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Ägypten : „Kein Fußball - das ist Krieg“

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Ägyptens Fußball in den Fängen der Gewalt: Ein Schuh liegt im Tornetz von Port Said Bild: REUTERS

Nach der Katastrophe in Port Said ist die Verbandsführung abgesetzt worden. Die Ultras der großen Kairoer Klubs verbrüdern sich, um gegen die politischen Verhältnisse zu demonstrieren.

          Es war 3 Uhr 30 am Morgen, als die vom Grauen gezeichneten Fußballfans von Al-Ahly im Bahnhof von Kairo aus dem Zug stiegen. Tausende Menschen erwarteten die Heimkehrer aus Port Said, die beim Fußballspiel zwischen Al-Ahly und Al-Masri einen Albtraum erlebt hatten. Mehr als 70 Menschen starben in dem gewalttätigen Chaos, das ausgebrochen war, nachdem Tausende Fans von Al-Masri das Spielfeld gestürmt hatten. Etwa 1000 wurden verletzt.

          Schon auf dem Weg zum Bahnhof hatten die Fußballanhänger, denen sich Fans des Konkurrenzklubs Zamalek angeschlossen hatten, Parolen gegen den Militärrat und die Zentralen Sicherheitskräfte in die Nacht geschrieen. Jetzt kletterten einige auf die Lokomotive und forderten das Ende des Feldmarschalls Tantawi, des Chefs des regierenden Militärrats.

          Rückkehr nach Kairo: Am Bahnhof formt sich Protest

          Bei dem Ausbruch der Gewalt in Port Said, dies ist die allgemeine Überzeugung, habe es sich nicht nur um Fußballkrawalle gehandelt, wie sie in Ägypten üblich und gefürchtet sind. Die sichtliche Zurückhaltung der Sicherheitskräfte im Stadion wird dem Militärrat angelastet, der im Volk für Chaos sorgen und eine harte Gangart gegen die Revolutionäre rechtfertigen wolle.

          Ein Fanclub von Al-Ahly warf der Polizei und den Fans von Port Said sogar vor, sich für die Rolle der Kairoer Ultras während der Revolution, die im vergangenen Jahr zum Sturz von Präsident Husni Mubarak führte, rächen zu wollen. „Sie wollen uns dafür bestrafen, dass wir an der Revolution gegen die Unterdrückung teilgenommen haben“, hieß es in einer Erklärung.

          Auf der Flucht: Die Spieler von Al-Ahly nach dem Spiel in Port Said

          Viele Fans, die aus dem Zug stiegen, waren verletzt, oft am Kopf und an den Beinen. Sie waren vor den gewalttätigen Angreifern geflohen, die direkt nach dem 3:1-Sieg von Al-Masri das Spielfeld stürmten. Gewalttäter hatten sie mit Messern, Knüppeln und Steinen angegriffen, sie waren in einen Korridor gegen verschlossene Tore gelaufen und zusammengedrückt worden. Empörte politische Diskussionen wurden auf dem Bahnhof geführt. „Die Polizei hat sich absichtlich zurückgehalten. Es ist klar, dass dieser Kampf inszeniert war“, wird ein Fan von der Nachrichtenagentur Al Ahram zitiert.

          Trauer in Port Said: Beerdigung einiger Opfer des Stadionkatastrophe

          Gleichzeitig versammelte sich eine Menge vor den Bildschirmen im Bahnhofscafé, wo die Namen von Toten verlesen wurden. Als sich die Nachrichten herumgesprochen hatten, brachen Familienmitglieder und Freunde der Opfer in Tränen aus. Andere warteten weiter voller Angst auf ihre Angehörigen, von deren Schicksal sie noch nichts wussten.

