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2. Fußball-Bundesliga : Keine schönen Spiele mehr

  • -Aktualisiert am

Jürgen Klopp: Aufsteiger? Bild: dpa

Mühevoll schlägt Mainz 05 den 1. FC Saarbrücken 2:1 und beschäftigt sich immer ernsthafter mit dem Aufstieg in die erste Liga.

          Und dann ging sie wieder um, diese Angst, die einem Namen trägt: Babelsberg. Oh ja, dieses Babelsberg hat sich tief schon eingegraben in die Mainzer Köpfe, immer wird man sich an dieses Spiel am Bruchweg erinnern, was beinahe in einem Desaster geendet wäre.

          In letzter Sekunde hatte Mainz 05 vor ein paar Wochen noch den Ausgleich geschafft gegen eine Mannschaft, die unter ihrem neuen Trainer Horst Franz danach nie wieder einen Punkt gewonnen hat und die sich nachdrücklich für einen Platz in der Fußball-Regionalliga Nord empfiehlt.

          Punkte statt Schönheitsnoten

          Als Sambo Choji nach genau einer Stunde das 1:2 aus der Sicht des 1. FC Saarbrücken geschossen hatte und die Mannschaft danach richtig in Schwung gekommen war, da mochte es viele Mainzer durchzuckt haben: Nicht schon wieder! „Es wäre gelogen, wenn man sagen würde, dass man an dieses Babelsberg-Spiel nicht mehr denken würde“, sagte später Christian Heidel, der Manager von Mainz 05.

          Wieder eine Blamage gegen einen Absteiger? Wieder ein Punktverlust auf eigenem Platz? Nein. Die Mainzer haben Saarbrücken dann doch 2:1 besiegt, keine Blamage, aber auch kein großer Fußballabend - doch jetzt, da der Aufstieg real wird, gibt es keine Fleißsternchen mehr, keine Schönheitsnoten. „Die Zeit der schönen Spiele ist jetzt vorbei“, kündigte Heidel an, „jetzt geht es nur noch um Punkte“.

          Pumpen wie die Maikäfer

          Wie waren sie über den holprigen Rasen des Bruchwegstadions gestürmt, die bedauernswerten Saarbrücker mussten sich vorkommen, wie in einem Hagelsturm. Hätte Mainz nach zehn Minuten 3:0 geführt wäre das völlig in Ordnung gewesen. So stand es nur 1:0 durch diesen cleveren Heber von Michael Thurk (3. Minute) der später meinte, dass die Mannschaft zu schnell zu viel wollte.

          Denn danach ging ihr regelrecht die Puste aus, Trainer Jürgen Klopp hatte blitzschnell analysiert, „dass meine zentralen Mittelfeldspieler ungefähr bei siebzig Angriffen sich eingeschaltet hatten und ihre Lungen bald geplatzt wären“. In der Kabine hätten seine Spiele gepumpt wie die Maikäfer, Klopp stellte dann mal sicherheitshalber die Frage, was diese wilde Rennerei denn solle.

          Trainer mit Köpfchen

          Aber so wird es eben sein, wenn man sich dem ganz großen Ziel nähert, wenn man etwas erreicht, was im Prinzip immer noch kaum einer für möglich hält. Erste Bundesliga. Man verliert dann ein bisschen die Ruhe - enorme körperliche Präsenz ersetzt das kühle Handeln. Gut, wenn so etwas gut ausgeht. Jürgen Kramnys Tor zum 2:0 (58. Minute) hat dann alle ein bisschen beruhigt, bis nach Chojis Anschlusstreffer die leichte Panik ausbrach und nebenbei deutlich machte, dass Saarbrücken im Prinzip eine gute Fußballmannschaft ist. Aber was heißt das schon?

          Mainz´ Vorteil war ihr überragender Trainer, der im richtigen Moment das richtige tat, den starken Stürmer Andrey Woronin einwechselte für seinen Kollegen Blaise N`Kufo und Niclas Weiland für Christian Hock, die Mannschaft fing sich wieder, ohne wirklich zu überzeugen. „Heilfroh“, war Thurk, als abgepfiffen wurde, „so Spiele gibt es eben“. Er verwies auf Bayern München, die ja öfters solche Spiele nach Hause schaukeln würden, „wir wollen uns zwar mit denen nicht vergleichen, aber wir wollen ein ähnliches Denken aufbauen, wie es die Bayern haben“.

          Bayerische Träume

          Ja, von den Bayern wird nun öfters gesprochen werden am Mainzer Bruchweg, bald werden sie kommen, als Gegner - aber die meisten scheinen immer noch nicht ganz zu begreifen, auf was sich Mainz 05 da einlässt. Sechs Punkte beträgt derzeit der Vorsprung zu einem Nichtaufstiegsplatz, neun Punkte hat die Mannschaft aus den vergangenen drei Spielen geholt - was soll denn noch passieren? Mainz wählt den Aufstieg, heißt ein Slogan vor Ort, so als sei die sich anbahnende Erstklassigkeit eine Art Naturgesetz.

          Goliath Mainz gegen David Eintracht

          Am wenigsten erstklassig ist vor allem das Publikum mit einer Mischung aus bräsigen Dauernörglern und notorischen Besserwissern. Da beißt sich die Mannschaft durch ein mäßiges Spiel, und schon wird auf der Tribüne gemault und gepfiffen, als sei gerade Mainz 05 zuständig für permanenten Prädikatsfußball, eine Mannschaft die unglaubliche 58 Punkte geholte hat - Vereinsrekord in der Zweitligageschichte des Vereins.

          Immerhin geht ein Ruck durch die Stadt, 13.500 Zuschauer waren gegen Saarbrücken gekommen, 15.000 sollen der Mannschaft am nächsten Montag nach Frankfurt folgen, wenn gegen die Eintracht ermittelt wird, wer die Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet ist. Christian Heidel, auch zuständig für die Emotionen und markige Sprüche, hat schon einmal festgelegt, dass dieses Spiel sei wie David gegen Goliath. „Aber wir sind Goliath.“ Wie gut, dass Jürgen Klopp diesen leichten Größenwahn nicht mitmacht, wenigstens lud er alle Mainzer Bewohner ein, diesem Spiel beizuwohnen.

          „Gewinner dürfen träumen“

          Für Michael Thurk verdient dieses Match ohnehin das Prädikat besonders wertvoll, schließlich wohnt er in Frankfurt, im Gallusviertel, dort, wo die Leute wohnen, die nie etwas abbekommen vom Glanz der Finanzmetropole.

          Kein Wunder, dass dann so einer eine große Party feiern will im Waldstadion, wer hier an die Geschichte vom Aschenputtel denkt, liegt ziemlich richtig. Ob er denn schon von der ersten Liga träume, wurde Thurk nach dem Spiel gegen Saarbrücken noch gefragt. „Heute Abend ja“, sprach er in die kalte Nacht hinein, „wer gewonnen hat, darf immer träumen“.

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