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2. Fußball-Bundesliga : Klopp und Mainz macht auch ein 0:0 noch Spaß

  • -Aktualisiert am

Ball und Aufstieg im Blick: der Mainzer Jürgen Kramny (links) Bild: dpa

Ein 0:0 in Frankfurt bringt Mainz die erste Fußball-Bundesliga wieder ein bisschen näher. Trainer Jürgen Klopp fand es „sehr spaßig“.

          Als die Fragen allzu hartnäckig wurden, warum die Seinen denn nicht mutiger gespielt und sich mit einem 0:0 zufrieden gegeben hätte, lachte Jürgen Klopp nur. „So weit ist es gekommen: Ich rechtfertige mich für ein Remis in Frankfurt“, sagte der Trainer des FSV Mainz 05, der einst nicht einmal gut genug für die Eintracht-Amateure schien, noch immer in Frankfurt wohnt und sich als heimlicher Fan des Clubs ausgibt.

          Klopp wäre nicht Klopp und Sympathieträger des FSV Mainz 05 schlechthin, würde er nicht immer die entwaffnend ehrliche Antwort parat haben. „Eintracht betreibt mit 0:0 gegen Mainz Wiedergutmachung“, sinnierte der 34-Jährige, „das ist schon spaßig.“ Der Mann weiß: Die Prognosen vor Saisonbeginn sahen anders aus: Frankfurt der Favorit, Mainz die Mannschaft fürs Mittelfeld. Das Gegenteil ist vier Runden vor Schluss Realität.

          Trainer muss den Mainzer Bus ausladen

          Klopp fühlte sich an diesem Montagabend richtig gut. „Wir kommen doch richtig gut rüber: Uns begleiten 10.000 Menschen vom Rhein an den Main; richtig geil“. Klopp, der Mut- und Muntermacher. Und Stmmungsmacher. Warum er mit dem Mannschaftsbus nach Mainz und nicht direkt mit dem Auto in die Heimat nach Niedereschbach fahre? „Irgendjemand muss doch den Bus ausladen. Wir in Mainz machen doch noch alles selbst.“

          Eine Leuchtrakete sorgt im Waldstadion für Aufregung

          In Mainz ticken tatsächlich die Fußball-Uhren ein bisschen anders. Der Etat beträgt mickrige 6,5 Millionen Euro, die Geschäftsstelle bestand vor wenigen Monaten aus einem Container, die Identifikation meist deutschsprachiger Spieler mit dem Verein ist groß. „Diese Gefüge werde ich auf keinen Fall verändern“, kündigt Klopp an, für den selbst Hannover 96 „in einer anderen Gehaltsklasse spielt.“ Klopp: „Ich kann mir nicht einmal den Flug nach Liberec leisten, um einen Spieler zu beobachten.“

          Mainz ohne Risiko und ohne Allüren

          Der Präsident, Harald Strutz, der nebenbei auch noch im DFL-Aufsichtrat sitzt, ist das Gegenteil von einem Hasardeur und Selbstdarsteller. „Wir werden keinerlei Risiko eingehen. Erst recht nicht wegen der Situation um die Fernsehrechte.“ Zumal der FSV Mainz 05 zwar Zweiter ist, aber nur drei Punkte Vorsprung vor dem Vierten hat.

          „Nächsten Montag gegen Bielefeld ist das Aufstiegsendspiel“, weiß Mittelfeldmann Jürgen Kramny. Er ist der personifizierte Mainzer Fußballer: Mäßig begabt und erfolgreich tut er nun Dienst, um sich eine Vision zu erfüllen: aufsteigen und in der ersten Liga spielen. Nach einem 0:0 gibt er ehrlich zu: „Wir haben vergessen, Fußball zu spielen.“ So sah es auch der Trainer. „Wir holen uns nur das ab, was wir uns verdienen. Und heute hatten wir nicht mehr als das 0:0 verdient.“

          „Es gab hochklassigere Spiele“

          So macht sich Mainz sympathisch. Und so mobilisierte der Club beinahe auch die Hälfte der 21.500 Augenzeugen zum Rhein-Main-Derby. „Wir haben gekämpft wie die Löwen“, fand Klopp. Nur damit lag der Mainzer Coach daneben: Beinahe schienen die Kontrahenten, gelähmt von taktischer Disziplin, gehindert von mangelnder spielerischer Klasse, einen Nicht-Angriffspakt geschlossen zu haben.

