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Amerikanisches Nationalteam : Arenas Fallrückzieher

  • -Aktualisiert am

„America First“ funktioniert nicht - das hat Bruce Arena ziemlich schnell verstanden Bild: AFP

„America First“ hieß es beim amerikanischen Nationaltrainer, als er den Job von Klinsmann übernahm – jetzt setzt er doch auf deutschstämmige Profis, obwohl er genau das bei seinem Vorgänger kritisierte.

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          Der Ton ist rauher geworden in den Vereinigten Staaten. „America First“, heißt es ganz offiziell, seitdem Donald Trump Präsident ist. Egal ob in Politik oder Wirtschaft: die nationalen Interessen stünden fortan an erster Stelle, betont Trump. Doch diese America-First-Mentalität hat es bereits im Sport gegeben, als Trump noch gar nicht an das Amt des Staatschefs dachte: bei der amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft. Angeregt durch Bruce Arena – wenn auch mit anderen Worten.

          Außerhalb Amerikas mag der New Yorker kaum bekannt sein. Schließlich verbrachte er seine gesamte Trainerkarriere daheim – am College, in der Major League Soccer und von 1998 bis 2006 als Nationalcoach. Er hatte die Vereinigten Staaten bei der WM 2002 ins Viertelfinale geführt. Dies war ein derartiger Erfolg, dass die einheimischen Medien noch heute stets darauf verweisen, sobald der Name Arena fällt. Dass es auch jener Arena war, mit dem die Amerikaner bei der WM 2006 in Deutschland mit nur einem Punkt in der Vorrunde ausschieden, wird gerne verschwiegen.

          Der Einzige, der Amerika „zweimal zu einer WM geführt hat“

          Arena hat nun wieder jenen Posten, für den er vor elf Jahren nicht mehr gut genug war. Verbandspräsident Sunil Gulati hatte ihn im November nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann als Retter geholt. Die Vereinigten Staaten hatten gegen Mexiko (1:2) und Costa Rica (0:4) ihre ersten beiden Spiele der finalen Qualifikationsrunde der Concacaf-Region verloren, waren Letzter in der Sechser-Gruppe.

          Der Mann, der Amerika zweimal zur WM führte: Bruce Arena hat ein unerwartetes Comeback geschafft

          Die „Road to Russia“ drohte zu einem Rodeo nach Russland zu werden, mit der großen Gefahr, vor dem Ziel abgeworfen zu werden. Und so wurde der Mann verpflichtet, der – noch so eine Arena-Arie der amerikanischen Medien – „als Einziger Amerika zweimal zu einer WM geführt hat“. Der 65-Jährige hatte selbst wohl nie mit dieser Beförderung gerechnet. Deshalb konnte er in der Vergangenheit kräftig gegen Klinsmann sticheln. Vor allem die Personalpolitik des Deutschen missfiel ihm.

          Arenas Töne haben einen Touch Trump

          Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hatte Klinsmann verstärkt nach Akteuren mit doppelter Staatsbürgerschaft gesucht – und war in seiner Heimat fündig geworden. Als er 2013 den in Bremen geborene Terrence Boyd sowie den in Frankfurt zur Welt gekommenen Jermaine Jones nominierte, echauffierte sich Arena in einem ESPN-Interview: „Spieler für unsere Nationalmannschaft sollten Amerikaner sein. Ich glaube nicht, dass wir sagen können, wir entwickeln uns, wenn sie alle in anderen Ländern geboren sind.“ Das hatte einen Touch Trump.

          Vor der WM 2014 wurde Arena in der „New York Times“ noch nationalistischer. „Ich denke, ein Amerikaner sollte unsere Nationalmannschaft trainieren und die Mehrheit der Nationalspieler aus der Major League Soccer kommen.“ Klinsmann indes wurde mit der MLS nie warm, hatte stets betont, dass er am liebsten alle Nationalspieler bei europäischen Klubs sehen würde. Letztlich spielten bei der WM in Brasilien 13 der 23 Akteure international – darunter die in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jermaine Jones, John Brooks, Fabian Johnson, Julian Green und Timothy Chandler.

          Die „Sports Illustrated“ widmete diesen „Germaricans“ zur WM gar die Titelstory: „Importe von Bedeutung. Der deutsche Einfluss auf das US-Nationalteam“. Die Söhne von amerikanischen Vätern und deutschen Müttern zeigten anschließend, wie wertvoll sie sein können. Brooks, Jones und Green schossen drei der fünf WM-Tore. Ohne Brooks’ Siegtreffer zum 2:1 gegen Ghana und das Tor von Jones beim 2:2 gegen Portugal hätten die Vereinigten Staaten nicht das Achtelfinale erreicht.

          Ohne Bundesligaprofis läuft es nicht

          Von seinen kritischen Worten will Arena nun ebenso wenig wissen wie Trump nach der gescheiterten Gesundheitsreform von der Ankündigung, Obamacare „sofort nach Amtsantritt zu widerrufen und durch ein besseres Produkt zu ersetzen“. Falls er derlei Kommentare abgegeben habe, sei das ganz sicher nicht seine Einstellung, so Arena. Er begrüße jeden, der für die Nationalmannschaft spielberechtigt sei, und wolle nur klarstellen, dass alle auch mit ganzem Herzen dabei seien.

          Ohne Bundesliga-Profis geht es nicht: der junge Dortmunder Pulisic führte das Team zum Sieg über Honduras

          Im Dezember war Arena nach Deutschland geflogen, um Chandler, Brooks und Johnson zu sprechen. „Er hat mir gesagt, dass er mich auch weiterhin beobachten und berücksichtigen werde, wenn die Leistung stimmt“, betonte Chandler gegenüber dieser Zeitung. Arena weiß längst, dass „America First“ in seiner Nationalmannschaft nicht funktioniert. Bundesligaprofis wie Bobby Wood, Johnson, Brooks und Christian Pulisic sind für ihn Stammspieler und bieten eine Qualität, an die die Akteure aus der zweitklassigen MLS nicht heranreichen.

          „America First“ funktioniert nicht

          Klinsmann hatte 2013 den unbekannten Wood ins Nationalteam geholt, als dieser bei 1860 München in der zweiten Liga stürmte. Und er verhalf im März 2016 dem 17-jährigen Pulisic zum Debüt, obwohl dieser bei Borussia Dortmund gerade mal 112 Bundesliga-Minuten gespielt hatte. Pulisic hat am Freitag beim 6:0 gegen Honduras gezeigt, wie genial er die amerikanische Offensive dirigieren kann. Er bereitete drei Tore vor und traf einmal selbst.

          In der Nacht zum Mittwoch trifft das amerikanische Team zum vierten Spiel der Sechsergruppe in Panama (21.05 Uhr Ortszeit) an – und könnte bei einem Sieg auf Rang drei vorrücken, der zur direkten Qualifikation nach Russland berechtigt.  Das Fazit nach dem Honduras-Spiel von Bruce Arena lautete: „Es war Jürgens Verdienst, neue Gesichter anzulocken. Ich denke, er hat bei der Kaderzusammenstellung meistenteils richtig gute Arbeit geleistet.“ Versöhnliche Worte in Amerika – zumindest beim Thema Soccer.

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