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Australian Open : Malaise für Massu: „Man darf keine Schwäche zeigen“

  • -Aktualisiert am

Glückwunsch! Massu (links) gratuliert Kohlschreiber zu seinem Sieg Bild: AP

Als einziger deutscher Mann hat Philipp Kohlschreiber die dritte Runde bei den Australian Open erreicht. Der Münchner profitierte von der Verletzung des Chilenen Massu, der das Match aufgeben mußte.

          3 Min.

          Philipp Kohlschreiber hat als zweiter und letzter deutscher Teilnehmer die dritte Runde bei den Australian Open der Tennisprofis erreicht und damit sein bisher bestes Ergebnis bei einem Grand-Slam-Turnier.

          Der in Ottobrunn bei München lebende Einundzwanzigjährige profitierte am Donnerstag in Melbourne bei einer 6:0, 2:0-Führung von der Aufgabe des Chilenen Nicolas Massu. Der Doppel-Olympiasieger leidet unter einer Verletzung am linken Fuß, die er sich in der vorigen Woche beim Einladungsturnier in Melbournes Stadtteil Kooyong zugezogen hat.

          „Man darf keine Schwächen zeigen“

          „Als Tennisprofi muß man auch ein bißchen schauspielern können. Man darf keine Schwäche zeigen“, sagte Kohlschreiber, „man darf dem Gegner nie zeigen, daß man sich ärgert, daß man müde ist. Ich habe zu oft mit mir gehadert und dadurch die Gegner aufgebaut. Ich war immer selbstbewußt außerhalb des Platzes, aber nie auf dem Platz.“ Diese Zeiten sind vorbei.

          Begehrt: die Unterschrift von Philipp Kohlschreiber
          Begehrt: die Unterschrift von Philipp Kohlschreiber : Bild: REUTERS

          Der Bayer strotzt bei den Australian Open vor Selbstvertrauen: „Mit meinen Schlägen bin ich zufrieden. Ich kann fast jeden Schlag. Außer Roger Federer ist jeder machbar“, behauptet der gebürtige Augsburger keck, „ich rechne mir auch gegen Sebastien Grosjean gute Chancen aus.“

          Informationen vom Kollegen Pau

          Als er das sagte, schien der Weltranglistenvierzehnte bei einer 2:0-Satzführung auf dem Weg in die dritten Runde, aber Grosjean verlor noch überraschend gegen seinen Landsmann Jean-René Lisnard. Kohlschreiber dürfte es recht sein. Er kann sich bei seinem Trainingskollegen Björn Phau, der in der letzten Qualifikationsrunde gegen den 25jährigen Franzosen unterlegen war, über die aktuellen Stärken und Schwächen von Lisnard erkundigen.

          Zudem kennt er seinen nächsten Gegner aus eigener Anschauung: Im Vorjahr verlor er gegen Lisnard, der in der Weltrangliste auf Rang 142 steht, auf Sand beim Challenger Turnier in St. Petersburg. „Die Chancen für Philipp stehen gut“, sagt der deutsche Daviscup-Kapitän Patrik Kühnen, „nach einem großen Sieg wie ihn Lisnard gegen Grosjean feierte, kommt oft ein Durchhänger.“

          Kraftreserven

          Kohlschreiber hat dazu im Gegensatz zu Lisnard, der in Melbourne schon fünf kraftzehrende Matches in den Knochen hat, wenig Energie verbraucht. Der in der Weltrangliste auf Platz 102 geführte Kohlschreiber stand am Donnerstag noch nicht einmal eine dreiviertel Stunde auf dem Platz.

          Sein Gegner Nicolas Massu gab die Partie beim Stand von 6:0 und 2:0 auf. Er verspürte bei einem hoch wegspringenden Kick-Aufschlag des Deutschen beim Stand von 30:30 im zweiten Spiel des ersten Satzes plötzlich einen stechenden Schmerz an der Außenseite des linken Fußes.