          Kaum Torszenen, kaum Torgefahr. „Es gab hochklassigere Spiele. Auch von uns“, gab Klopp zu. Aber es gab keinen, der das dem FSV Mainz 05 nicht nachsah. Der Trainer: „Wir haben bisher eine überragende Saison gespielt.“

          Frankfurter Offenbarungseid

          Eintracht Frankfurt nicht. Die merkt in ihrer kollektiven Hilf- und Ratlosigkeit nach all den Turbulenzen gar nicht, dass sie sich selbst offenbart. „Alle haben sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Schade nur, dass dies nur in Ausnahmezuständen der Fall ist“, spricht Interimscoach Armin Kraaz nach dem 0:0 aus. Alexander Schur gesteht: „Das war endlich ein Heimspiel, in dem die Einstellung über 90 Minuten gestimmt hat.“

          Ansonsten passt es rund um das marode Waldstadion, das schon ab Mai mit Hilfe von Steuergeldern in eine hochmoderne WM-Arena verwandelt wird, ziemlich wenig. Weder hat Aufsichtsrat Volker Sparmann einen Partner präsentiert, der die von Vermarkter Octagon zur Verfügung gestellten Anteile für 7,5 Millionen Euro kaufen will. Erst sollte der aus der Region kommen, jetzt wird kolportiert, es sei ein Ausländer. Nichts genaues weiß man nicht; typisch für die potenzierte Ungewissheit der Eintracht Frankfurt Fußball AG.

          Eintracht verkauft und verbaut die Zukunft

          Noch hat Sportvorstand Tony Woodcock keinen Trainer gefunden, geschweige denn sündhaft teure Kicker verkauft oder die Konturen eines Kaders für die Spielzeit 2002/2003 aufgezeichnet. Irgendwie weiß man nur, dass Topverdiener wie Torwart Dirk Heinen, Unsicherheitsfaktor Karel Rada, Mitläufer Rolf-Christel Guie-Mien oder die WM-Stürmer Pawel Kryszalowicz oder Chen Yang nächstes Jahr nicht mehr auf der Gehaltsliste stehen dürfen, soll der Etat von 25 auf 12 Millionen Euro gesenkt werden.

          Bezeichnend, dass mit Christoph Preuß (für 2,5 Millionen Euro zu Bayer Leverkusen) und Jugend-Nationalspieler Stephen Famewo (für 500.000 Euro zum VfB Stuttgart) nur Akteure mit besten Perspektiven auf der Einnahmeliste auftauchen. Frankfurt verkauft und verbaut sich die Zukunft selbst.

          Klopps Anteilnahme in allen Ehren

          Damit nicht genug: Weil neben der Lizenzerteilung auch die Fernsehgelder unsicher sind, scheint Finanzvorstand Thomas Pröckl schlaflose Nächte zu haben. „Ich wünsche der Eintracht“, sagte Klopp in ehrlicher Anteilnahme, „dass sie in ferner Zukunft wieder da spielt, wo sie hingehört. Mir jedenfalls macht es im Frankfurter Waldstadion immer sehr viel Spaß.“

          Für andere Funktionsträger ist es eher ein Hort der Qualen und Leiden. Frankfurts Präsident Peter Fischer hatte zu diesem Zeitpunkt bezeichnenderweise gerade mit sorgenvoller Miene den Presseraum verlassen.

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