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Australian Open : Roger Federer bietet auch großes Gefühlstheater

  • -Aktualisiert am

Tränen der Rührung bei Roger Federer Bild: AP

Als es Zeit für die Siegerrede wurde, stockte Roger Federer die Stimme, er brach in Tränen aus wie bei seinem ersten Wimbledonsieg. Der anscheinend unschlagbare Schweizer wurde nach dem Gewinn der Australian Open von seinen Gefühlen überwältigt.

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          Ein spitzer Schrei nach dem Matchball, eine tränenreiche Siegesrede, bei der ihm vor lauter Rührung immer wieder die Stimme versagte: Roger Federer hat nach seinem zweiten Sieg und einer am Ende weiteren eindrucksvollen Demonstration seiner Tenniskunst bei den Australian Open auch noch großes Gefühlstheater geboten.

          Als die Spannung von ihm abfiel, als er aus der Hand der Tennislegende Rod Laver, dem Mann, nach dem das Stadion im Melbourne Park benannt ist, die Trophäe erhalten hatte, konnte er nur unter ständigem Schluchzen ein paar Worte an die 15.000 Fans richten und flüchtete in die Arme des 67jährigen Australiers. „Die Siege in Wimbledon und Australien bedeuten mir besonders viel“, sagte der Schweizer nach seinem 5:7-, 7:5-, 6:0- und 6:2-Sieg gegen Marcos Baghdatis - und wie bei seinen ersten beiden Wimbledon-Siegen weinte er auch diesmal. „Jedesmal, wenn man ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, wird ein Traum wahr. Aber es ist nervenaufreibend“, sagte der mit großem Abstand beste Tennisspieler der Welt (Siehe auch: Erster Grand-Slam-Titel für Amelie Mauresmo).

          Überbordende Emotionen

          Auch das Finale gegen den Außenseiter aus Zypern hat Federer mehr Kraft und Nerven gekostet als erwartet. „Die Leute denken immer, es geht so leicht, aber es ist ein langer und schwerer Weg bis zu einem Grand-Slam-Titel. Ich war so nervös wie nie zuvor. Ich war haushoher Favorit. Wenn ich verloren hätte, wäre das die größte Überraschung seit ich weiß nicht, wann gewesen. Ich war so erleichtert“, erläuterte Federer seine überbordenden Emotionen.

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          Australian Open : Roger Federer bietet auch großes Gefühlstheater

          Eindreiviertel Stunden stand der beste Tennisspieler der Welt mit dem Rücken zur Wand, fand kein Mittel gegen den mutig und unbekümmert attackierenden Außenseiter. Federer unterliefen dadurch ganz ungewohnte Fehler. Ja, sogar der Gedanke einer möglichen Niederlage ging ihm durch den Kopf: „Er hat im ersten und zweiten Satz die besseren Schläge gemacht und hätte auch den zweiten Satz gewinnen müssen.“ Baghdatis gewann aber nur den ersten Satz, vergab im zweiten Satz drei Breakbälle zum 3:0, hatte beim Stand von 5:6 und 40:0 bei eigenem Aufschlag, die Chance ein Tiebreak zu erzwingen. Baghdatis dachte in diesen Phasen für einen kurzen Moment, daß seine märchenhafte Reise nach Melbourne mit dem ganz großen Wunder zu Ende gehen könnte; ein verhängnisvoller Fehler.

          Wadenkrämpfe bei Baghdatis

          „Ich habe zuviel gedacht und aufgehört zu spielen. Ich habe ihm die Chance gegeben, aggressiver zu werden“, sagte Baghdatis. Vielleicht war es so, vielleicht aber legte in diesem Moment Federer einfach einen Gang zu, so, wie er es immer tut, wenn er in Bedrängnis gerät. Und plötzlich ging alles ganz schnell; knapp eine Stunde später war nach nur 2:40 Stunden Spielzeit alles vorbei. Der 24jährige Baseler gewann bis zum 3:0 im vierten Satz elf Spiele in Folge. Er brillierte und dominierte nach Belieben, zumal den jungen Griechen von der Mittelmeerinsel im vierten Satz kurzzeitig Wadenkrämpfe plagten.

          „Ich bin am Ende aus meinem Traum aufgewacht“, sagte Baghdatis. Aber auch so kann der neue Liebling Zyperns mit dem Lohn seiner Arbeit in Melbourne zufrieden sein: Zu 378.000 Euro Preisgeld - Federer kassierte das Doppelte - kommt der Sprung von Rang 54 auf Platz 26 der Weltrangliste. Und seine Liebeserklärung an alle Fans, die ihm in der Heimat zuschauten, sein gewinnendes Lächeln bei der Gratulation für seinen Bezwinger dürften den Freundeskreis des Aufsteigers dieses Tennisjahres noch weiter vergrößert haben. Selbst Federer hofft, in Zukunft mehr von diesem so erfrischend wirkenden Kollegen zu sehen.

          „Roger-Slam“

          Was die Tennisfans von dem Schweizer Maestro sehen wollen, ist klar: Sie wollen erleben, ob es der Stilist aus Basel schafft, nach seinen Siegen in Wimbledon, den US Open und nun in Melbourne auch im Pariser Stadion Roland Garros zu triumphieren und damit den „Roger-Slam“ zu vollenden. Der Erfolg auf dem Pariser Ziegelmehl ist der einzige Titel, der Federer noch fehlt. „Ich habe jetzt meine Idole überholt, das bedeutet mir eine Menge. Aber sie bleiben meine Helden“, sagte Federer, nachdem er Boris Becker und Stefan Edberg, die beide sechs Grand-Slam-Turniere gewannen, übertrumpft hatte. Nach seinem siebten Erfolg steht er jetzt schon in einer Reihe mit dem Amerikaner Pete Sampras, mit 14 Grand-Slam-Titeln der Rekordhalter. Seit Rod Laver 1969 zum zweitenmal der Grand Slam gelungen war, der große Schlag mit Siegen in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York in einem Kalenderjahr, haben nur Sampras (Wimbledon, US Open 1993, Australian Open 1994) und nun Federer drei dieser Saisonhöhepunkte nacheinander gewonnen.

          „Es ist manchmal unheimlich, wie sehr sich unsere Karrieren gleichen“, sagte Federer zu den Parallelen zu Sampras. Wie der amerikanische Serve-and-Volley-Spezialist hat Federer mit 24 Jahren siebenmal bei den vier wichtigsten Turnieren der Welt gesiegt, hat 34 und damit fast genauso viele Turniere gewonnen, steht nun seit 104 Wochen ununterbrochen an der Spitze der Weltrangliste. Und deshalb glaubt nicht nur Laver, daß für Federer alle Rekorde in Reichweite sind.

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