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1. FC Kaiserslautern : Verscherbelte Zukunft

  • -Aktualisiert am

Immer wieder die Vergangenheit: Stefan Kuntz hat weiter Ärger aus der Zeit beim FCK Bild: dpa

Wo sind die Millionen aus der Fananleihe? In Kaiserslautern lassen neue Details das Misstrauen gegenüber Stefan Kuntz wachsen. Dem früheren Vorstand droht eine Untersuchung.

          Es war ein guter Tag für Stefan Kuntz. Als er unlängst überraschend als Trainer der U 21-Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vorgestellt wurde, zeigte er sein blendendes Lächeln. DFB-Sportdirektor Hans-Dieter Flick lobte, dass der Europameister von 1996 Werte verkörpere wie Vertrauen, Respekt und Leistungsbereitschaft. Derweil allerdings brodelt es an alter Wirkungsstätte: Nach neuen Informationen tritt immer deutlicher die Misswirtschaft zutage, in welcher der ehemalige Vereinsvorstand Kuntz nach seinem Rücktritt im Frühjahr den 1. FC Kaiserslautern zurückgelassen hat.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es kursiert gar die Befürchtung, der traditionsreiche Fritz-Walter-Klub könnte zerbersten. Mitglieder haben jetzt eine Untersuchung beantragt. So könnte dem DFB ein Problem mit einem seiner wichtigsten Trainer ins Haus stehen, der in seiner exponierten Stellung vor allem auch Integrität ausstrahlen sollte. Auf Anfrage dieser Zeitung weist Kuntz die Vorwürfe der Misswirtschaft zurück und behauptet, „zu jeder Zeit seriös und gewissenhaft gewirtschaftet“ zu haben.

          Wo ist die Anleihe?

          Im Kern geht es unter anderem um eine Fan-Anleihe von rund sechs Millionen Euro, die 2013 aufgelegt wurde. Kuntz versprach, „dass derjenige, der die Anleihe zeichnet, hundert Prozent sicher sein kann“, dieses Geld fließe ins Nachwuchszentrum. Heute ist klar: Das Geld für den Ausbau ist nicht mehr vorhanden. Und das wohl schon seit Längerem. Denn neueste Zahlen der Saison 2015/16 sollen laut dem neuen Finanzvorstand Michael Klatt belegen, dass die Mittel „in einem früheren Zeitraum verbraucht worden sein müssten“, also als Kuntz noch wirkte. Außerdem fehlen zusätzlich 2,8 Millionen Euro aus einem Stadion-Deal mit der Stadt, die ebenfalls ins Nachwuchszentrum hätten investiert werden sollen.

          Der Ausbau ist nicht zu finanzieren. Und wie die Anleihe 2019 zurückgezahlt werden soll, ist unklar. Kuntz hingegen verweist darauf, den „Zinszahlungen aus der Betze-Anleihe ausnahmslos Tag genau“ nachgekommen zu sein. Außerdem seien mit dem Geländekauf über vier Millionen Euro investiert worden. Das Geld habe je nach Investitionsstufe zur Verfügung gestanden oder sei „spätestens am 30. Juni eines jeden Jahres in voller Höhe in unserer Liquidität vorhanden“ gewesen. „Nach meinem Abschied wurde vom neuen Vorstand möglicherweise anders geplant beziehungsweise gewirtschaftet.“

          Klatt zeichnet ein anderes Bild. „Die Rückerlangung der finanziellen Wettbewerbsfähigkeit hat für den Verein höchste Priorität“, sagt der neue Finanzmann. Wie prekär die Lage ist, zeigt sich am Verkauf des Nachwuchstalents Jean Zimmer zum VfB Stuttgart. Aus Führungskreisen des Vereins hat diese Zeitung erfahren, dass nur eine vorgezogene Zahlung aus dem rund zwei Millionen Euro hohen Transfer im April 2016 den Klub vor der Pleite bewahrt haben soll. Dies bestreitet Klatt nicht: „Der Zimmer-Transfer war wichtig für die finanzielle Situation.“ Kuntz dagegen weist Spekulationen um eine mögliche Zahlungsunfähigkeit des Vereins im Frühjahr zurück – nach Rücksprache mit der neuen Führung, wie er sagt.

          2,6 Millionen fehlen

          Doch trotz Transfereinnahmen kündigt Klatt nun gegenüber der F.A.Z. einen Jahresfehlbetrag von 2,6 Millionen Euro an, das Eigenkapital fällt auf ein Minus von 3,5 Millionen Euro (Vorjahr minus 864.000 Euro). Anfang Oktober erläuterte der Neu-Vorstand die Zahlen der Deutschen Fußball Liga. Um „handlungsfähig“ zu sein, wurde ein weiterer Kredit von drei Millionen Euro aufgenommen. Schon die letzte FCK-Bilanz konnte nur durch Talentverkäufe gestützt werden. Klatt spricht von einer „negativen Spirale“ rückläufiger Zuschauerzahlen und Sponsoringeinnahmen. Demgegenüber behauptete die alte Riege um Kuntz stets, den FCK saniert und „ligaunabhängig wirtschaftlich stabil“ ausgerichtet zu haben. Wer Kritik übte, wurde als Feind des Vereins geschmäht oder juristisch bedroht.

          Allerdings wächst in Mitgliederkreisen die Skepsis, über Jahre hinweg getäuscht worden zu sein. Die Zahlen zeigen, dass der Verein hochbelastet ist. Langjährigen Mitgliedern des Aufsichtsrats um den einstigen Vorsitzenden Dieter Rombach wurde daher schon mehrfach vorgehalten, sie hätten ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt. Dieser Zeitung liegen Schriftstücke vor, die Aufsichtsräte und Kassenprüfer frühzeitig vor einer Finanzmisere warnten. Der Vorwurf, die Kontrolleure hätten versagt, steht offen im Raum.

          Viele Mitglieder des Vereins fragen sich längst, wie es mit dem Nachwuchszentrum weitergehen soll und was mit den zweckgebundenen Geldern geschehen ist. Bei der Versammlung im letzten Jahr traten horrende Kosten für kuriose Beratungsleistungen zutage. Immer wieder wurde die Frage nach den Vorstandsbezügen laut, die ungewöhnlich hoch gewesen sein sollen. Unter Kuntz kamen und gingen über 200 Spieler. Bei einer Mitgliederversammlung musste er sich einmal gar dem Vorwurf erwehren, an Transfers heimlich mitzuverdienen. Die im November stattfindende Klubversammlung verspricht eine intensive Diskussion. Mancher fordert, das Finanzgebaren der Alt-Führung zu durchleuchten. Sogar die Einsetzung einer Untersuchungskommission ist beantragt. Regressforderungen sind nicht ausgeschlossen. Für die letzten Monate seiner Amtszeit muss Kuntz noch entlastet werden.

          Befeuert wird die Stimmung vom schwachen Tabellenstand – weit hinter den Ansprüchen des Pfälzer Publikums. Wie der Zweitligaverein in der dritten Liga überleben könnte, ist zweifelhaft. Während der Existenzkampf beim FCK läuft, bildet Kuntz im Dienste des ohnehin skandalgeschüttelten DFB auf gut dotiertem Posten die deutsche Nachwuchselite aus.

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