          Aussichtslos

          Der Südamerikaner ließ sich danach lange vom Physiotherapeuten behandeln, ließ bei jedem Seitenwechsel die Bandagen richten - aber es half nichts. Nach 41 Minuten signalisierte der Mann aus Vina del Mar, daß er die aussichtslose Partie nicht fortsetzen wolle. „Ich hätte ihn heute vielleicht auch geschlagen, wenn er topfit gewesen wäre“, sagte Kohlschreiber.

          Für diese kühne Aussage gibt es Gründe. Im ersten Spiel, als der Favorit noch im Vollbesitz seiner Kräfte war, nahm Kohlschreiber ihm sofort den Aufschlag ab und überließ ihm dabei keinen einzigen Punkt. „Und außerdem habe ich ihn schon einmal auf Sand besiegt“, sagte der glückliche Sieger.

          Ein Nobody

          Das einzige Duell hatte der Deutsche 2003 beim Challenger Turnier in Braunschweig sicher 6:1 und 6:4 gewonnen. Aber danach war Massu in die Weltspitze vorgerückt, hatte mit den Goldmedaillen im Einzel und Doppel bei den Olympischen Spielen in Athen für Begeisterung in seiner Heimat gesorgt. 6000 Landsleute feierten ihn bei der Rückkehr auf dem Flughafen von Santiago de Chile.

          Kohlschreiber dagegen kennen in Deutschland nur ausgemachte Tennisfans. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere daran, daß er bei der Daviscup-Niederlage im vorigen September gegen die Slowakei in Bratislava wegen einer fiebrigen Erkältung nicht für den am Arm verletzten Florian Mayer im entscheidende Schlußeinzel einspringen konnte - oder vielleicht auch wollte.

          Lob vom Chef

          „Wie Philipp das gegen einen verletzten Gegner durchgezogen hat, war Klasse, denn es ist immer schwierig, gegen einen verletzten Gegner den Faden zu behalten“, lobte Daviscup-Teamchef Patrick Kühnen den letzten Mohikaner seiner ursprünglich acht Mann starken Truppe. Er freute sich, daß Kohlschreiber endlich einmal den Vorschußlorbeer bestätigt hatte. „Von mir wird schon lange viel erwartet“, sagt Kohlschreiber, „aber bei mir dauert es eben etwas länger.“

          Um sein Nahziel, den Sprung unter die Top 50 der Weltrangliste, zu erreichen, fehlen nach eigener Einschätzung nur noch Kleinigkeiten „Philipp hat im Vorjahr seine Hausaufgaben gemacht. Er kann zu seinem Oberhachinger Trainingskollegen Mayer aufschließen“, behauptet Kühnen. Aber das ist Zukunftsmusik, was für Kohlschreiber zählt, ist die Gegenwart. „Ich schaue mir fast alle Matches im Fernsehen an, und sage mir: Da spiele ich auch mit.“

          Am Donnerstag allerdings hat er nach seinem kurzen Auftritt gegen Massu erst einmal eine kleine Tennispause eingelegt. Mit seiner Freundin, die ihn zu allen Turnieren begleitet, besuchte er den Zoo von Melbourne. Mit rund 26.500 Euro, die er für den größten sportlichen Erfolg seiner Laufbahn schon sicher hat, konnte er den Ausflug noch entspannter genießen.

          Grönefeld gegen Russin

          Unterdessen spielt von den gestarteten vier deutschen Damen nur noch Anna-Lena Grönefeld in der Runde der letzten 32. Die 19jährige tritt am Freitag in Melbourne gegen die Russin Vera Duschewina an.

          Im Damen-Wettbewerb blieben auch am vierten Turniertag die Überraschungen zunächst aus. Die topgesetzte Amerikanerin Lindsay Davenport gab beim 2:6, 6:2, 6:2 gegen die tschechische Außenseiterin Michaela Pastikova allerdings einen Satz ab. French-Open-Siegerin Anastasia Myskina aus Rußland gewann 6:4, 6:2 gegen die Israelin Tzipora Obziler.

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