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Aus der F.A.Z. : Pferde planschen, Reiter schwitzen

  • -Aktualisiert am

Vorübergehend orientierungslos: Otto Beckers „Cento” Bild: AP

Platz vier im Nationenpreis, Rückschlag in der Einzelwertung: Die deutsche Medaille fällt bei den Weltreiterspielen in Jerez ins Wasser.

          3 Min.

          JEREZ. Im Grunde kann man Gladdys gut verstehen. Als die Westfalenstute im ersten Durchgang des Nationenpreises von Jerez in den Wassergraben sprang, war das ziemlich angenehm.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Für ein Hindernis hatte sie die Pfütze im Sand sowieso nicht gehalten, zu harmlos und ganz Ton in Ton mit dem Wasser war der Absprung, zu wohlig kühl die Umgebung - der einzige Schattenstreifen im ganzen langen, heißen Weltmeisterschafts-Parcours.

          Beerbaum: „Fehler einkalkuliert“

          Das zehnjährige Pferd, das noch nie zuvor an einem Wassergraben einen Fehler gemacht hatte, platschte mitten hinein in den stilisierten Bach und stellte fest, daß das Wasser nicht besonders tief und der Boden weich war. Sich so ein angenehmes Erlebnis zu verschaffen konnte doch wohl kein Fehler sein. Wieso also das Fußbad nicht demnächst wiederholen?

          Bild: FEM

          „Ich hatte diesen Fehler in der zweiten Runde schon einkalkuliert", erklärte denn auch Ludger Beerbaum, ihr Reiter. „Sie hat das Wasser als Wohltat empfunden." Seiner Meinung nach hätte aber nicht Gladdys eine Erfrischung, sondern er selbst viel dringender eine Null-Fehler-Runde gebraucht. Erstens für Deutschland, denn eine Medaille rückte für das Team in immer weitere Ferne. Und zweitens für sein Fortkommen in der Einzelwertung.

          „...noch Glück gehabt“

          Deshalb übte Beerbaum vor dem zweiten Durchgang auf dem Abreiteplatz intensiv mit Gladdys, ließ sie immer wieder Oxer und Steilsprünge überwinden, damit sie auch in der zweiten Runde wenigstens die Stangen unberührt ließ. „Da habe ich wohl ein bißchen zuviel getan", sagt er, „sie wurde draußen schon zappelig." Die Folge: Ein Abwurf in der dreifachen Kombination plus das Hufbad. „Und da habe ich noch Glück gehabt", sagt er.

          Auf der letzten Linie vor dem Wassergraben steckte die verunsicherte Stute sogar einmal ohne Folgen ihre Hinterbeine in einen Oxer. Insgesamt wurden Beerbaum also drei Hindernisfehler in zwei Runden angerechnet. Die Medaillen gewannen andere: Frankreich wurde Weltmeister vor Schweden und Belgien.

          Unerwartetes Ergebnis

          Platz vier mit der Equipe und ein Rückschlag im Einzel: Solch ein Ergebnis hatte der Europameister nicht erwartet und viele seiner Konkurrenten auch nicht, zählte er doch bis zu dem unglücklichen Donnerstag zu den großen Favoriten dieser WM. „Normalerweise werde ich von Ludger geschlagen", sagt etwa der Amerikaner Peter Wylde, der mit der Holsteiner Stute Fein Cera vor dem Wettbewerb der 25 Besten an diesem Samstag mit nur 1,55 Strafpunkten in Führung liegt. „Es macht Spaß, einmal vor ihm zu sein."

          An zweiter Stelle rangiert nun Eric Navet, der Doppelweltmeister von 1990, mit Dollar du Murier, dem Sohn seines damaligen Meisterhengstes Quito de Baussy. Der erfahrene Normanne wird nun am häufigsten als Titelaspirant genannt. Obwohl an diesem Samstag noch viel geschehen kann.

          Hoffen auf Fehler der anderen

          Erst nach zwei schweren Runden über unterschiedliche Parcours werden die vier Reiter und Pferde feststehen, die am Sonntag das Finale mit Pferdewechsel bestreiten. „Wenn ich in zwei Runden drei Abwürfe habe, wieso soll das nicht auch anderen passieren?", fragt Beerbaum ein bißchen selbstironisch. Mit 12,50 Punkten hat er als 18. drei Springfehler Rückstand auf den Spitzenreiter.

          Auch Weltcupsieger Otto Becker ist gezwungen, auf die Fehler der anderen zu hoffen. Platz 14 mit 10,29 Punkten bedeutet ebenso, daß bei den Konkurrenten schon viele Stangen fliegen müssen, damit er noch eine Chance auf den Einzug ins Finale hat. Sein Schimmelhengst Cento übrigens war der einzige, der den Nationenpreis trockenen Fußes absolvierte.

          „Gebe nicht auf“

          Er leistete sich zwar auch je einen Hindernisfehler pro Umlauf, allerdings erst an einem wasserblauen Oxer und dann an einem Steilsprung. Adlantus As hingegen, der Hengst von Lars Nieberg, und For Pleasure von Marcus Ehning gönnten sich zumindest einmal das Planschvergnügen. „Es lief einfach nicht", sagt Bundestrainer Kurt Gravemeier, „wir sind gekommen, um eine Medaille zu gewinnen, und jetzt sind wir enttäuscht."

          Nach der Havarie Ende August beim Nationenpreisfinale in Donaueschingen, als das deutsche Quartett zur zweiten Runde nicht mehr antreten konnte, fiel für die Pferdenation nun also auch der WM-Erfolg ins Wasser. Dies ist eine deutliche Zäsur in der Statistik: Das letzte medaillenlose Championat für Deutschland waren die Europameisterschaften 1995 in St. Gallen. Und dort waren sie wegen der Bodenverhältnisse nach schweren Regenfällen nicht angetreten.

          „Wo, bitte, steht geschrieben, daß wir immer gewinnen müssen?" fragt Ludger Beerbaum. Den Nationenpreis bei diesen Welt-Reiterspielen kann er der kurzen Liste seiner bitteren Niederlagen wohl anfügen. „Aber ich gebe nicht auf", sagt er, „ich nutze jede Chance, die sich bietet."

          Sofern der nächste Wettbewerb für Gladdys, die in Jerez um eine erfreuliche Erfahrung reicher geworden ist, nicht wieder zu einer feucht-fröhlichen Angelegenheit wird. Es ist nämlich wieder ein Wassergraben dabei.

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