          „Ich werde nicht mehr Fußball spielen“

          Die Fußballspieler von Al-Ahly Kairo, dem aktuellen Tabellenzweiten und erfolgreichsten Fußballklubs in Ägypten, waren mit Militärhubschraubern nach Hause geflogen worden. Sie waren nach dem Abpfiff vor den Gewalttätern in ihre Umkleidekabine geflohen, wo sie drei Stunden lang eingesperrt blieben, gemeinsam mit Fans, die sich dort in Sicherheit hatten bringen können. Vereinsärzte versorgten die Schwerverletzte, einige starben, die Spieler blieben unverletzt.

          Szene der Verwüstung: Das Stadion in Port Said am ag danach

          Ein vom Klub betriebener Fernsehkanal erhielt eine Reihe von Telefon-Anrufen von seinen Spielern direkt aus dem Stadion. Sie hätten um ihr Leben laufen müssen. Alle seien angegriffen worden, auch der Vereinsarzt und der Physiotherapeut. „Die Sicherheitskräfte haben uns verlassen“, schrie Spielmacher Mohamed Abou-Treika in sein Handy. „Sie schützen uns nicht. Gerade ist vor mir im Umkleideraum ein Fan gestorben.“ Mittelfeldspieler Mohamed Barakat berichtete entsetzt: „Leute sind tot, wir sehen die Leichen.“ „

          Dies ist kein Fußball, das ist Krieg. Es gibt keine Bewegung, keine Sicherheitskräfte und keine Sanitäter“, empörte sich der Spieler Abo Treika. Und Stürmer Emad Meteab erklärte: „Ich werde nicht mehr Fußball spielen, solange diesen Menschen keine Gerechtigkeit widerfahren ist.“ Später kursierten Berichte, die Mannschaft von Al-Ahly, gerade noch auf dem Weg zum achten Meistertitel nacheinander, habe geschlossen erklärt, nie mehr Fußball spielen zu wollen.

          Gemeinsamer Marsch der Ultras

          Als Reaktion auf die schweren Ausschreitungen löste der ägyptische Ministerpräsident Kamal el Gansuri den Vorstand des ägyptischen Fußballverbandes auf. Die Mitglieder des Gremiums sollten von der Staatsanwaltschaft verhört werden, sagte der Regierungschef am Donnerstag vor dem Parlament. Zudem hätten der Gouverneur der Provinz Port Said und der Polizeichef der Region ihren Rücktritt erklärt. Der Spielbetrieb der ägyptischen Meisterschaft wurde auf unbestimmte Zeit unterbrochen.

          Unfassbar: Der Ort des Geschehens am Donnerstag

          Später am Tag war ein gemeinsamer Marsch der Ultras von Al-Ahly, genannt Ahlawa, und des vornehmeren Klubs Zalawi, genannt White Knights, geplant. Beide rivalisierenden Gruppen riefen einen Frieden aus, um „mehr Blutvergießen“ zu vermeiden. Auf ihrer Facebook-Seite erklärten die White Knights, „wir bieten Versöhnung und Einigkeit an zum Wohle Ägyptens“. Ahlawy antwortete mit einem Smiley. Beide Lager wollten zusammen mit politischen Gruppen vor dem Parlament gegen das Verhalten von Polizei und Militär während des Gewaltausbruchs von Port Said protestieren. Weitere Demonstrationen waren vor den Ministerien des Inneren und der Verteidigung geplant, auch auf dem Sphinx-Platz gab es eine spontane Protestversammlung.

          Absurd: Friedenstauben vor dem Spiel

          Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi kündigte indessen in einem Telefongespräch mit dem Al-Ahly-Fernsehkanal an, er wolle diejenigen dingfest machen, die hinter dem Gewaltexzess stecken. Den Opfern versprach er eine Entschädigung. Einen Zusammenhang mit der politischen Lage seines Landes wollte er offenbar nicht sehen. „Solche Ereignisse können überall auf der Welt passieren“, sagte er. „Aber wir werden diejenigen, die daran schuld sind, nicht entkommen lassen.“

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