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11. September : Patriotisches „Business as Usual“

  • Aktualisiert am

US Open: Bühne für eine patriotische Demonstration Bild: AP

Der Sport als amerikanisches Milliarden-Entertainment wird seit dem 11. September genauso betrieben wie zuvor - nur patriotischer.

          3 Min.

          Der 11. September hat den Sport bedroht und beeinträchtigt. Besiegen konnte er ihn nicht. Zum Ausdruck gebracht hat das erst vor wenigen Tagen Jacques Rogge.

          „Wäre der 11. September auf den 11. Februar gefallen, hätte es keine Olympischen Winterspiele gegeben“, sagte der belgische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vor den Spitzenvertretern der Internationalen Verbände.

          Der Sport kann sich nicht völlig sicher fühlen

          Am 11. Februar waren die Winterspiele in Salt Lake City gerade drei Tage alt. Sie wurden, geschützt durch eine Armee von Sicherheitskräften, zu einem großen Erfolg. Was Rogge auch ausdrücken wollte, war: Der Sport kann sich auch jetzt nicht völlig sicher fühlen.

          Zunächst wirkte der Terrorakt auch auf den Sport lähmend. Die Winterspiele wurden dann zu einem willkommener Anlass, patriotische Unbeugsamkeit zu demonstrieren. „Der Neuanfang war von großen Depressionen und tiefer Trauer geprägt. Doch einen anderen Weg, als den zurück in den Alltag, gab es nicht. Unser Volk ist ihn mit Stolz und Würde gegangen“, sagt Mitt Romney, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele.

          Salt Lake als Signal für den Sport weltweit

          Nach den Winterspielen wurde die Frage der Sicherheit bei Großveranstaltungen, ähnlich wie nach dem arabischen Terrorakt bei den Sommerspielen in München 1972, zur höchsten Priorität erhoben. Ob bei der Fußball-WM in Japan und Südkorea, wo die US-Elf massiv unter Personenschutz gestellt wurde, dem Endspiel der National Football League (NFL) im Januar in New Orleans, dem „Indy 500“ im Mai in Indianapolis, dem zuschauerträchtigsten Ein-Tages- Ereignis der Welt, oder bei den gegenwärtig ausgetragenen US Open im Tennis - überall wurden Sicherheits-Vorkehrungen getroffen, wie man sie nie zuvor gesehen hatte.

          Lufträume über Städten und Arenen wurden gesperrt, schärfste Leibesvisitationen durchgeführt, Stadien-Eingänge konnten erst passiert werden, wenn Metalldetektoren keine Signale ausstrahlten und Gepäckstücke den vorgeschriebenen Maßen entsprachen.

          Sicherheitsbudget 2002 höher als Gesamtbudget 1980

          Die Sicherheits-Budgets schossen in astronomische Höhen. Mit Rekord-Investition von über 325 Millionen Dollar wurden im Februar in Salt Lake City mehr als 15.000 Beamte aufgeboten. Die Ausgaben für die Sicherheit lagen weit über dem Gesamtetat der Winterspiele in Lake Placid 1980. Dennoch durchlebte Romney „ungezählte schlaflose Nächte, bis ich endlich wieder ein normaler Mensch war“.

          „Denn eine hundertprozentige Sicherheit gab es nicht und kann es nie geben. Doch der Glaube an das Gute und an die Gewissheit, alles Menschenmögliche getan zu haben, lässt einen trotzdem irgendwie optimistisch in die Zukunft blicken“, sagt Romney. Als Mitglied der Republikaner ist er inzwischen wieder in die Politik gewechselt und befindet sich derzeit auf Wahlkampftour für den Gouverneurs-Posten im Bundesstaat Massachusetts.

          Sechs Tage standen alle Räder still

          Die Baseballer waren vor Jahresfrist die ersten, die nach den Anschlägen auf das World Trade Center den US-Sport wieder belebten. 91 MLB- Spiele fielen aus, die National Football League pausierte, die Fußball-Liga strich zehn Partien, die Ringer-Weltmeisterschaften in New York wurden ebenso abgesagt wie WM-Kämpfe im Boxen oder der Ryder Cup, weil die US-Golfprofis vor dem Flug nach Europa Angst hatten.

          Sechs Tage standen alle Räder still, ehe das Milliarden-Entertainment Sport wieder angeschoben wurde. Getrieben wurde es von einer noch nie erlebten Welle des Patriotismus in rot, weiß und blau. Hätte es diesen furchtbaren Tag nicht gegeben, wären die Baseball- Millionäre garantiert in ihren für den 30. August angekündigten Arbeitsstreik getreten. Darin sind sich die Experten des beliebtesten amerikanischen Volkssports einig.

          Terrorismus kann Heroismus nie besiegen

          Doch der Appell von US-Präsident George Bush an das Gewissen der Profis, „sich wenige Tage vor dem 11. September auf die nationale Einheit und den nationalen Geist zu besinnen“, habe sie zum Umdenken bewogen. „Der Terrorismus kann unseren Heroismus nie besiegen“, titelte triumphierend die „Los Angeles Times“ nach der Tragödie, die dieser Tage bei den US Open in New York durch die extremen Einlass- Kontrollen wieder jedem tagtäglich ins Gedächtnis geholt wird. Bei den Top-Events wird sich das vorerst auch nicht ändern. Ansonsten aber läuft mittlerweile im US-Sport alles genauso wie vor dem 11. September.

          „Das ist auch richtig“, bemerkt Basketball-Superstar Michael Jordan, der seine Comeback-Verkündung wegen des 11. Septembers einige Tage verschieben musste. Er glaubt: Eine gewisse Angst spukt bestimmt in jedem Kopf herum. „Das kann mich aber nicht davon abhalten, wieder ein völlig normales Leben zu führen“, betonte Jordan, womit er seinen Landsleuten aus dem Herzen spricht - getreu dem Motto „business as usual“.

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