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Aus der F.A.Z. : Ein Tor, ein Land - und eine Frage der Ehre

  • -Aktualisiert am

Die Türken und das Siegestor: WM-Party auf der Münchner Leopoldstraße Bild: dpa

Der WM-Erfolg eint die Türkei und weckt Hoffnungen, nicht nur sportlich ernst genommen zu werden.

          3 Min.

          ISTANBUL. Die 94. Minute hat die Türkei verändert. Einen Nachmittag war das Land lahmgelegt, ein Schrei befreite es dann von der Stille und einer großen Last.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Mit dem Tor von Ilhan Mansiz ließen die Kapitäne auf dem Bosporus aus allen Rohren die Nebelhörner erschallen, und die Nation, die geschlossen vor den Bildschirmen gesessen hatte, stürmte zwischen Edirne und Erzurum auf die Straßen und Plätze.

          Jeder ließ seiner Freude freien Lauf. Menschen tanzten, schwenkten den Ay-Yildiz, die rote Nationalflagge mit weißem Halbmond und Stern. Im entfernen Kabul küßten die türkischen Soldaten der internationalen Friedenstruppe ausgelassen die Nationalflagge auf ihrer Uniform. In der Heimat dauerten die Hupkonzerte bis weit in die Nacht hinein, bis die Kehlen der Nation heiser waren.

          „Jetzt ist Brasilien an der Reihe“

          Am nächsten Morgen titelte das Massenblatt Hürriyet „En büyük Türkiye“, „Am größten ist die Türkei“, und Sabah prognostiziert: „Jetzt ist Brasilien an der Reihe“. Ministerpräsident Ecevit spornt seine Riesen an, daß das Halbfinale nicht genug sei. Noch weiter geht Devlet Bahceli, einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten. Der Sieg im Viertelfinale habe gezeigt, daß die türkische Nation die wirtschaftlichen, technologischen und politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit dem Geist der Gemeinschaft erreichen könne.

          Vor wenig mehr als einer Woche hatte sich die jetzt befreite Nation noch hadernd und gelähmt ihrem Schicksal ergeben wollen. Mit hohen Erwartungen waren die Spieler von Trainer Senol Günes nach Fernost geflogen. Dann drohten sie in den Gruppenspielen an Costa Rica zu scheitern. Nie hat die Türkei aber mehr Zeitlupentore gesehen, als nach dem Sieg gegen China, der doch noch den Weg ins Achtelfinale öffnete. Aus allen Perspektiven wurden die drei Tore wiederholt.

          Der Fußball stiftet Identität

          Die Begeisterung schwappte nach dem Sieg im Achtelfinale gegen Japan über, seit dem Sieg über Senegal kennt der rot-weiße Freudentaumel keine Grenzen mehr. Wie in wenigen Ländern eint in der Türkei der Fußball die gesamte Nation. Der Fußball stiftet Identität. Er ist nicht allein der Sport der einfachen Leute, sondern gerade der Mittelklasse, aber auch der Oberschicht.

          Oktay Eksi, der Chefkolumnist von Hürriyet, bekennt, daß er seit 1961 kein Fußball mehr gesehen habe. Daß er es wieder tue, hätten die elf Spieler im rot-weißen Trikot erreicht. Die Wirtschaftskrise, die seit Anfang 2001 auf dem Land lastet, hat viele Türken in große Nöte gestürzt. Mit dem Erfolg bei der WM habe die Türkei ihre Ehre wiederhergestellt, freut sich auch Ahmet Karamercan, Beamter im Erziehungsministerium, der lange in Deutschland gelebt hat.

          Nicht mehr mit gesenktem Kopf über Fußball reden

          Die Elf wirbt für die Türkei, und sie knüpft Bande des Dialogs. Nach dem Sieg über Senegal verabschiedete sie sich im Stadion von Osaka von den Zuschauern mit dem japanischen Gruß und einer tiefen Verbeugung. Nicht mehr mit gesenktem Kopf werden künftig die Türken in Deutschland mit den Deutschen über Fußball reden. Über den Fußball hinaus werden die Türken darauf bestehen, als Partner ernst genommen zu werden. Die Einstellung beginnt sich zu ändern. Mit der Dankbarkeit des lange Verkannten nimmt die Türkei die Aufmacherüberschriften in den deutschen Zeitungen wahr.

          Die Szenen gehören der Vergangenheit an, die Mitte der neunziger Jahre beim Europapokalspiel zwischen Bayern München und Besiktas Istanbul ein tiefes Gefühl der Beleidigung hervorgerufen hatten. Damals hatte der Münchner Fanblock die ganze Türkei gekränkt, als er hinter dem Tor von Besiktas Aldi-Tüten in die Höhe gestreckt hatte.

          Nur Deutschland und die Türkei vertreten Europa

          Der türkische Fußball hat eine stürmische Entwicklung durchlaufen. Vor zwei Jahren wurde Galatasaray Istanbul Uefa-Cup-Sieger. Erstmals hatte damit eine türkische Mannschaft einen europäischen Pokal gewonnen. Zwei Faktoren waren dabei entscheidend: Der charismatische Coach Fatih Terim und die türkischen Spieler, die den Fußball in Deutschland gelernt hatten. Terim, der Galatasaray zum Europapokal führte, hatte die tiefsitzende Angst aus den Köpfen seiner Spieler vertrieben.

          Jetzt steht die Türkei, die zum ersten Mal seit 48 Jahren wieder an einer Fußball-WM teilnimmt, im Halbfinale. Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben aus Deutschland auch Spieler wie Davala, Mansiz und Bastürk mitgebracht. Vor allem setzten sie die Einsicht durch, daß Fußball ein Mannschafsspiel ist und nicht eine Schau ballverliebter Individualisten.

          Sie setzten damit den Reifeprozeß fort, den Jupp Derwall und 16 andere deutsche Trainer in den vergangenen zwanzig Jahren im türkischen Fußball eingeleitet hatten. Die Türkei wünscht sich jetzt, daß auch Europa die Türkei akzeptiert. Viele behaupteten, die Türkei sei kein Teil Europas, stellt Kolumnist Eksi bitter fest. „Im Halbfinale vertreten diesen Kontinent aber nur noch Deutschland und die Türkei“, fügt er hinzu. Mit einigem Stolz und erhobenem Haupt.

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