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Ajax Amsterdam : Talentförderung bei Ajax: Wellenspiel mit Nullen

Auf der Führungsebene von Ajax Amsterdam verlässt man sich keineswegs auf den Zustrom heimischer Talente. Weltweit haben die Holländer ihre Talentsichtung ausgedehnt. So ähnelt das Team einer Weltauswahl "U 23".

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          Die neue Stärke von Ajax wird gern mit dem alten Rezept erklärt: mit der legendären Nachwuchsschule "De Toekomst" (Die Zukunft). Doch die beiden wohl wichtigsten Spieler im Überraschungsteam der Champions League zeigen, daß die Amsterdamer ihre europäische Renaissance nicht mehr lokal, sondern global aufgestellt haben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In weiten Teilen ähnelt ihr Team einer Weltauswahl "U 23". Der 21jährige Südafrikaner Steven Pienaar, der in beiden Spielen gegen Arsenal London den Weltstar Patrick Vieira übertrumpfte, wuchs in einer Township bei Johannesburg auf, verdiente sein Geld durch Wettgewinne bei Straßenspielen, die häufig in Schlägereien unter Jugendbanden endeten, und landete dann bei Ajax Cape Town - die erste Trouvaille der Ajax-Außenstelle Afrika, die 1998 aus den Erlösen des Klub-Börsengangs eröffnet wurde.

          Drei Millionen für einen 18-Jährigen, dazu gehört Mut

          Aber auch auf die anderen Kontinente haben die Holländer, die sich nicht mehr auf den Zustrom heimischen Nachwuchses verlassen wollen, ihre Talentsuche ausgedehnt. Sie scheuen sich dabei auch nicht mehr, viel Geld auszugeben: Drei Millionen Euro für einen 18jährigen Abwehrspieler, dazu gehört Mut.

          Doch es war eine Geldanlage, um die mancher Aktionär die Amsterdamer beneiden wird. Diesen Sommer dürften sie für denselben Spieler die siebenfache Summe bekommen. Christian Chivu ist erst 22, aber schon Kapitän von Ajax und der rumänischen Nationalelf. Viele halten ihn bereits für einen der besten Abwehrspieler der Welt. Und für die Hauptursache der unerwarteten Stabilität des Ajax-Teams, das mit sechs Spielern unter 23 Jahren kein einziges Zwischenrundenspiel gegen Valencia, Arsenal und AS Rom verlor. Schon hat Real Madrid bei Ajax-Präsident Michael van Praag sein Interesse an Chivu bekundet. In der Schlange stehen auch der FC Barcelona, Inter Mailand und einige englische Klubs.

          „Vielleicht in fünf oder sechs Jahren die Champions League gewinnen“

          "Wir werden einem Wechsel nicht im Weg stehen", verkündet van Praag, obwohl Chivu einen Vertrag bis 2006 hat. "Spieler sind Menschen, keine Sklaven. Wir werden niemanden gegen seinen Willen halten." Allerdings hat Chivu sowieso eine Ausstiegsklausel, der zufolge er gegen eine Ablöse von 21 Millionen Euro gehen kann. Und die happigen Verluste von 25,8 Millionen Euro in der letzten Saison werden Ajax die großzügige Geste gegenüber Chivu erleichtern.

          Auch für andere Jungstars, etwa den schwedischen Torjäger Zlatan Ibrahimovic oder die holländische Hoffnung Rafael van der Vaart, häufen sich Angebote mit vielen Nullen. Dieses Wellenspiel ist den Amsterdamern so vertraut wie das am Ijsselmeer: Wenn sie nach ein paar Jahren in der Versenkung wieder ein gutes junges Team beisammen haben, stehen prompt die Konkurrenten Scheck bei Fuß. Trainer Ronald Koeman glaubt aber, daß die Finanzkrise Ajax hilft. Weil das Geld nicht mehr so locker sitzt, "können wir die jungen Spieler länger halten, um ein Team aufzubauen, das vielleicht in fünf oder sechs Jahren die Champions League gewinnen kann". Chivu werden sie so lange nicht halten können.

          "Es ist der ideale Klub“

          "Es ist der ideale Klub, um sich als junger Spieler zu entwickeln", sagt er über Ajax. Doch er will nun in einem Team spielen, "das die Champions League gewinnen kann". Italiens Sportpresse hat ihn schon gewohnt voreilig als "Il Piccolo Maldini" vereinnahmt. Der Vergleich mit dem Vorbild steht diesen Dienstag im Viertelfinal-Hinspiel Ajax gegen Milan auf dem Programm. Das letzte Mal, als die beiden Klubs aufeinandertrafen, war im Finale 1995, und das junge Ajax-Wunderteam um Kluivert und Davids schaffte ein Fußballmärchen.

          "Ich bin bereit zu gehen", sagt der gutaussehende Chivu, der mit dem rumänischen Mannequin und Fernsehstar Andrea Raicu liiert ist und schon als "Osteuropas Antwort auf David Beckham" gefeiert wird. Er gibt zu, daß ihn der Ehrgeiz in eine der großen Ligen Europas treibt. Das Geld wird dem nicht im Wege stehen. Bisher verdient er rund 1,5 Millionen Euro im Jahr.

          Chivu: Real im Blickfeld

          Bei einem Klub wie Real wäre es ein Vielfaches. "Die Sache wäre einfacher, wenn ich hier nicht so populär wäre", sagt Chivu. Auf Schritt und Tritt wird er von Fans angefleht zu bleiben. Wirte bieten ihm kostenlose Mahlzeiten, damit er nicht wechselt. "Ein großer Kämpfer, ein großer Spieler, ein großes Vorbild", lobt Trainer Ronald Koeman den so beliebten wie bescheidenen Rumänen.

          Die Leser einer Lokalzeitung wählten Chivu sogar zu "Amsterdams Persönlichkeit des Monats". Zum Dank ging er in eine Schule und hielt eine Geschichtsstunde ab. Im Kunstunterricht versuchte er sich mit der Kopie von einem, der schon vor Ajax holländischer Meister war: Vincent van Gogh. Und der mußte ja auch in den Süden, um groß herauszukommen.

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