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Afrika-Cup : Der Triumph des Gebäudereinigers

  • -Aktualisiert am

Vom Gebäudereiniger zum Erfolgstrainer: Hervé Renard gewinnt mit Sambia die Afrikameisterschaft Bild: REUTERS

Sambia gewinnt erstmals den Afrika-Cup. Im Elfmeterschießen hat der Außenseiter bessere Nerven als die Stars um Didier Drogba. Der Triumph nahe eines tragischen Ortes ist auch der Erfolg eines Trainers mit ungewöhnlicher Vita.

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          Hervé Renard bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Als Stoppila Sunzu das sambische Nationalteam am Sonntagabend mit seinem entscheidenden Elfmeter zum Afrika-Cup-Sieger geschossen hatte, schloss der französische Trainer der Sambier zuerst einmal seine beiden Assistenten in die Arme. Dann nahm er mit lachendem Gesicht Joseph Musonda auf die Arme und trug den maladen Abwehrspieler zu dessen Teamkollegen. Die knieten auf dem Rasen im „Stadion der Freundschaft“ in Libreville und sangen vor lauter Dankbarkeit sambische Lieder.

          Außenseiter Sambia hat es tatsächlich geschafft. Die „Chipolopolo“ („Gewehrkugeln“) sind Afrikameister – haben den großen Favoriten Elfenbeinküste mit all dessen Stars aus der englischen Premier League in einem dramatischen Finale im Elfmeterschießen bezwungen.

          Der Coup des Außenseiters: Sambias Torwart Mweene Kennedy wehrt den Titelanspruch der Elfenbeinküste erfolgreich ab

          Und das völlig verdient. Sie waren schon während der regulären Spielzeit überlegen gewesen. Die Krone Afrikas Fußballs tragen nun Namenlose. Mit einem Trainer, der vor acht Jahren noch französische Bürohäuser geputzt hat.

          Drogbas Schuss in den Gabuner Nachthimmel

          Hervé Renard hatte in den letzten Tagen vor dem großen Finale immer wieder betont: „Wir werden unterschätzt, weil unsere Spieler nicht bei großen Klubs unter Vertrag stehen. Aber wir sind wirklich sicher: Wir können es schaffen. Wir glauben an uns.“ Die Sambier um ihren Kapitän Chris Katongo, einst bei Arminia Bielefeld in der Bundesliga aktiv, sollten im Finale ihren Trainer bestätigen.

          Gleich von der ersten Minute an setzten sie die Ivorer um Didier Drogba mit erfrischendem Offensivfußball unter Druck. Dagegen wirkten die Ivorer völlig verunsichert und verkrampft. Kolo Touré in der Abwehr, sein Bruder Yaya im Mittelfeld, Salomon Kalou auf Außen und Didier Drogba im Angriffszentrum – all die Stars waren kaum zu sehen und wurden von den flinken Sambiern von einer Verlegenheit in die andere geschickt.

          Letzter Schritt zum Titel: Kennedy Mweene wehrt den Elfmeter von Kolo Touré ab

          Und als Gervinho nach 70 Minuten dann doch einmal durch die Abwehrreihen der Sambier gestoßen und gefoult worden war, da war es Didier Drogba, der den fälligen Strafstoß weit in den Gabuner Nachthimmel drosch.

          Triumph im Gedenken an den Flugzeugabsturz von 1993

          Damit war es um die Ivorer geschehen. Drogba wankte vor lauter Pein nur noch über den Rasen, in der Verlängerung waren die Sambier bereits drauf und dran, dem großen Favoriten den Gnadenstoß zu versetzen. Doch es dauerte bis zum Elfmeterschießen. Dort versemmelten nach zunächst beiderseits sechs verwandelten Elfmetern Kolo Touré und dann auch noch Gervinho für die Elfenbeinküste – der junge Sunzu nutzte, nachdem Sambia zuvor den ersten „Matchball“ vergeben hatte - die zweite Siegchance und setzte den Goldenen Treffer für Sambia.

