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Arbeitsprotokoll Stefan Kießling : Kein Visum für Kasachstan

Stefan Kießlings persönliche Bilanz im Spiel gegen Mainz 05 Bild: F.A.Z.

In Mainz hätte sich Stefan Kießling noch einmal für ein Nationalelf-Comeback empfehlen können. Der Bundestrainer war eigens zur Begutachtung angereist. Doch nach der 0:1-Niederlage muss der Leverkusener wohl keine Reise nach Kasachstan planen.

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          Stefan Kießling wirkt besonders motiviert, als er vor dem Spiel bei Mainz 05 das Spielfeld zum Aufwärmen betritt. Der 29 Jahre alte Stürmer ist als erster Feldspieler der Leverkusener auf den Platz gestürmt, sucht sich sofort einen Ball und dribbelt sich erst einmal zwei Minuten allein mit seinem Lieblingssportgerät warm. Dann hilft ihm beim Warm-up ein Mannschaftsbetreuer, der ihm ein paar Bälle zuspielt. Offenkundig pflegt der bislang beste Torschütze der Bundesligasaison ein besonderes Ritual vor dem Anpfiff. Bei der 0:1-Niederlage in Mainz bringt ihm das Gewohnte aber nicht sonderlich viel Glück, weil er eine eher durchwachsene Leistung ohne Torerfolg abliefert.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und das ist besonders schade für Kießling, da eigentlich alles gerichtet ist für den Toptorjäger: Bundestrainer Joachim Löw hat sogar seinen Scout Urs Siegenthaler mitgebracht, um sich wenige Tage vor der Nominierung des Nationalmannschaftskaders für die beiden anstehenden EM-Qualifikationsspiele gegen Kasachstan (22./26.März / F.A.Z.-Liveticker) noch einmal ein eigenes Bild von dem zuletzt verschmähten Stürmer zu machen – für den der DFB allerdings nach Informationen des Kicker gar kein Visum für die Reise nach Kasachstan beantragt hat. Auch dieses Detail spricht dafür, dass der Bundestrainer die Dienste des erfolgreichsten deutschen Torjägers der laufenden Spielzeit nicht wirklich schätzt.

          Tuchel findet Kießling gut

          Dabei hat er seine Qualitäten: Der Bundestrainer sieht schon nach einer Minute, dass Kießling gerne geschickt an der Abseitslinie auf Zuspiele in die Tiefe lauert. Erst einmal hat er Pech, weil Lars Bender den Ball einen Tick zu spät auf die Reise schickt und Kießling sich deshalb schon im Abseits befindet. Eine wichtige Aufgabe kommt der einzigen Spitze im 4-3-2-1-System der Werkself stets bei den Abschlägen von Torhüter Bernd Leno zu. Wie in der dritten Minute gelingt es Kießling sehr oft mit großem Geschick, den Ball auf Nationalspieler André Schürrle oder Gonzalo Castro, dessen Pendant auf der rechten Seite, weiterzuleiten und somit einen großen Raumgewinn zu erzielen.

          Bei dieser Arbeit im Duell Mann-gegen-Mann reibt sich Kießling immer wieder im Dienst an der Mannschaft auf, weshalb ihm der gegnerische Trainer Thomas Tuchel vor dem Spiel eine tolle Arbeitsmoral attestierte.

          Am Einsatz mangelt es nicht: Stefan Kießling (oben) am Samstag im Zweikampf mit Bo Svensson
          Am Einsatz mangelt es nicht: Stefan Kießling (oben) am Samstag im Zweikampf mit Bo Svensson : Bild: REUTERS

          Die wichtigste Tugend eines Torjägers beweist Kießling indes nicht: In der 25. Minute lauert er zwar auf den Fehler von Nikolce Noveski, der einen Carvajal-Pass fahrlässiger Weise passieren lässt. Kießling läuft unbedrängt auf das Mainzer Tor zu, scheitert jedoch kläglich an Torhüter Christian Wetklo.

