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80.Geburtstag : Harry Valérien: „Du sollst die Sache lieben"

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Formvollendet im Ton, unerbittlich in der Sache: Harry Valérien Bild: dpa

Er bleibt einer der populärsten Sportreporter: Zum achtzigsten Geburtstag von Harry Valérien, dem früheren Moderator des „Aktuellen Sportstudios“ gratuliert sein langjähriger Kollege beim ZDF, Dieter Kürten.

          Harry wird 80! "Das glaubt doch kein Hutmacher", hätte meine Oma gesagt. "Der sieht doch zehn Jahre jünger aus. Mindestens!" "Darum wird er auch dauernd mit mir verwechselt", hätte ich geantwortet. "Und ich mit ihm". Dabei trennen uns immerhin zwölf Jahre. Harry ist und bleibt eben auch optisch der attraktive Naturbursch' der er immer war. Und er bleibt ein Widerspruchsgeist.

          Als ihn der Interviewer anläßlich des vierzigjährigen ZDF-Jubiläums vor kurzem fragte, wie er die Sendung, die er selbst Jahrzehnte lang geprägt hat, heute im Vergleich zu damals bewerte, fragte er postwendend zurück, wer denn auf die abstruse Idee gekommen sei, das ehedem "Aktuelle" vom Sportstudio wegzuradieren. Das sei ja so, als würde man Mercedes den Stern abmontieren. Typisch Harry!

          Formvollendet im Ton, unerbittlich in der Sache

          In seiner kontrolliert provokanten Art schaffte er es fast immer, seine Gesprächspartner hartnäckig zu bedrängen. Er hakte nach, formvollendet im Ton, doch unerbittlich in der Sache. Ein Vierteljahrhundert lang hat er mit seinem Fachwissen, seinem Charme und seiner Neugier das Aktuelle Sportstudio geschmückt. Auch Nichtbayern haben ihm, dem Münchner Valérien, besonders gern zugehört. Was hat er uns mit seinem "Sappradi" eingeheizt. (Nach allgemeiner Einschätzung ein "bayrischer Halbfluch, der Erstaunen und Entsetzen ausdrückt".) Wie hat er uns mit seinen "Bursch', paß' auf!"-Appellen aufgeschreckt, wenn mal wieder ein Skifahrer in hohem Bogen Richtung Fangzaun flog.

          Hatte er im Studio mal den Sichtkontakt zur Kamera verloren, brachte ihm die präzise Frage: "Wo simmer, wo sammer?" rasch die Orientierung zurück. Und wer könnte sie je vergessen, seine Pullover, farbenfroh oder offensiv gemustert, für jeden Zweck und jede Stimmung ein passendes Exemplar? Daß Harry auffallend oft gelb gestimmt war, wird jeder bestätigen, der ihn häufig auf dem Bildschirm erlebt hat. Das verdankt er seinen Töchtern, wie er schmunzelnd versicherte.

          Kein "Verkäufer der Ware Sport"

          Seine Devise war: „Du sollst die Sache lieben, doch in der Liebe Distanz halten." Es hätte ihn auf die Palme gebracht, wäre er jemals als "Verkäufer der Ware Sport" tituliert worden. Dennoch, bei aller Seriosität, er hatte auch etwas übrig für Jux und Dollerei im Sportstudio. Schließlich wußte er ganz genau, wer Samstag abends vor dem Fernseher saß - und warum. "Ich gehe davon aus, daß das Sportstudio eine Sendung ist, die Männer sehen wollen und Frauen sehen müssen. Also muß ich mir vor Augen halten, daß die ganze Familie vor dem Bildschirm sitzen könnte."

          Am 9. November 1963 stand Harry Valérien zum erstenmal und am 23. Juli 1999 zum 283. und letzten Mal im Scheinwerferlicht des "Aktuellen Sportstudios". Harry ist ein eher zurückhaltender Mensch. Deshalb wollte er auch einen stillen Abgang, ohne Girlanden, Tränen und pathetische Reden. Zum 25jährigen Dienstjubiläum, das bei Harry als Mann der ersten Stunde mit dem 25jährigen Jubiläum des Sportstudios zusammenfiel, gratulierte Hajo Friedrichs, Harrys ehemaliger Sportchef, seinem Weggefährten von einst: "Wie ich dich kenne, wirst du dir eine Weile überlegen, ob du hingehen sollst, wie du das immer tust, wenn Feierlichkeit droht; und die Gefahr, von der Fontäne der Lobpreisungen ein paar Spritzer abzukriegen, nicht ganz auszuschließen ist. Du magst das nicht, aber das glaubt Dir keiner, außer denen, die Dich kennen."

          Wie ich ihn kenne, würde Harry, der ehemals exzellente Schwimmer, an diesem 4. November gern abtauchen und die Lobeshymnen zu seinem 80. Geburtstag aus sicherer Entfernung genießen. Vielleicht dort, wo er sich stets besonders gut aufgehoben fühlte: in den Bergen nämlich! Oder auf Ibiza, seinem sommerlichen Zufluchtsort. Wie auch immer: Meine herzlichen Glückwünsche und die ungezählter Mitgratulanten werden ihm hiermit auf unspektakuläre Weise zuteil; so wie es ihm am liebsten sein wird. . .

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