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Arena „AufSchalke“ : „Ein Bier- und Würstchenpalast für den Fußball"

  • -Aktualisiert am

AufSchalke: Erlebniswelt für Groß und Klein Bild: dpa

Der Malocher-Klub hat sich ein Luxus-Stadion für 358 Millionen Mark gegönnt. Passt die noble Arena noch zur Philosophie „AufSchalke“?

          Den Besucher befällt Einkaufsstimmung, wenn er sich dem Bauwerk nähert. Die Fassade aus Stahl und Glas sieht aus wie ein gigantisches Kaufhaus.

          Das lichtdurchlässige, futuristisch anmutende Dach wirkt wie der Deckel einer riesigen Butterdose. An den Eingängen des riesigen Klotzes regeln elektronische Drehkreuze die Publikumsströme, die Eintrittskarten werden von elektronischen Lesegeräten an den Drehkreuzen überprüft.

          Der riesige Glaskörper funktioniert als „Verteilerebene" mit Rolltreppen und Aufzügen zu verschiedenen Etagen und Ebenen. Er könnte auch zu einem Hauptbahnhof gehören. Aber die Hinweisschilder weisen nicht den Weg zu den Gleisen, sondern die Richtung zu den 18 Treppenhäusern, zu Logen und Business-Sitzen, Bühnenbereich, Umkleidekabinen, 32 Imbißständen und zu einer Kapelle.

          Königsblaues Zahlungsmittel: der Knappen

          AufSchalke: Denkmal für Assauer?

          Im Empfangsbereich steht Rudi Assauer und weist mit der Hand ins Innere des riesigen Komplexes. Hinter den Einlasstüren befindet sich das „Herzstück": Ein Fußball-Feld und die Ränge für 62.000 Zuschauer.

          Assauer blickt nicht ohne Stolz auf das architektonische Schmuckstück, nachdem er sich eine Zigarre seiner Lieblingsmarke Cohiba für die Kleinigkeit eines Stückpreises von 56 Mark angezündet hat. „Das wird kein Champagnertempel, sondern ein Bier- und Würstchenpalast für den Fußball", sagt der Manager des FC Schalke 04.

          Einige seiner Vertrauten meinen, diese Arena sei sein Wohnzimmer, sein Lebenswerk und werde vielleicht eines Tages sein Denkmal. Der frühere Bundesliga-Profi betrachtet die Sache nüchtern: „Das ist das modernste Stadion in Europa. Es setzt Maßstäbe."

          „Rasenfahrt“ ist der technische Clou

          Tatsache ist, dass Assauer die Triebfeder dafür war, dass die Schalker heute und morgen nach etwa 1.000 Tagen Bauzeit einen eigenen Tempel eröffnen können. 358 Millionen Mark kostete die Arena AufSchalke, wie das weitgehend in den Klubfarbe königsblau gehaltene Stadion offiziell heißt.

          Es ist gespickt mit technischen Neuerungen. Die Rasenfläche ruht in einer 11.000 Tonnen schweren Riesenschublade, die aus dem Stadion ins Freie gezogen werden kann. Fünf Stunden dauert die „Rasenfahrt", die der Belüftung der Wiese dient. In anderen Stadien wie in Amsterdam oder Dortmund kostet die regelmäßige Sanierung der Spielflächen Hunderttausende von Mark, nur weil der Rasen zu wenig Licht bekommt.

          Am kommenden Samstag findet in der Arena, dem ersten Hallenstadion in Deutschland, die erste Bundesligapartie der Schalker gegen Bayer Leverkusen statt.

          Logen kosten bis zu 144.000 Mark

          Bei 40.800 Saison-Dauerkarten hat der Verein den Verkauf eingestellt. Die Eintrittspreise blieben stabil. Dafür macht der Klub zusätzlich Kasse mit den 72 Logen, die für 93.000 bis 144.000 Mark Jahresmiete zu buchen waren. Fußball soll so zum Erste-Klasse-Genuss werden.

          Doch das Bauwerk ist als multifunktionale Arena konzipiert. Beim Konzert der Pop-Gruppe Pur Ende August fasst das Stadion sogar 71.000 Besucher, da auch der Innenraum genutzt wird. Auch für große Veranstaltungen im Tennis, Boxen oder im Hallen-Motocross kann die Arena innerhalb eines Tages umgerüstet werden.

          Der Eintritt zur 78 Quadratmeter großen Kapelle ist natürlich frei. Nur der FC Barcelona hat im Nou-Camp-Stadion ebenfalls einen Raum für Gebete und Andachten. Auch bei den Katalanen trägt der Glaube an den Verein wie auf Schalke religionsähnliche Züge. Wie bei „Barca" ist bei den Schalkern sogar der Papst Klubmitglied, der dem Verein zur Eröffnung ein Grußwort übermitteln ließ.

          15 Jahre lang 21 Millionen Mark abzahlen

          Die finanzielle Belastung für den Verein ist so hoch, dass Zweifel bestehen, ob die Schalker das Projekt stemmen können. Der Löwenanteil wurde durch einen Kredit der Hamburgischen Landesbank in Höhe von 225 Millionen Mark bereitgestellt. 15 Jahre lang muss Schalke je 21 Millionen abzahlen, weitere sieben Millionen muss die Stadion-Betreibergesellschaft, eine hundertprozentige Tochter des Vereins, pro Jahr überweisen.

          Da der Kredit durch eine 80-prozentige Ausfallbürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gesichert ist, glauben Skeptiker, dass eine formidable Pleite den Schalker letztlich nicht schaden würde.

          Ist die Seele des Parkstadions noch da?

          Allerdings wäre es ein Gesichtsverlust, zumal die Fans mit vielen kleinen 500-Mark-Darlehen dem Klub insgesamt 15 Millionen geliehen haben. Das Vorzeigeobjekt ist noch mit anderen Bedenken verbunden. Passt dieses Stadion der Nobelklasse wirklich zu Schalke, dem wohl volkstümlichsten deutschen Fußball-Profiverein? Geschäftsführer Peter Peters ist besorgt: „Wir müssen darauf achten, dass wir die Seele vom Parkstadion in die Arena rüberbringen. Sie darf auf den 300 Metern nicht verloren gehen."

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