https://www.faz.net/-gtl-6wnn3

Andrea Petkovic : Signale des Körpers überhört

Vorzeichen ignoriert? Bei den US Open stoppte sie auch ein Meniskus-Einriss nicht. Bild: dpa

Wegen einer Stressfraktur im Becken muss Andrea Petkovic ihre Teilnahme an den Australian Open absagen. Offenbar hatte sie die Beschwerden monatelang ignoriert.

          3 Min.

          Für das neue Tennisjahr hatte Andrea Petkovic eine ganze Reihe von Vorsätzen gefasst, die zwar allesamt gut gemeint waren, aber nur bedingt zusammenpassten. Einerseits nahm sich die beste und mit Abstand fitteste deutsche Tennisspielerin vor, auf der Profitour weiter anzugreifen, „noch taffer zu werden“ und das Allerletzte aus sich herauszuholen. Andererseits wollte sie, vor allem nach den schmerzhaften Erfahrungen aus der zurückliegenden Saison, mehr auf ihre Gesundheit achten und „mehr in mich hinein horchen“.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Widerstreit zwischen höchstem Leistungsanspruch und dem Willen, es in Training und Wettkampf auch mal etwas vorsichtiger angehen zu lassen, entschied sich die Darmstädterin im Zweifel stets für die Härte gegen sich selbst. Mit den Folgen muss sich die Zehnte der WTA-Weltrangliste, die sich selbst einen „Dickkopf“ bescheinigt, nun aufs Neue herumplagen. Nachdem Andrea Petkovic eine im Spätsommer erlittene Knieverletzung erst vor einer Weile auskuriert hatte, ergab am Mittwoch eine Computertomographie, dass sie sich nun einen Ermüdungsbruch im Iliosakralgelenk im Becken zugezogen hat, das sie zu einer sechs- bis achtwöchigen Pause zwingt.

          Die Australian Open, die am kommenden Montag beginnen, werden also ohne die Vierundzwanzigjährige stattfinden. Das sei „eine riesige Enttäuschung“, sagte die Deutsche, „da quält man sich viele Wochen durch eine harte Vorbereitung, ordnet alles dem Sport unter, und noch vor dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres ist man außer Gefecht gesetzt.“

          Außerdem wird Andrea Petkovic auch beim Auftaktspiel in der Fed-Cup-Weltgruppe Anfang Februar gegen Tschechien den deutschen Damen fehlen. „Wir haben jetzt nichts mehr zu verlieren“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner zu dem Topduell mit dem Titelverteidiger in Stuttgart. Ihre Spitzenspielerin, so die Fed-Cup-Teamchefin, sei „quasi für ihren großen Eifer und Trainingsfleiß bestraft worden“. Tatsächlich resultiert eine Stressfraktur aus dauerhafter Überlastung.

          Dem ärztlichen Rat nicht gefolgt

          Wie Andrea Petkovic, die in Melbourne an Position zehn gesetzt war, am Mittwoch bekannte, hatte sie schon seit Monaten unter Beschwerden im unteren Rücken gelitten. Den ärztlichen Rat, deshalb einige Wochen kürzer zu treten oder gar zu pausieren, folgte die Darmstädterin allerdings nicht. In den turnierfreien Wochen zum Jahresende absolvierte sie in Offenbach ihr gewohnt strammes Programm, mit sechs bis acht Stunden täglichem Training.

          Gleich bei den beiden ersten Turnieren des Jahres musste Andrea Petkovic dann erleben, dass ihr Wille abermals stärker war als ihr Körper. Sowohl in Brisbane als auch zu Beginn dieser Woche in Sydney konnte sie nur unter Schmerzmitteln spielen und musste sich mehrmals - auch bei ihrer Zweitrunden-Niederlage gegen ihre polnische Angstgegnerin Agnieszka Radwańska - auf dem Platz behandeln lassen. In Sydney habe sie wegen ihrer Verletzung am Kreuz-Darmbein-Gelenk „nur 30 bis 45 Minuten schmerzfrei spielen“ können.

