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Handball : Ein Rückzug trifft die gesamte Liga

  • -Aktualisiert am

Augen zu und durch: Hamburgs Rückraumschütze Pascal Hens hat keine Spielfläche mehr Bild: Picture-Alliance

Das Thema Profihandball ist nun Geschichte in Hamburg. Der HSV steht als erster Absteiger fest. Doch dem Pleite-Klub droht eine Flut von Schadenersatzklagen, auch Minden will vor Gericht.

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          In Polen zeigt sich der deutsche Handball bei der Europameisterschaft gerade von seiner schönen Seite: Überzeugende Leistungen, gute Einschaltzahlen im deutschen Fernsehen. Doch daheim überschattet der Rückzug des HSV Hamburg aus der Bundesliga die Renaissance der Ballwerfer. „Der Imageschaden und die negativen wirtschaftlichen Folgen sind schon jetzt groß“, sagt Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Liga-Vereinigung HBL.

          Am vergangenen Mittwoch hatte sie dem HSV die Lizenz wegen Mauscheleien bei der Antragstellung entzogen, hoffte aber, dass der finanziell und personell dezimierte Klub die Saison zu Ende spielen würde. Die vage Hoffnung zerstob am Montagabend, als der Hamburger Insolvenzverwalter Gideon Böhm den sofortigen Rückzug des HSV verkündete. Der Hamburger Plan scheiterte, die Spielrunde mit einer verstärkten U-23-Mannschaft zu beenden. Der HSV e.V. hatte sich geweigert, die eigenen Talente in der Bundesliga für eine aussichtslose Sache zu verheizen. Immerhin spielen sie in der Oberliga um den Aufstieg in die dritte Liga und sollen dort vom Sommer an den Neuanfang des HSV verkörpern.

          Profihandball ist also Geschichte in Hamburg. Der HSV fällt mit null Punkten ans Ende der Tabelle und steht als erster Absteiger fest. Nettelstedt rückt auf Rang 17. So viel steht fest. Doch die Liga wird noch lange an dieser Pleite auf Raten herumkauen - denn eine Flut von Schadenersatzklagen bahnt sich an. Zunächst einmal fehlen Flensburg, Balingen, Berlin, Lemgo, Eisenach, Mannheim und Hannover nun die Einnahmen aus den Heimspielen gegen den HSV.

          „Wir appellieren an die Solidarität der Fans“

          Die SG Flensburg ist als erster Klub betroffen; in Flensburg überlegt man, womöglich ein Testspiel auf den 10. Februar zu legen - bislang sind 6400 Karten verkauft. Doch Schaulaufen statt einer Partie gegen den Nordrivalen, das ist nichts, wofür Zuschauer Geld ausgeben wollen. „Wir appellieren an die Solidarität der Fans, gemeinsam mit uns mit der Situation fertig zu werden“, sagte SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke. Klubs, die später in der Saison gegen den HSV spielen sollten, werden kaum eine Vielzahl der Tickets schon losgeworden sein. Aus einer ausverkauften Halle gegen einen renommierten Klub wird eine Nullnummer - da die meisten Vereine in ihren Etats mit jedem Euro planen, erwartet sie ein erheblicher Verlust. Ob dafür die mangels Masse in die Insolvenz gerutschte HSV Spielbetriebs GmbH aufkommen kann und muss, wird ein Gericht klären müssen.

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          An ein solches wird sich auch aller Voraussicht nach GWD Minden wenden. Als vierter Absteiger der vergangenen Saison, mit stattlichen 25 Punkten übrigens, sind die Mindener Leidtragender der Lizenz-Schummelei des HSV. Denn eigentlich, so ihre Argumentation, hatte der HSV ja gar nicht das Geld, um eine Saison seriös wirtschaftend zu überstehen. Infolgedessen hätte es keine Lizenzerteilung seitens der HBL geben dürfen, und Minden wäre in der Liga geblieben. Über den Streitwert einer solchen Klage wird in Minden noch diskutiert: „Schwer zu sagen, um wie viel es geht. Wir haben finanzielle Verluste durch den Abstieg erlitten und Spieler verloren“, sagte Geschäftsführer Horst Bredemeier.

          Noch drei ablösefreie Rückraumspieler im Angebot

          Derweil geht der Exodus der Profis weiter. Schon zehn Spieler haben den HSV verlassen, Trainer Michael Biegler wird nicht zurückkehren. Auch der THW Kiel hat schon zugegriffen und sich am Kreis mit Ilija Brozovic verstärkt - das musste sein, denn die Stammspieler Patrick Wiencek und René Toft haben sich verletzt. Was am Kreis an Nöten durch die HSV-Pleite gelindert worden ist, tritt aber nun im Angriff zutage. Die in Polen verletzten Nationalspieler Steffen Weinhold und Christian Dissinger werden THW-Trainer Alfred Gislason lange fehlen. Dementsprechend klagte Geschäftsführer Thorsten Storm: „In so kurzer Zeit zwei wichtige Spieler zu verlieren tut extrem weh. Wieder einmal wirft ein internationales Turnier mitten in der Saison unsere Planungen durcheinander und gefährdet unsere Ziele.“

          Die Kritik der Kieler richtet sich dabei ausdrücklich nicht gegen den DHB, sondern die internationalen Verbände, die mit ihren jährlichen Großturnieren die Gesundheit der Spieler gefährden. Etwas zynisch könnte man nun einwenden, in Pascal Hens, Drasko Nenadic und Dener Jaanima gebe es noch drei ablösefreie Rückraumspieler im Angebot des HSV. Ob sie dem Anspruch des THW genügen, wäre dann die nächste Frage.

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