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Aus der F.A.Z. : Emotionaler Taumel in der Nacht des Erwachsenwerdens

  • -Aktualisiert am

2:2 gegen Belgien: Der Tag, an dem Asien Fußball aus den Babyschuhen wuchs Bild: dpa

In den Gastgeberländern Japan und Südkorea wird der gelungene WM-Auftakt der jeweiligen Mannschaften ausgiebig gefeiert und gewürdigt.

          4 Min.

          Es war die Nacht der Gastgeber, eine Nacht, an die man sich in Japan und mehr noch in Korea noch lange erinnern wird. Die Nacht, in der Asiens Fußball aus den Babyschuhen wuchs, endlich ernst genommen auf dem großen Laufsteg der Fußball-Welt.

          In den lauten Jubel der Koreaner, die nach ihrem 2:0 gegen Polen ausgelassen ihren ersten Sieg bei einer Weltmeisterschaft feierten, mischte sich die etwas verhaltenere Freude der Japaner über den „historischen Punktgewinn“.

          Endlich positive Nachrichten

          Fast unbemerkt bleibt die Niederlage des mächtigen Verwandten China, beim enttäuschenden Debüt gegen Costa Rica. Die Gastgeber sind viel zu sehr mit sich beschäftigt. Am Mittwoch morgen erwachte Japan nach langer Zeit einmal mit positiven Nachrichten aus dem eigenen Land. Für das 2:2 von Saitama räumen die großen Tageszeitungen die ersten Seiten: „Japan kriegt seinen ersten WM-Punkt“, frohlocken die liberale “Asahi“ und die konservative “Yomiuri“.

          Bild: FEM

          Die englischsprachige „Japan Times“ lobt: „Suzuki und Inamoto glänzen für Japan.“ Nur die ernste Wirtschaftszeitung „Nihon Keizai“ will das Feld nicht ganz dem Ball überlassen und warnt vor einem Krieg zwischen Indien und Pakistan.

          Keine Schlagzeilen für China

          Natürlich bleibt auch der erfolgreiche Mitgastgeber nicht unerwähnt. Am meisten freut sich die „Sankei Sports“ über die koreanischen Leistungen: Korea habe Ostasien den ersten Sieg seit 1966 beschert, schreibt die Zeitung - und erinnert an den abwesenden Bruder, an Nordkorea, das vor 36 Jahren Italien 1:0 bezwang.

          Pjöngjangs letzter Verbündeter China bekommt mit seiner sportlichen Niederlage zur WM-Premiere 2002 keine Schlagzeilen, nur höfliche Spielberichte, knappe Pflichtmeldungen. Die Sportpresse, die in Japan die Lücke der Boulevardzeitungen füllt, vermag an diesem Tag nicht zwischen echten und falschen Gewinnern zu trennen.

          Das Unentschieden der eigenen Spieler wird wie ein Sieg zelebriert: Japan hat zwei Tore, Korea auch. In einem Atemzug fallen beide, doch der Platz gehört der eigenen Nationalmannschaft. Acht bis zehn Seiten für Japan, eine für Korea - bei aller Fairneß bleibt die Präferenz gewahrt. Schließlich wäre Japan beinahe als wahrer Sieger vom Feld gezogen.

          „Fragwürdige Entscheidung“

          Japanische Fußballfans beschwerten sich bei der Begegnung mit Belgien mit lauten Buhrufen, weil Junichi Inamotos Treffer kurz vor dem Abpfiff nicht die Anerkennung des Schiedsrichters fand. Die Sportzeitungen erwähnen diese „fragwürdige Entscheidung“, aber halten sich nicht lang mit Vergangenem auf.

          Japan ist jetzt schon weiter als 1998, nach seiner ersten Weltmeisterschafts-Teilnahme. Wenn bisher abseits der Stadien noch weitgehend Ruhe herrschte, so ist mit dem gelungenen Auftakt gegen Belgien in Saitama auch bei den Baseball-Fans das „Sokka“-Fieber ausgebrochen.

          Begeisterter Minsiterpräsident

          Am Dienstag abend war Tokios gewöhnlich überfüllte Flanierstraße Omotesando menschenleer. Vor überfüllten Sportlerkneipen standen Fernseher, weil man dem Andrang im Inneren nicht anders Herr werden konnte. Sogar Ministerpräsident Koizumi, der es erst zur zweiten Halbzeit ins Stadion nach Saitama schaffte, zeigte, ein wenig verblendet allerdings, Begeisterung: „Das war das bewegendste Spiel, das ich je gesehen habe!“

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