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Analyse : Glückliche Bayern reden sich stark

  • -Aktualisiert am

Bayerische Erlösung auf dem Betzenberg Bild: dpa

Der FC Bayern hat mit dem 5:3 im Elfmeterschießen in Kaiserslautern das DFB-Pokal-Halbfinale erreicht. Ein glücklicher Erfolg, den die Münchener deutlich überbewerten. Analyse.

          3 Min.

          Beim Champions-League-Finale in Mailand im Mai 2001 standen die Bayern-Spieler Schulter an Schulter, als es ins Elfmeterschießen ging. Kollektive Stärke demonstrieren. Als in Kaiserslautern sich nun Ende Januar 2002 die Entscheidung über den Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale ebenfalls per Lotteriespiel vom weißen Kreidefleck ankündigte, lagen sich die Münchener nicht in den Armen.

          Das war erst der Fall, als Claudio Pizarro den fünften und letzten Elfmeter nervenstark verwandelte. Stefan Effenberg, Oliver Kahn und Co. klatschten sich ab, kurze Grüße in die Kurve, ab in die Katakomben. Und dann wenigstens verbale Stärke demonstrieren, was in torlosen 120 Minuten nur kämpferisch, nie aber spielerisch gelungen war.

          Druck und Glück der Bayern

          "Wir haben die Drucksituation gemeistert", fand Ottmar Hitzfeld. "Wir haben Einsatz und Wille gezeigt", lobte Effenberg. "Wir haben sicher Glück gehabt, aber das Triple ist noch drin", meinte Oliver Kahn ironisch, der dann allen Ernstes die alten bayerischen Tugenden preiste. "Man muss das Glück zwingen."

          Das Glück des letzten Schützen: Claudio Pizarro
          Das Glück des letzten Schützen: Claudio Pizarro : Bild: dpa

          Beim 5:3 im Elfmeterschießen nach torlosem Spiel inklusive Verlängerung beim 1. FC Kaiserslautern haben das die Bayern getan. Aber Triple-tauglich? Das ist eine Mannschaft nicht, die ihr Erfolgserlebnis daraus rekrutiert, "dass wir 120 Minuten die Bälle vom Tor ferngehalten haben" (Hitzfeld). Mit hohem Aufwand, rustikalen Mitteln, großer Hingabe - aber unter Verzicht auf fast aller spieltechnischer Vorzüge.
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          Zitat
          "Ich habe zuhause einen dreijährigen Sohn. Der ist auch anstrengend. Aber nicht annähernd so wie 22 erwachsene Menschen in diesem Pokalspiel."
          Schiedsrichter Jürgen Jansen.
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          Spielerisch ähnelte diese Pokal-Partie einem Offenbarungseid, weil es auf dem zerwühlt-zerfurchtem Platz, auf dem nur noch vereinzelt Grashalme wachsen, kaum Kombinationen und keinen Spielfluss gab. Bayern-Trainer Hitzfeld tat das, was alle zur Münchener Marschroute erhoben. "Ein taktisches Spiel" schönreden. "Wir waren kämpferisch sehr gut, aber spielerisch können wir es besser", konstatierte Hitzfeld, "doch das war auf dem Boden schwierig."

          Hitzfeld auf schwierigem Terrain

          Auf schwierigem Terrain befindet sich Hitzfeld aber weiterhin. Ein kleines Problem ist, dass ihm mit Willy Sagnol und Hasan Salihamidzic, Bixente Lizarazu und Michael Tarnat alle Spieler verletzt oder gesperrt fehlen, die ein Spiel über die Außenbahn vorantreiben können. Ein großes Problem ist, dass sich der Coach dem selbsternannten "Chef" gebeugt hat.

          Denn Hitzfeld kam in Kaiserslautern exakt den von Effenberg geforderten Personalmaßnahmen nach. Der Effenberg-Kompagnon Carsten Jancker, die Mittelfeld-Zuarbeiter Thorsten Fink und Owen Hargreaves fanden sich in der Anfangself wieder. Dass Hitzfeld sich der Linie Effenberg verschrieben hat, darum redet der Coach gar nicht herum. "Der Sieg für uns Gold wert: Diese Mannschaft hat für das Spiel gegen Bayer Leverkusen einen Bonus."

          Fink fand ja auch, "dass Stefan sich voll reingehängt hat." Derlei unkritische Rückendeckung für einen, mit dem die Bayern in der Bundesliga erst drei Punkte geholt haben und dreimal glücklich im DFB-Pokal weitergekommen sind, birgt Zündstoff.

          Keine Lust am Spiel, viele Spieler mit Frust

          Effenberg zahlte das Nibelungen-Vertrauen nun mit erhöhtem Einsatz, einem verwandelte Elfmeter und vielen Gesten zurück. Idee und Inspiration gehen ihm aber immer noch in erschreckendem Maße wie den Münchener die Spielfreude ab. Der Sieger redet darüber nicht. Ebenso wenig, dass sich die auf die Bank verbannten Stars wie Giovane Elber, Jens Jeremies oder Mehmet Scholl nur widerwillig aufwärmten.

          Fink hatte es trotz torloser zwei Stunden "Spaß gemacht". Er demonstrierte Selbstbewusstsein ("Glück hat nur der Tüchtige.") und sagte sodann, "jetzt kommen die schönen Spiele für uns." Unter anderem am 5./6. März ein DFB-Pokal-Halbfinale.

          Verbale Basler-Fehltritte

          Kaiserslautern ist dann Zuschauer. Was Mario Basler richtig ärgerte. Schon vor den Fernsehkameras hatte er Schiedsrichter Jürgen Jansen, der die hektische wie harte Begegnung nie wirklich unter Kontrolle hatte, als "Hosenscheißer" tituliert. Basler empörte sich wie FCK-Teamchef Andreas Brehme daran, dass Jansen die Elfmeter-Entscheidung nicht vor den Lautern-Fans sondern vor der "neutralen" Ostkurve ausgetragen ließ.

          Seine despektierliche „Kritik“ hat für ihn möglicherweise sportgerichtliche Konsequenzen. Am Donnerstag wurde Basler vom DFB-Kontrollausschuss zur Stellungnahme bis zum Dienstag aufgefordert.

          "Der FC Bayern entscheidet halt im deutschen Fußball. Alle haben sie Angst vor den Bayern", wetterte der Exzentriker. War doch Uli Hoeneß zuvor zum Referee geeilt und hatte auf eine Auslosung der Spielfeldseite gedrängt.

          Elfmeterschießen reicht auf Dauer nicht

          Jansen tat etwas ganz anderes: Aus "Sicherheitsgründen" entschied er sich gegen die Kurve, aus der vorher Gegenstände auf den Rasen geflogen waren. "Eine Frechheit", wetterte Basler Richtung Referee. Und auch die Bayern bekamen noch etwas ab. "Wir waren die klar bessere Mannschaft mit den klar besseren Chancen."

          Aber die Draufgabe Elfmeterschießen geriet dann doch zur besseren Demonstration bayerischer Nervenstärke. Weil Nenad Bjelica über das Tor von Oliver Kahn zielte, reichte es, dass Effenberg, Jeremies, Hargreaves, Scholl und Pizarro nacheinander ebenso selbstbewusst wie selbstverständlich verwandelten. Doch das wird gewiss nicht reichen, um Titel zu gewinnen.

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