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ATP-Turnier in München : Thomas Haas: Bin dankbarer geworden

Der lange Weg zurück: Thomas Haas in München Bild: dpa/dpaweb

Nach seiner langwierigen Schulterverletzung ist der Tennisprofi Thomas Haas auf dem Weg zurück. Jetzt gibt er sich geläutert und räumt so manche Ungeschicktheit in der Außendarstellung ein.

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          Vermutlich war es ganz hilfreich, daß Thomas Haas ausschließlich Amerikaner um sich herum hat. Trainer, Betreuer, Physiotherapeut, Mentalcoach - die Mitarbeiter aus der "Academy" von Tennisguru Nick Bollettieri sind schließlich wie die meisten Amerikaner ausnahmslos positiv denkende Menschen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Solche Optimisten waren auch nötig, um daran zu glauben, was viele Fachleute bezweifelten: daß Thomas Haas nach zwei Schulteroperationen und 15 Monaten Turnierpause noch einmal zurückkehren würde als Profi. Immer wieder war im vergangenen Jahr das Comeback angekündigt und dann doch verschoben worden.

          Comeback mit Ausrufezeichen

          Als er auch in diesem Jahr auf eine Teilnahme an den Australian Open im Januar verzichtete, glaubten viele, das Ende des Tennisprofis Thomas Haas stünde unmittelbar bevor, denn eine derart lange Pause hatte noch kein Profi verkraftet. Kurz darauf folgte dann doch das Comeback, und vor zehn Tagen ein dickes Ausrufezeichen: Haas gewann das Sandplatzturnier von Houston im Finale gegen den Amerikaner Andy Roddick, und noch mehr als die Tatsache, daß er wirklich wieder auf dem Platz stand, überraschte die Rasanz, mit der er gleich wieder ein Turnier gewann.

          "Ich bin dankbarer geworden", sagt Haas in München, wo er bei den BMW Open am Dienstag mit einem 6:3 und 6:2-Sieg über den Tschechen Bohdan Ulihrach souverän die zweite Runde erreichte, in der er auf seinem Davis-Cup-Kollegen Rainer Schüttler trifft. Dankbarer dafür, "überhaupt wieder auf einem Platz zu stehen und vor Zuschauern Tennis zu spielen".

          So bescheiden ist der mittlerweile 26 Jahre alte Haas nicht immer gewesen, auch wenn er sich im Rückblick gerne so sieht. Der absolute Liebling der deutschen Fans war Haas nie, mochte er auch eine fast makellose Bilanz im Davis-Pokal hinlegen. Doch irgendwie wirkte die Karriere, die dank eines umstrittenen Finanzierungsmodells, das die Gerichte lange beschäftigte, in der Academy von Bollettieri im Alter von elf Jahren begann, immer ein wenig zu schrill und eine Spur zu großsprecherisch.

          Thomas und Vater Peter Haas machten zu häufig schon den dritten und vierten Schritt, bevor der zweite richtig beendet war. Das kam nicht gut an in einer Landschaft, die durch die Erfolge von Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich nur die ganz großen Triumphe goutiert.

          „Sie haben mich fallenlassen, das tat weh“

          Haas schaffte es zweimal ins Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers (Australian Open 1999 und 2002), er gewann ein Masters-Turnier (Madrid 2001), er wurde mit der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 dekoriert. Aller Ehren wert, aber trotzdem übersichtlich im Vergleich zu den großen drei Tennisheroen der jüngeren Vergangenheit.

          Trotzdem ließ Haas schon in frühen Jahren eine Art Biographie über sich und seinen Weg in die Weltspitze schreiben. Da stand er im Mai 2002 als Weltranglistenzweiter, was aber in Deutschland unterging. "Ich bin Weltranglistenzweiter, da habe ich doch etwas mehr Beifall verdient", sagte Haas daraufhin im ZDF-Sportstudio, und die Marketingleute schlugen die Hände über den Kopf zusammen.

          Kurz danach begannen die Schwierigkeiten mit der Schulter immer unerträglicher zu werden, und als er nach der ersten Operation sechs Monate kein Turniertennis gespielt hatte, kündigte ihm Nike den Ausrüstervertrag. "Sie haben die erste Chance laut Vertrag genutzt, mich fallenzulassen. Das tat weh, war aber okay. Das Geschäft ist hart", sagt Haas. Und es zeigte ihm vor allem, daß ein verletzter Haas keinen Stellenwert in Deutschland hat.

          "Das Comeback ist sozusagen meine zweite Karriere", sagt Haas nun und schließt nicht aus, daß er in der ersten Laufbahn Fehler gemacht hat. "Natürlich gibt es ein paar Sachen, die man erst nicht akzeptieren wollte und im nachhinein nun als Fehler erkennt", sagt er. Den Streit mit dem Deutschen Tennis-Bund und vornehmlich dessen Präsidenten Georg von Waldenfels hat die Familie Haas beigelegt - vielleicht auch in der Erkenntnis, den Tag stets zu nutzen, weil man nicht weiß, was der nächste bringen wird.

          "Man wird älter und hat nicht mehr soviele Chancen, etwas Großes zu gewinnen und seine Ziele zu erreichen", sagt Thomas Haas, der nicht nur mit der eigenen Verletzung und dem ständig drohenden Karriereende zurechtkommen mußte. Vater und Mutter Haas verunglückten 2003 mit dem Motorrad, Peter Haas lag drei Wochen im Koma und kämpfte um sein Leben. "Ich habe mich wie ein kleines Kind gefreut, als er das erstemal wieder die Hand bewegt hat", sagt Thomas Haas.

          Inzwischen ist alles wieder beim alten und doch ganz anders. Den Eltern geht es wieder gut, der Sohn steht wieder auf dem Tennisplatz. "Mal sehen, wie weit es mich noch mal in der Weltrangliste bringt", sagt Thomas Haas. Einen Triumph im Davis-Cup oder einen Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier hat er immer noch im Sinn, aber er klingt heute ganz anders als früher, wenn er darüber redet. "Vielleicht hat das alles einen Grund, warum das passiert ist. Das Ganze war eine Riesenerfahrung", sagt Thomas Haas, "aber drei Monate davon hätten mir auch gereicht." Außer in der Weltrangliste hat es ihn allerdings vorangebracht.

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