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11. September : Veränderte Welt des Sports: Metalldetektoren und Militärs

  • -Aktualisiert am

Sport im „Sicherheitstrakt”: Gewohntes Bild schon in Salt Lake City Bild: dpa

Nach dem 11. September hat auch der Sport ein weiteres Stück seiner vermeintlichen Unbekümmertheit verloren. Olympia und Fußball-WM waren auch militärische Operationen.

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          Die Zweifel des Präsidenten sollen nur zwei Tage angedauert haben, die Angst der Sportler blieb bis zur Schlussfeier. Ist es zu verantworten, die Jugend der Welt in ein kriegführendes Land einzuladen - erschüttert und verunsichert nach dem beispiellosen Terror des 11. September? Diese Frage beantwortete der vor einem Jahr erst kurze Zeit amtierende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Jacques Rogge mit ja. „Die Spiele sind die beste Antwort auf die Gewalt, sie dürfen nicht das Opfer der Gewalt werden“, sagte Rogge und gab damit das Motto für den Sport nach dem 11. September aus.

          Rogge führte damit die Linie von Avery Brundage fort. 1972 stand der damalige IOC-Präsident vor der Gewissensfrage, die bis dahin heiteren Spiele von München trotz des blutigen Endes der Entführung israelischer Athleten zu Ende zu bringen, oder Olympia nach dem palästinensischem Terror zu beenden.

          Winterspiele ohne Abfangjäger undenkbar

          „The Games must go on“ - lautete seine Entscheidung, die sich dieser Tage zum 30. Mal jährt. 1972 war ein Wendepunkt in der Welt des Sports. 1996 ein weiterer Tiefpunkt - während der Sommerspiele starben drei Menschen in Atlanta, als ein Täter eine kleine Rohrbombe auf einem belebten Platz außerhalb des Olympischen Dorfes zündet.

          Doch nach dem 11. September 2001 hat auch der Sport ein weiteres Stück seiner Unbekümmertheit verloren. So blutig 1972 auch war, die neue Dimension des Terrors stellte auch den Sport vor eine neue Herausforderung. Die Winterspiele in Salt Lake City fünf Monate danach wären ohne die Abfangjäger über der Stadt und 10.000 Soldaten auf den Straßen nicht durchführbar gewesen. Ein halbes Jahr später setzten die Militärs in Japan und Südkorea insgesamt 95.000 Soldaten in Marsch, ließen Kriegsschiffe auslaufen und positionierten Flugabwehrraketen auf den Stadiendächern der Fußball-WM.

          Der Metalldetektor als olympisches Symbol

          Im Jahr nach den Terrorangriffen wurden die Großereignisse des Sports zu militärischen Operationen. Nirgendwo wurde das deutlicher als in Salt Lake City. Über 300 Millionen Dollar haben die Sicherheitsmaßnahmen verschlungen.

          In Salt Lake City wurden nicht die Olympischen Ringe, nicht das offizielle Emblem sondern der Metalldetektor zum das Symbol der Olympischen Winterspiele. Ein Rückblick:

          „Überall steht einer, vor jeder Sportstätte, vor dem Olympischen Dorf, vor dem Medienzentrum, es müssen über Tausend sein. Jeder muss durchgehen. Egal ob Zuschauer, Journalist, Minister wie Otto Schily oder Spitzenfunktionär wie IOC-Präsident Jacques Rogge, die Soldaten der National Guard kennen bei der am besten gesicherten Sportveranstaltung aller Zeiten kein Pardon.

          Ist der Laptop eine Bombe?

          Mütze ab, Schal ab, Jacke auf, Handy und Geldbörse in eine extra Plastikschachtel. Dann winkt der Soldat den Gast durch, zwei Schritte durch den Detektor, der aussieht wie ein einfacher Türrahmen, dem die Wand genommen wurde. Piepst die Maschine, wechseln die Lämpchen von grün auf rot, geht es zum nächsten Soldaten, Einzeldurchsuchung. Bleiben die Lampen grün und der Detektor still, geht es weiter.

          Jede Tasche wird gefilzt, geht oft ebenfalls durch einen Detektor, wie das Handgepäck auf dem Flughafen. Dann heißt es Laptop aufmachen, anschalten, wenn das Windows-Emblem erscheint, weiß der Security-Mann, dass es keine Bombe ist, und die Prozedur ist überstanden. „Mag and Bag“ nennen die Amerikaner die Kontrollzelte. Es steht für den magnetisch arbeitenden Detektor und die Taschendurchsuchungen.

          Betonsperren und Maschendrahtzaun

          Die Angst vor Anschlägen ist in Salt Lake City auch nach den ersten ruhigen Tagen nicht gewichen. Die Soldaten, Polizisten und Freiwilligen haben nicht nachgelassen, sie blieben genau so aufmerksam wie am ersten Tag. Und genauso freundlich, geduldig und zuvorkommend.

          An anderen Stellen im ausgeklügelten Sicherheitssystem gab es mehr Stress. Bereits mehrfach wurde der Luftraum über dem Olympischen Dorf verletzt. Amerikanische F-16 Bomber, zwei von ihnen Kreisen in großer Höhe ständig über Salt Lake, mussten einige Privatflugzeuge zum Flughafen geleiten. Böse Absichten hatte offenbar keiner der Piloten.

          Trotz der rund 10.000 Sicherheitskräfte auf den Straßen, die durch weitere 5000 in den Stützpunkten jederzeit verstärkt werden könnten, entsteht nirgendwo das Gefühl die Winterspiele würden in einem Polizeistaat oder auf einem Militärstützpunkt stattfinden. Auch die vielen Kilometer Maschendrahtzaun und die Betonsperren lösen keine Beklemmungen aus.“

          Salt Lake City wird in der Zukunft als Beispiel dafür stehen, dass sportliche Großereignisse trotz der Bedrohung gelingen können. Die Leichtathletik-Europameisterschaft in München am Ort des Terrors von 1972 hat das bewiesen.

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