          Bei zwei Ausflügen auf die rechte Außenposition sieht er in der Folge sehr unglücklich aus. In der 28. Minute ist seine Hereingabe so ungenau, dass der Mainzer Verteidiger Pospech problemlos klären kann. Zehn Minuten später flankt Kießling unbedrängt hinters Tor. Hier offenbaren sich technische Defizite. All diese Szenen kann ein Torjäger allerdings vergessen machen, wenn er nur einmal treffen würde: In der 42. Minute fliegt ein Kopfball nach Kadlec-Flanke jedoch knapp am Tor vorbei.

          Technische Schwächen

          Während Kießling nicht nur bei gegnerischen Standards durch fleißige Mitarbeit im Defensivspiel viel für die Wertschätzung durch die Kollegen tut, zeigt er in der Offensive weiter Schwächen. In der 54. Minute wird er beispielsweise von Schürrle gut in Szene gesetzt, der Ball springt ihm in hohem Tempo jedoch bei der Ballannahme so weit weg, dass die Mainzer Verteidigung keine Schwierigkeiten hat, den Angriff zu unterbinden. Bundestrainer Löw dürfte sich in diesem Moment ausgemalt haben, was ein gesunder Miroslav Klose mit einer solchen Gelegenheit angestellt hätte.

          Tatsächlich erklären Kießlings Schwächen, weshalb der Bundestrainer vermutlich lieber mit einer sogenannten „falschen Neun“, einem Mittelstürmer ohne die traditionellen Tugenden wie körperlicher Robustheit und Abschlussqualität, agiert statt im Zweifelsfall auf Kießling zu bauen. Der Bundestrainer verspricht sich von einer vermeintlichen Notlösung mit Mario Götze mehr Flexibilität im Angriffsspiel, die die Abschlussqualität aufwiegt. Gegen Kießling spricht in diesem Zusammenhang auch die seit jeher relativ schlechte Torquote auf internationalem Parkett bei seinen Europapokal- (36 Spiele /8 Tore) und Länderspieleinsätzen (6/0).

          Zu allem Überfluss hat Kießling in Mainz auch noch Pech: Er lupft den Ball zwar in der 56. Minute wunderbar über Gegenspieler Pospech und schießt hart ins lange Eck, doch der Mainzer Schlussmann reagiert abermals gut.

          In der Schlussphase holt der beste Bayer-Torschütze noch einige Freistöße in aussichtsreichen Positionen heraus, die allerdings nichts Zählbares bringen. „Wir sind oft durchgekommen durch die Mainzer Abwehrreihe, aber wir standen vor dem Tor heute nie am rechten Fleck“, wird Schürrle später sagen. Er zielt mit seiner kritischen Analyse natürlich nicht direkt auf seinen Mitspieler ab. Tatsächlich aber stand der Mittelstürmer anders als in vielen anderen Spielen in dieser Spielzeit am Samstag eben mal nicht dort, wo Torjäger stehen müssen. 

          Enttäuschung pur: Stefan Kießling nach der 0:1-Niederlage in Mainz
          Enttäuschung pur: Stefan Kießling nach der 0:1-Niederlage in Mainz : Bild: dpa

          Am Ende stehen bei 44 Ballkontakten nur 3 Torschüsse zu Buche. 12 von 22 Zweikämpfen hat Kießling für sich entschieden. Die geringe Zahl von lediglich 9 Sprints deutet aber an, dass Kießling nicht in der Lage war, Lücken im Mainzer Abwehrverbund zu finden oder zu reißen.

          Kießling ist nichts Grundsätzliches vorzuwerfen – und dennoch hat sein Auftritt in Mainz womöglich gezeigt, dass ihm für die Gunst von Löw entweder ein Tick mehr Spielverständnis oder eben die Kaltschnäuzigkeit fehlt, die kein Trainer der Welt ignorieren kann. Das dürfte auch der selbstkritische Kießling erkannt haben. Nach dem Spiel verbirgt er seine Enttäuschung erst einmal unter seinem Trikot, das er sich über den Kopf gezogen hat. Das Visum für Kasachstan braucht er wohl nicht nachträglich zu beantragen.

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