seine Auseinandersetzung in der zweiten Runde mit dem Franzosen Jeremy Jardy zwar wieder nicht so, wie Zverev es geplant und alle erwartet hatten. Diesmal aber endete der fünfte Durchgang mit einem Happy End, nachdem er den Zweisatzvorsprung aus der Hand gegeben hatte. Nach 3:46 Stunden Spielzeit nutzte Zverev eine Viertelstunde nach Mitternacht seinen zweiten Matchball zum 7:6 (7:5), 6:4, 5:7, 6:7 (6:8), 6:1 – die nächste Reifeprüfung ist bestanden. Er und sein Team hätten nicht gezielt darauf hingearbeitet, in kritischen Situationen ruhiger zu bleiben. „Ich bin ein emotionaler Spieler und ich bleibe es. Ich sehe das auch gar nicht so als Nachteil wie andere. Heute war ich ruhiger, es wird Spiele geben, da wird das weniger der Fall sein. Aber ich bin ein Spieler, der sich in wichtigen Momenten zusammenreißen kann.“

          Manchmal aber eben auch nicht in der Vergangenheit. Bis jetzt erreichte der Weltranglistenvierte bei Grand-Slam-Turnieren erst einmal das Viertelfinale, 2018 in Paris. Wenn er einen Auftritt wie gegen Chardy zum Standard erheben würde, könnte das allerdings helfen, auch bei den vier größten Turnieren große Erfolge zu feiern. Zverev zeigte gegen den Franzosen auch in den nervenaufreibendsten Augenblicken kein Anzeichen mentaler Schwäche oder Angespanntheit, aus der sein Gegner im Entscheidungssatz Kraft hätte ziehen können.

          „Ich wollte dieses Match unbedingt gewinnen, egal wie“, sagte Zverev und fügte an. „Und ich wusste, wenn ich stark bleibe, werde ich die Chance dazu bekommen.“ Möglichkeiten, die Begegnung früher zu entscheiden, hatte der Hamburger genug besessen. Er verpasste mehrere Gelegenheiten, im dritten Satz die Partie bei erster Gelegenheit zu beenden, im vierten Satz konnte er im Tie-Break einen Matchball nicht nutzen. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich viele blöde Fehler gemacht hätte. Aber fast immer befreite sich Jeremy mit seiner Vorhand. Er hat nach dem zweiten Satz auf einem unglaublichen Niveau gespielt“, lobte Zverev den Franzosen. Selbst im letzten Durchgang, der deutlich endete, musste der Deutsche noch schwer kämpfen. Erst als er nach Abwehr von drei Breakbällen auf 5:0 erhöhte, konnte sich der Hamburger etwas entspannen. „Was für ein tolles Match, man hat wieder einmal gesehen, wieso Chardy für die Top-Spieler zu gefährlich ist“, kommentierte der Hamburger die Auseinandersetzung auf hohem Niveau, bei der er alle Rückschläge gefasst weggesteckt hatte.

          Während die Nummer 36 der Weltrangliste im fünften Satz phasenweise nicht mehr ganz so agil wirkte wie noch im vierten, konnte Zverev sogar noch einmal zulegen. „Ich habe wieder aggressiver gespielt, und er war nicht mehr der Frischeste“, sagte der Weltranglistenvierte. Und er glaubt, dass er so eine Willensleistung auch wiederholen könne: „Man lässt Nerven und Energie in jedem Fünf-Satz-Match. Aber die Saison hat erst begonnen, und ich habe bis zum nächsten Spiel einen freien Tag. Das sollte genügen.“ Unmittelbar nach der Auseinandersetzung war Zverev in eine Eistonne gesprungen. Direkt nach den Medienterminen ließ er sich von seinem Physiotherapeuten behandeln. Am Samstag trifft er auf den australischen Qualifikanten Alex Bolt, der zur Begeisterung der einheimischen Fans am Donnerstag den an Position 29 gesetzten Franzosen Gilles Simon in fünf Sätzen eliminierte. Der nächste Auftritt im größten Stadion der Anlage winkt.

          Den anderen deutschen Profis gelang an diesem äußerst schwülen Tag keine angenehme Überraschung. So steht neben Zverev nur noch Angelique Kerber in der dritten Runde. Philipp Kohlschreiberund Maximilian Marterer mussten sich allerdings bei ihren Niederlagen wenig vorwerfen. Der Augsburger Kohlschreiber scheiterte an der ungewohnten Aufschlagstärke des Portugiesen Joao Sousa, der 28 Asse schlug – so viele wie noch nie zuvor in seiner Karriere. Der 35 Jahre alte deutsche Davis-Cup-Spieler kämpfte mit allem, was er hatte, gegen die Niederlage an, musste sich aber 5:7, 6:4, 6:7 (4:7), 7:5, und 4:6 geschlagen geben. Mit Regenunterbrechungen hatte das Match fast sechs Stunden gedauert. Ähnlich spannend machte es der Franke Marterer gegen den Franzosen Lucas Pouille. Die ersten beiden Sätze verlor er im Tie-Break jeweils 8:10, dann gewann er den dritten 7:5 und unterlag im vierten Durchgang schließlich 4:6. Zuvor hatte Laura Siegemund nicht an ihre hervorragende Leistung bei ihrem Erstrundensieg gegen die frühere Weltranglistenerste Victoria Asarenka anknüpfen können. Die Stuttgarterin verlor gegen die Taiwanesin Su-Wie Hsieh 3:6, 4:6.

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