          Dem Körper zu viel zugemutet: In Sydney spielte Andrea Petkovic nach dieser Behandlung noch weiter – nun muss sie für Melbourne passen
          Dem Körper zu viel zugemutet: In Sydney spielte Andrea Petkovic nach dieser Behandlung noch weiter – nun muss sie für Melbourne passen : Bild: dapd

          Schon gegen Ende der vergangenen Saison hatte sich Andrea Petkovic über die Signale ihres Körpers hinwegzusetzen versucht und sich trotz einer schmerzhaften Knieverletzung wochenlang durchgebissen. Weil sie unbedingt ihre Chance nutzen wollte, am Jahresabschlussturnier der acht besten Tennisdamen teilnehmen zu können, spielte sie bei den US Open und den folgenden Turnieren mit einem Meniskuseinriss, einer entzündeten Patellasehne und Wasserablagerungen unter der Kniescheibe.

          Dem Bitten und Flehen ihrer Familie, sich eine Pause zu gönnen und die Verletzung auszukurieren, widersetzte sich Andrea Petkovic mit aller Macht - und findet ihre Entscheidung auch im Nachhinein noch gut und richtig. Denn: „Ich habe mich emanzipiert von Eltern, Team, Familie.“ Gleichwohl geriet sie während der anschließenden Reha ins Grübeln - zumindest ein wenig. „Ich trainiere zwar gerne viel“, sagte sie, „muss aber eher auf meine körperlichen Anzeichen hören und vielleicht entspannter damit umgehen, wenn es zwickt.“ Der wochenlange Umgang mit ihrer neuen Verletzung deutet allerdings nicht auf eine neue Gelassenheit hin.

          Auch Lisicki und Görges sind nicht fit

          „Ich werde jetzt nach Hause fliegen und meine Aussie-Fans vermissen“, sagte Andrea Petkovic, die im vorigen Jahr in Melbourne das Viertelfinale erreichte und die dort gewonnenen 500 Weltranglistenpunkte nicht verteidigen kann. Daheim in Darmstadt wird sie gezwungenermaßen vor dem Fernsehgerät verfolgen müssen, ob wenigstens ihre Landsleute trotz aktueller Blessuren gut über die Runden kommen. Sabine Lisicki, die zweitbeste deutsche Tennisdame, hat ihre Bauchmuskelverletzung noch nicht restlos überwunden, Julia Görges leidet noch an den Folgen einer Viruserkrankung. Beide Fed-Cup-Spielerinnen hatten ihre vergangenen Turnierspiele nicht beenden können. Zudem bangt Florian Mayer, im Melbourner Herren-Hauptfeld der einzige gesetzte Deutsche, um seine Teilnahme am ersten Saisonhöhepunkt. Wegen einer Hüftverletzung musste der Bayreuther zuletzt in Brisbane passen.

          Bevor Andrea Petkovic, die vor vier Jahren schon einen Kreuzbandriss wegsteckte, ihre Heimreise antrat, zeigte sie sich wieder frohen Mutes. „So schnell haut mich nichts mehr um“, sagte sie nach der Diagnose vom Mittwoch: „Nach meinem Kreuzbandriss und dem Meniskuseinriss weiß ich mit Verletzungen umzugehen.“ Den Beweis dieser Behauptung ist die Darmstädterin bislang schuldig geblieben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Seite an Seite: Wissenschaftler Christian Drosten und Politiker Jens Spahn bei einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr

          Experten in der Pandemie : Wenn Wissenschaft zu Ideologie wird

          In der Corona-Krise verschmilzt die Figur des Experten mit der des Aktivisten. So entsteht der Eindruck, in Forschungsbefunden liege der Schlüssel zu politischem Handeln. Für die Demokratie ist das gefährlich. Ein Gastbeitrag.
          Auch so eine Überschrift: „Es hilft, wenn mal die Katze durchs Bild läuft“

          Kolumne „Nine to five“ : Kuriose neue Arbeitswelt

          „Polizei jagt Homeoffice-Sünder“ – solche Schlagzeilen wären doch vor Corona undenkbar gewesen. Im Archiv eines Jahres Pandemie-Heimarbeitswelt kommen da so einige zusammen. Eine kleine Kostprobe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.