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100 Jahre Tour de France : Leiden der Fahrer sollen Lust am Reisen wecken

Die Champs-Élysèes: Ziel von Peleton und Werbekolonne Bild: dpa

Ein Mythos wird hundert Jahre alt. Seit 1903 gehören auf der berühmtesten Rundfahrt der Sportwelt Leid und Leidenschaft eng zusammen.

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          Die Karawane ist bunt und lang, sie zieht marktschreierisch von Ort zu Ort, als Vorhut der Protagonisten im Sattel. Sie verteilt Geschenke an jene, die am Wegesrand stehen und gespannt auf den Pulk der Radprofis warten. Manchmal gerät dieser Sonderzug gehörig ins Stocken, wenn Zuschauer ihm entgegenlaufen, um Mützen, Süßigkeiten oder Sonderhefte zu erhaschen.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Seit 1930 ist die Werbekolonne ein ständiger Begleiter der Tour de France; vor allem französische Firmen schicken bisweilen futuristisch anmutende Fahrzeuge auf die Reise, die in diesem Sommer mehr als 3.300 Kilometer lang sein wird. Nicht zuletzt an diesem eigentümlichen Gebilde, das dem Peloton vorauseilt, wird deutlich, daß es sich bei der Tour, die häufig als eines der großen Abenteuer des Sports bezeichnet wird, um ein veritables Wirtschaftsunternehmen handelt. Doch es steht auch für die Gefahren, die von einer ständig expandierenden Rundfahrt, von einem immer größer werdenden Troß ausgehen, der diesmal erweitert wird durch eine "Caravane du Centenaire", die an die verschiedenen Epochen der Tour erinnern soll.

          „Element der nationalen Einheit"

          Welches Sicherheitsrisiko die Tour, die Millionen Fans freien Eintritt gewährt, beinhaltet, zeigte sich im Vorjahr, als ein kleiner Junge zu Tode kam. Er hatte über die Straße laufen wollen, um zu seinen Großeltern zu gelangen, und wurde von einem Reklamewagen überfahren. Er starb noch am Unfallort. „Die Tour soll Freude bringen", sagte damals Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc. „Sie hat versagt."

          Dabei möge die Rundfahrt doch auch, so wünscht es sich Leblanc, "ein wesentliches Element der nationalen Einheit" darstellen. Er schwärmt, grundsätzlich, von der kommunikativen, der - angeblich - sozialen und menschlichen Dimension des größten Spektakels des Radsports. Dieser Tage wurde Leblanc mit diesen pathetischen Worten zitiert: "Ich bin stolz, die Verantwortung für dieses Monument zu tragen, das den Menschen Glück bringt, sie ihre Unterschiede vergessen und sie einfach miteinander leben läßt."

          Tour soll Kassen klingeln lassen

          Hundert Jahre nach dem Start wird die Tour 2003, die vom 5. bis 27. Juli dauert, vermutlich noch mehr Menschen in ihren Bann ziehen als in den vergangenen Jahren. Wenn sich die 22 Mannschaften in Paris auf die 20 Etappen umfassende Strecke begeben, wenn etwa 4.000 Menschen in 2.000 Autos wegen der Tour auf Achse sein werden, meist in hohem Tempo, ist eines jedoch ebenso offensichtlich: Die Tour soll wieder die Kassen klingeln lassen - für Frankreich natürlich in erster Linie.

          Über genaue Zahlen ist wenig zu erfahren von der Société du Tour de France und der Muttergesellschaft Amaury Sport Organisation. Immerhin wird das Preisgeld exakt angegeben: In diesem Jahr beläuft es sich auf drei Millionen Euro. Der Sieger erhält 400.000 Euro, die er allerdings zum Großteil seinen Helfern und Betreuern läßt. Der Etat der Tour wird auf 30 Millionen Euro geschätzt, ihren Gewinn hat die französische Wirtschaftszeitung "La Tribune" auf 16 Millionen Euro beziffert. Die Einnahmen, so erläutert es Daniel Baal, der Vizedirektor der Tour, setzen sich zu 43 Prozent aus Fernsehgeldern, zu 40 Prozent aus Zahlungen der Sponsoren, zu zehn Prozent aus dem Merchandising und zu sieben Prozent aus den Gebühren zusammen, die von den Tour-Städten zu entrichten sind.

          Im Focus der Sponsoren

          An dem Interesse, mit der Tour eine Verbindung einzugehen, scheint es - trotz mancher Zwischenfälle, trotz des Dopingskandals von 1998 - nicht zu mangeln. Die französische Supermarktkette Champion beispielsweise, einer der vier Hauptgeldgeber der Tour, hat ihren Vertrag im April bereits um drei Jahre verlängert. Champion, mit einem Jahresumsatz von rund 13,5 Milliarden Euro, erwägt sogar, in zwei weitere Radsport-Ereignisse der Société zu investieren: Paris-Nizza und Paris-Roubaix.

