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Abschiedsspiel : Maradonas letzter Fußball-Tango

  • -Aktualisiert am

Abschied in Tränen: Diego Maradona Bild: dpa

„Ich habe geirrt und bezahlt, aber der Fußball bleibt unbefleckt“, sagte Maradona zum Abschied.

          3 Min.

          Diego Maradona rudert nur ein bisschen mit den kurzen Armen und schon bricht die Hölle los. 50.000 Menschen brüllen im berühmten Stadion Bombonera in Buenos Aires ihre Begeisterung heraus, Kanonenböller wummern durch die Luft, und die tobenden Massen lassen die meterdicken Stahlbetonträger der Tribünen erzittern.

          Ganz allein steht der kleine, etwas übergewichtige Mann, vor der tobenden Menge, die geballten Fäuste gegen den Mund gepresst, das Gesicht von Glück und Schmerz verzerrt. Ein Hauch von Drama und Kitsch liegt in der Luft. „Das ist einfach zu viel für mich“, bekennt der 41-jährige Maradona am Samstag mit tränenerstickter Stimme bei seinem Abschiedsspiel von einer Profi-Karriere, die einer Achterbahnfahrt glich.

          Nie mehr Nummer 10 in Argentinien

          Und dann bricht auch noch die Sonne durch die schweren Regenwolken, aus denen es bis kurz vor dem Anpfiff geschüttet hatte. „Diego, du bist Gott“ und „Danke für die Zauberei“ steht auf Transparenten, wobei vielleicht auch die berühmt-berüchtigte „Hand Gottes“ im Spiel gegen England bei der Weltmeisterschaft 1986 gemeint ist.

          Einst Gegner, heute Fußball-Rentner: Maradona mit Matthäus

          Der Rasen ist noch ganz aufgeweicht vom vielen Regen, der schon weite Teile der Provinz Buenos Aires unter Wasser gesetzt hat. Als Mittelfeldstürmer der argentinischen Nationalmannschaft tritt Maradona gegen eine von ihm ausgewählte Equipe aus Altstars und aktiven Spitzenspielern an. Der Weltmeister von 1985 trägt die Nummer zehn, die der argentinische Fußballverband Maradona zu Ehren künftig nie mehr vergeben will.

          Nur rennen kann er nicht mehr

          Das Spielgeschehen auf dem Rasen ist weniger mitreißend als rührend. Die argentinischen Nationalspieler, die sich schon eindrucksvoll für die WM 2002 als Tabellenerste qualifiziert haben, kämpfen nicht gegen den Gegner, sondern für Maradona. Sie sprinten, dribbeln und hechten gekonnt, nur um ihm Schussmöglichkeiten zu bieten. Maradona, der Anfang 2000 wegen einer Überdosis Kokain nach Angaben seiner Ärzte schon auf dem Weg ins Jenseits war, hält erstaunlich gut mit. Am Ball ist er noch ganz geschickt, die Pässe sind präzise, nur rennen kann er nicht mehr so richtig.

          Schon ab der 20. Minute schmerzt das Knie, das erst im Oktober in Kolumbien operiert worden war. Aber auch die Gegenspieler, darunter so klingende Namen wie Lothar Matthäus, Davor Suker, Hristo Stojtschkow, Eric Cantona, Carlos Valderrama und Juan Roman Riquelme, meinen es nur gut mit dem früher so gefährlichen Torjäger.

          "Der Fußball bleibt unbefleckt"

          Man spielt Schmusefußball, und alle sind zufrieden. Abwehrspieler Matthäus umarmt Maradona sogar fast jedes Mal, wenn er ihm den Ball abgenommen hat. Oft macht Matthäus aber auch Platz, damit Maradona mitsamt Ball vorbeizuckeln kann. Dies ist nicht die WM von 1990, sondern hier treffen sich zwei Komplizen, um Spaß zu haben. „Maradona hat dieses Fest voll und ganz verdient“, sagt der frühere Weltmeister. Auch die beiden Fouls im argentinischen Strafraum, für die es Elfmeter für Maradona gibt, wirken wie kleine Abschiedsgeschenke.

          Der kolumbianische Torhüter Rene Higuita lässt Maradonas Schüsschen dann gnädig an sich vorbei ins Netz kullern. Trotzdem rast die Menge vor Glück, und zum gelungenen Treffer umarmen sich auch der Schütze und der „bezwungene“ Torhüter. Einen der wenigen direkten Schüsse Maradonas aufs Tor wehrt Higuita dann jedoch zirkusreif mit seinem berühmten „Skorpion-Sprung“ ab, indem er nach vorn hechtet und den Ball mit hoch gezogenen Unterschenkeln pariert. Zum Schluss steht es 6:3 für Argentinien, aber das ist an diesem Tag zweitrangig. „Ich habe geirrt und bezahlt, aber der Fußball bleibt unbefleckt“, sagt Maradona nach dem Abpfiff in einer kurzen emotionalen Rede über die Lautsprecheranlage des Stadions.

          "Ich danke euch"

          „Der Fußball ist der schönste und gesündeste Sport der Welt“, fügt der Mann hinzu, der seit fast zwei Jahren eine Entziehungskur auf Kuba absolviert. „Was Maradona auf dem Spielfeld gelungen ist, konnte nur ihm gelingen. Was ihm aber außerhalb des Stadions passiert ist, hätte jedem von uns passieren können“, sagt Julio Grondona, Präsident des argentinischen Fußballverbandes AFA. Maradona humpelt zum Abschluss eine Ehrenrunde mit seinen heiß geliebten Töchtern Dalma Nerea und Giannina Dinorah rund ums Stadion. Ein letztes Bad im tosenden Beifall. „Dies ist alles unglaublich, das gibt's gar nicht. Ich wollte immer nur ein Fußballspieler sein und euch glücklich machen“, ruft er: „Ich danke euch von ganzem Herzen.“

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