          Der Triumph fand nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem am schwärzesten Tag in der Geschichte des sambischen Fußballverbands Football Association of Zambia (FAZ) 1993 18 Spieler des damaligen Nationalteams bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren.

          Sambia spielte in Gedenken an die Nationalspieler, die 1993 mit dem Flugzeug abstürzten und starben

          Drei Tage vor dem großen Finale waren die Nachfolger der Opfer von damals  noch einmal gemeinsam an der Küste gewesen, in deren Nähe sich die Tragödie zugetragen hatte. Am Strand legten die Sambier Blumen für die Verstorbenen nieder.

          Vom Müllträger zum Erfolgstrainer

          In einem emotionalen Moment stemmte am Sonntagabend dann Verbandspräsident Kalusha Bwalya den Pokal in die Höhe. Er war Spieler jenes Teams gewesen, aber damals nicht mit an Bord gewesen - er war von seinem Klub PSV Eindhoven in einer anderen Maschine auf dem Weg nach Dakar zum Spiel gegen Senegal. „In uns wohnte ein Zeichen des Schicksals, eine Kraft. Vielleicht sollte es sein“, sagte Trainer Renard in Gedanken an das Unglück.

          Vor dem Endspiel hatte Renard noch rhetorisch in die Runde der Journalisten gefragt. „Acht Jahre lang habe ich den Müll rausgetragen. Jetzt stehe ich als Trainer im Endspiel des Afrika-Cups. Fußball ist magisch, oder?“ Der Trainer war nie ein großer Fußballer. Er kam mit 15 in die Fußball-Jugendakademie in Cannes, wo er auf die gleichaltrigen Marcel Desailly und Didier Deschamps traf. Begegnungen, die ihm die Augen öffneten. „Ich merkte: An die komme ich nicht ran, die sind viel besser als ich. Ich war bestenfalls ein durchschnittlicher Liga-3-Spieler“, sagt Renard, der frühzeitig auf eine Karriere als Trainer umschwenkte.

          Der Außenseiter aus Sambia hingegen feiert einen großen Sieg überschwänglich

          Er trainierte Amateurklubs in Frankreich, arbeitete hauptberuflich in einer Gebäudereinigungsfirma, wo er sein eigener Chef war. „Diese Zeit, als ich jeden Morgen um drei Uhr aufstehen musste um arbeiten zu gehen, vergesse ich nie. Diese Zeit hat mich auch gelehrt, meine heutigen Erfolge im Fußball richtig einzuordnen und nicht abzuheben“, sagt der 43-Jährige. Renards Glück war das Treffen mit Claude Le Roy, einem erfahrenen Trainer-Vagabunden.

          Le Roy nahm Renard als Assistent in sein Team und tingelte mit ihm erst durch China, England und Frankreich, ehe beide 2007 beim Nationalteam Ghanas landeten. Nach dem Afrika-Cup 2008 verließen beide Ghana und Renard wurde Trainer der sambischen Nationalmannschaft. Beim Afrika-Cup 2010 erreichte er mit den Sambiern das Viertelfinale, ging anschließend als Nationaltrainer nach Angola. Dort war mehr zu verdienen.

          Erfolgreich ausgebremst: Didier Drogba, der Star der Elfenbeinküste, im Zweikampf

          Das Engagement dauerte indes nur wenige Monate und im Oktober vergangenen Jahres wurde Renard von Sambias Fußballpräsident Kalusha Bwalya zurückgeholt. Gegen die Meinung der Öffentlichkeit, denn die hatte Renard seinen Abschied 2010 nicht so einfach verziehen. „Die Leute sind noch nicht auf unserer Seite. Aber wenn sie uns beim Afrika-Cup sehen, werden sie schnell hinter uns stehen“, prophezeite Renard.

          Nur 1992 gewann die Elfenbeinküste, nun müssen die Fans eine weitere Enttäuschung verkraften

          Er sollte Recht behalten. In der Nacht von Sonntag auf Montag stand Sambias Hauptstadt Lusaka Kopf. Die Menschen feierten den Fußballtriumph bis ins Morgengrauen. Einen Triumph, den sie einem ehemaligen Gebäudereiniger zu verdanken haben.

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