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Protestverbot bei Olympia : Athleten Deutschland bittet DOSB um Verzicht auf Sanktionen

Die berühmteste Protest-Geste der olympischen Geschichte: Tommie Smith (Mitte) und John Carlos (r.) bei den Spiele 1968 Bild: dpa

Das IOC will politische Meinungsäußerungen auf dem Siegerpodest weiterhin bestrafen – und verweist auf eine Umfrage. Auch deutsche Athletenvertreter halten das für falsch.

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          Die Athletenvereinigung „Athleten Deutschland“ bittet den Deutschen Olympischen Sportbund, Verstöße deutscher Sportler gegen Regel 50 der Charta des Internationalen Olympischen Komitees nicht zu sanktionieren, sofern der DOSB für die Sanktionierung zuständig ist. Eine entsprechende Zusage hat das amerikanische olympischen Komitee gegenüber seinen Sportlern abgegeben. Die Bitte ist eine Reaktion auf die von der IOC-Exekutive am Mittwoch angenommenen Vorschläge der IOC-Athletenkommission zu Regel 50. Demnach bleiben Protest und politische Meinungsäußerungen in den Wettkampfstätten olympischer Spiele und auf dem Siegerpodest untersagt, man wolle den Athleten zusätzliche andere Plattformen zur Meinungsäußerung bieten.

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          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Die Empfehlungen der IOC-Athletenkommission basieren auf einer Befragung internationaler Sportler, an der 3547 aus aller Welt teilgenommen haben. Die Vorsitzende der IOC-Athletenkommission, Zimbabwes Sportministerin Kirsty Coventry, hatte am Mittwoch auf die Umfrageergebnisse verwiesen, nach denen sich die Mehrzahl der Befragten für den Fortbestand des Verbots ausgesprochen haben. Sie bitte die Rechtskommission des IOC nun festzulegen, welche Sanktionen bei Verstößen erfolgen sollten. Athleten Deutschland, das in den Meinungsfindungsprozess der IOC-Athletenkommission einbezogen war, teilte nun mit, die Empfehlungen gingen „am Kernproblem der pauschalen Einschränkung der Meinungsfreiheit vorbei“.

          Der Bericht verdeutliche, wird Geschäftsführer Johannes Herber zitiert, dass „das IOC dem Erhalt der politischen Neutralität höheren Wert beimisst als den grundlegenden rechten einzelner Athletinnen und Athleten. Als Organisation, die sich für eben diese Rechte einsetzt, fällt unsere Bewertung anders aus.“ Sollten deutsche Athleten bei Olympischen Spiele gegen Regel 50 der Charta verstoßen, sicherte „Athleten Deutschland“ ihnen Rechtsbeistand zu. IOC-Präsident Thomas Bach hatte sich am Mittwoch höchst zufrieden über die Arbeit der IOC-Athletenkommission geäußert.

          Mehrzahl der deutschen Athleten gegen Aufhebung

          Er sei „tief beeindruckt von Umfang und Tiefe“. Bach hatte sich stets für den Fortbestand des Protestverbots ausgesprochen. Grundlage der Zahlen ist eine Onlinebefragung, die etwa zehn Minuten dauerte. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer, unter denen zahlreiche frühere Olympiateilnehmer gewesen sein müssen, beträgt 33 Jahre. In der Befragung finden sich auch einige bemerkenswerte Zahlen: so haben 85-87 Prozent der chinesischen Teilnehmer zum Ausdruck gebracht, dass sie es für unangemessen halten, gegenüber Journalisten in der Mixed Zone, auf Pressekonferenzen oder allgemein in den Medien eine eigene Meinung zu politischen oder anderen Themen zum Ausdruck zu bringen.

          Von den deutschen Teilnehmern waren, abhängig von der Gelegenheit der Äußerung, 14 bis 20 Prozent dieser Ansicht. 58 Prozent der deutschen Teilnehmer sprachen sich demnach gegen eine Aufhebung des Verbots von Protest auf dem Siegerpodest aus. Athleten Deutschland teilte dazu mit, die Organisation respektiere, dass die Mehrheit der befragten Athleten zu dieser Auffassung kommt, betonte jedoch, dass politischer Protest auch in den Arenen möglichen sein müsse. Meinungsfreiheit ermögliche Machtkritik und schütze die Meinung von Minderheiten.

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