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Australian Open : Stimmung wie im Fußball-Stadion

  • -Aktualisiert am

Jeder hat seine Art zu feiern: Nick Kyrgios ist erst mal platt Bild: dpa

Der junge Australier Nick Kyrgios gewinnt in einem Fünfsatzkrimi gegen Andreas Seppi und zieht ins Viertelfinale ein. Seine Fans sind selbst in der angrenzenden Rod Laver Arena noch zu hören.

          Noch eine halbe Stunde nach dem Spektakel sangen die Fanatics in der leeren Arena. Die Fanatics reisen ihren australischen Landsleuten zu Turnieren auf der ganzen Welt hinterher, und an diesem kalten und doch heißen Abend war ihnen nach Feiern zumute, gewaltig in Stimmung gebracht vom Sieg ihres Nick Kyrgios gegen den Südtiroler Andreas Seppi (5:7, 4:6, 6:3, 7:6, 8:6). Im Moment nach dem Matchball des jungen Australiers wackelten die Wände im Melbourne Park, und die Nachricht des Sieges stieg wie eine Leuchtrakete in den Abendhimmel.

          Nur Bernard Tomic und Kyrgios waren übriggeblieben aus dem Kreis der Gastgeber, und halb Melbourne wunderte sich, warum keiner von beiden in der Rod Laver Arena spielen durfte. Tomic, der gegen den effizient und druckvoll spielenden Tschechen Tomas Berdych verlor, schüttelte den Kopf und meinte, das könne er beim besten Willen nicht verstehen. Kyrgios dagegen fand, die zweitgrößte Arena mit freier Sitzplatzwahl ohne Zusatzticket sei völlig in Ordnung für ihn, da sei die Stimmung ohnehin besser. Schon eine Stunde vor Beginn des Spiels war die Hütte mit ihren 10000 Sitzplätzen voll, und auch draußen vor den großen Videowänden war kaum noch ein Platz zu finden. Allerdings konnte es nicht schaden, enger zusammenzurücken angesichts des kalten Windes und höchst unfreundlicher 16 Grad. Später schoss Kyrgios die Menschenmassen mit seinem Tennis warm.

          Der extrovertierte Sohn eines Griechen und einer Malaysierin hat nicht viel Ähnlichkeit mit dem konservativen Lleyton Hewitt oder dem zu einem gewissen Rotzlöffeltum neigenden Tomic. Er ist ein Typ für alle, die auf Konventionen pfeifen; Zickzackschneisen an der rasierten linken Schläfe, Muster in der rechten Augenbraue, dicker Stein im linken Ohrläppchen, das angesichts seines Gewichts bei schnellen Bewegungen mitschwingt, fette Goldkette mit drei Anhängern, darunter ein Tennisschläger und ein Kreuz, quietschbunte Klamotten. „Ich schätze, das gehört zur Jugend“, sagte er kürzlich. „Aber das hier ist mein letztes Grand-Slam-Turnier als Teenager – wenn ich 20 bin, dann mache ich solchen Kram nicht mehr.“

          Ballpersonal in Gefahr: Nick Kyrgios kämpft buchstäblich um jeden Ball und wird mit dem Einzug ins Viertelfinale belohnt – Gegner Andy Murray.

          Mit einem Knall war der junge Mann im vergangenen Jahr auf der großen Bühne erschienen, als er in Wimbledon zuerst neun Matchbälle gegen den Franzosen Richard Gasquet abwehrte und ein paar Tage später gegen Rafael Nadal gewann. Ende des Jahres stand er auf Platz 51 der Weltrangliste, und als die Australian Open begannen, grüßte er von den Titelseiten der Tageszeitungen in Melbourne. Manche Spieler behaupten ja, sie läsen nichts von dem, was über sie geschrieben werde, aber Kyrgios versichert, es sei ihm bewusst, wie groß das Interesse sei. „Ist doch normal, wenn Australien von uns viel erwartet.“

          Weniger wird es jetzt nicht werden. Wäre das Dach in der Arena geschlossen gewesen beim Spiel gegen jenen Mann, der zwei Tage zuvor gegen Roger Federer gewonnen hatte, gut möglich, dass es sich gehoben hätte bei dem Lärm. Nicht am Anfang, in dem Seppi konzentriert und mit unbewegter Miene jede Schwäche des jungen Australiers bestrafte, und davon gab es genug in dieser Phase. Doch mit Beginn des dritten Satzes fing sich Kyrgios, und danach wurde das Volk immer lauter. Die Leute sangen, sie schrien, sie trampelten wie auf der Tribüne eines Fußballstadions. Der ohrenbetäubende Lärm war überall im Melbourne Park zu hören, auch nebenan in der Rod Laver Arena, wo Andy Murray und Grigor Dimitrov spielten.

          Im Viertelfinale gegen Andy Murray

          Nachdem Kyrgios Ende des vierten Satzes beim Stand von 5:6 einen Matchball abgewehrt hatte, ging die Post erst richtig ab. Es sei unbeschreiblich gewesen, meinte Australiens jugendlicher Held hinterher. Dass er es tatsächlich schaffte, dieses Spiel zu gewinnen, schätze er selbst höher ein als den Sieg gegen Nadal in Wimbledon. Nach dreieinhalb Stunden landete Andreas Seppis letzter Ball im Aus, Kyrgios sank auf den blauen Boden, und das Getöse trug die Nachricht in Windeseile hinüber in die Rod Laver Arena, wo der Schiedsrichter das Spiel für einen Moment unterbrach.

          Am Dienstag im Viertelfinale gegen Andy Murray, der beim Sieg gegen Dimitrov überzeugte (6:4, 6:7, 6:3, 7:5), wird er mit hundertprozentiger Garantie in dieser Arena spielen, und die Australier werden ihn mit allergrößter Spannung in dieses Spiel begleiten. Der Letzte aus ihren Reihen im Viertelfinale der Australian Open war Hewitt, vor genau zehn Jahren. Um einen Teenager zu finden, der zuletzt im Männertennis bei zwei Grand-Slam-Turnieren im Viertelfinale stand, muss man sogar zurückblicken bis ins Jahr 2001. Damals handelte es sich um einen gewissen Roger Federer.

          Andy Murray sagte zur mitternächtlichen Stunde, sichtlich zufrieden nach seinem Auftritt, er sei darauf vorbereitet, im Spiel gegen Kyrgios nicht allzu viele Unterstützer zu haben, aber das sei schon in Ordnung. Als er gebeten wurde, den Gegner in kurzen Worten zu beschreiben, sagte er: „Gefährlich, unberechenbar, unterhaltsam.“ Das konnte man so stehenlassen.

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