          Auch den Managern der Großbank Crédit Lyonnais, deren Schriftzug auf dem Gelben Trikot prangt, scheint ein Engagement bei der Tour durchaus lohnend. Sie vereinbarten mit den Veranstaltern eine Kooperation bis 2008. "Bei der Tour ist es wie im Geschäft", lautet auch das Credo von Yoshizo Shimano, Chef des japanischen Fahrradzulieferers, der 2002 elf der damals 21 Teams ausgerüstet hatte. "Nur wer vorne mitfährt, macht sich einen Namen." Denn in kaum einem anderen Sport werden die Namen der Förderer so häufig werbewirksam ins Bild gerückt wie bei der Tour de France.

          „Beste Botschafterin für den Tourismus“

          Für Frankreich hat der grenzübergreifende Rummel um die Tour, die wie kein anderes Sportereignis von einer Aura aus Leiden und Legenden lebt, noch einen weiteren gravierenden Aspekt. Denn wenn der Amerikaner Lance Armstrong und seine Kollegen im Hochsommer durch Ferienregionen fahren, sich über Pässe quälen und schließlich auf den Champs-Elysées dem Ziel entgegensteuern, soll nicht zuletzt Reiselust geweckt werden. Tatsächlich orientieren sich frankophile Urlauber nicht selten am Kurs der Tour. „Ich kann mit Fug und Recht behaupten", sagt deshalb Leblanc über die Tour, „daß sie die beste Botschafterin für den Tourismus in Frankreich ist."

          Doch Leblanc ist auch Realist genug, zu erkennen, daß - mehr denn je - ein behutsamer Umgang mit dem Millionenspiel Tour erforderlich ist. "Wie überall lauern auch hier Dämonen", räumt er ein und erwähnt neben dem Doping den Größenwahn und das Pekuniäre. Leblanc spricht mahnend davon, ein "unkontrollierbares Wachstum" der Tour verhindern zu müssen, ein Aufblähen, das sie zu einem "Fettleibigen" werden lassen könnte, "den man dreiundzwanzig Tage lang in Folge von Stadt zu Stadt hetzt". Die Tour verlöre dadurch ihre Seele, schreibt Leblanc in dem Buch "100 Jahre Tour de France".

          Frankreich scheint sich jedoch generell nicht besonders um die Zukunft dieses speziellen, kommerziellen Räderwerks zu sorgen. Nach einer Umfrage des Magazins "Vélo" glauben drei von vier Franzosen, daß es die Tour de France auch noch in hundert Jahren geben wird.

          Rekorde der Tour

          Jüngster und ältester Tour-Sieger: Der Franzose Henri Cornet bekam den Tour-Sieg 1904 im Alter von 19 Jahren, 11 Monaten und 20 Tagen zugesprochen. Vier Monate nach Ablauf der Tour waren die drei vor ihm Plazierten wegen erheblicher Manipulationen disqualifiziert worden. Der älteste Tour-Sieger, der Belgier Firmin Lambot, gewann die Tour 1922 im Alter von 36 Jahren, vier Monaten und neun Tagen.

          Längste und kürzeste Tour: Die Rekord-Distanz betrug 5745 Kilometer auf sieben Etappen. Die längste Tour wurde 1926 gefahren, die kürzeste 1989 mit insgesamt 3582 Kilometern auf 21 Etappen. Die längste jemals gefahrene Etappe war der siebte Tagesabschnitt 1906 über 480 Kilometer von Marseille nach Toulouse. Der Sieger Louis Trousselier (Frankreich) benötigte 17:24 Stunden.

          Die größten und geringsten Zeitabstände zwischen Sieger und Zweitplaziertem: Zwischen den Franzosen Maurice Garin und Lucien Pothier lagen 1903 im Ziel der ersten Tour 2:59:21 Stunden. Nur acht Sekunden trennten 1989 Tour-Sieger Greg LeMond (Vereinigte Staaten) vom Franzosen Laurent Fignon.

          Rekord-Teilnehmer: Der Niederländer Joop Zoetemelk nahm an 16 Frankreich-Rundfahrten teil und beendete alle. 1980 gewann er die Tour. Deutscher Rekordhalter ist der Heltersberger Udo Bölts, der in diesem Jahr seine zwölfte Tour bestreitet.

          Die längste Flucht: Das mit 253 Kilometern längste Solo der Tour-Geschichte fuhr der Franzose Albert Bourlon 1947 in den Pyrenäen von Carcassonne nach Luchon.

          Der höchste Tour-Berg: Der 2802 Meter hohe Col de la Bonette in den Alpen stand bisher dreimal im Tour-Programm.

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