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: So fällt in der Krise alle Scham

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Paradiese sind gefährliche Orte. Adam und Eva können ein Lied davon singen. Es ist die größte Gefahr des paradiesischen Zustands, dass all jene, die in ihm leben, bald denken, es werde immer so bleiben.

          10 Min.

          Von Rainer Hank

          Paradiese sind gefährliche Orte. Adam und Eva können ein Lied davon singen. Es ist die größte Gefahr des paradiesischen Zustands, dass all jene, die in ihm leben, bald denken, es werde immer so bleiben. Der Garten Eden verleitet zu Unaufmerksamkeit und Sorglosigkeit und nährt das Gefühl falscher Sicherheit. Umso größer ist der Schrecken, wenn es vorbei ist. Könnte es nicht sogar sein, dass erst dieser Schrecken durch den Kontrast das Paradies als solches erkennbar macht, während die Gegenwart des goldenen Zeitalters bis dahin gar nicht recht gewürdigt wurde?

          Seit Mitte der achtziger Jahre lebten die Menschen in einer Art irdischem Paradies, gewiss mit Schwächen und Ungerechtigkeiten. Aber zumindest in der reichen Welt Amerikas und Europas konnten sie der Meinung sein, ökonomische - und wohl auch politische - Katastrophen blieben ihnen erspart und ihr Wohlstand werde sich - wenngleich nicht immer zu ihrer vollsten Zufriedenheit und nicht für alle gleichmäßig - auf lange Sicht noch mehren.

          Nicht erst aus der Erfahrung des Schocks der großen Krise heraus hat man die zwanzig Jahre davor die Zeit der "großen Mäßigung" (The Great Moderation) genannt. Das mag jene überraschen, die gewohnt sind, der Dominanz von Wall Street Unmäßigkeit und Übertreibungssucht vorzuwerfen. Doch darum geht es hier nicht. Mit Great Moderation ist gemeint, dass die Ausschläge des Konjunkturzyklus gedämpft und die Erfahrung dauernden Wechsels zwischen wirtschaftlichem Auf- und Abschwung abgemildert, wenn nicht gar abgeschafft schienen. Allein die Tatsache, dass dies eine Welt ohne (oder allenfalls mit nur geringer) Inflation war, kann gar nicht überschätzt werden, wenngleich auch das Verschwinden der Inflation, wie so vieles, bald als selbstverständlich genommen wurde. Die Jahre der Großen Mäßigung waren ein Zeitalter des Triumphs des amerikanischen Kapitalismus. Dann kam der große Knall.

          "Es kann passieren, was will: Es gibt immer einen, der es kommen gesehen hat", sagte der französische Schauspieler Fernandel (Don Camillo) einmal. Auch nach dem Knall gab es wieder viele Menschen, welche die Kreditkrise und ihr Überschwappen auf das Weltfinanz- und Weltwirtschaftssystem schon lange vorher prognostiziert hatten. Und einige - Nouriel Roubini zum Beispiel, ein Ökonom in New York, oder Robert Shiller in Yale - haben tatsächlich sehr früh sehr vieles schon vorhergesagt. Aber wer wollte es hören?

          Das ist kein Wunder, gehört es doch zum Wesen von Finanzkrisen, dass sie zwar mit Gewissheit eintreten, der Crash dann aber wie der Blitz aus heiterem Himmel einschlägt. Er überwältigt die Menschen (und Anleger) so plötzlich, dass er einer negativen Epiphanie gleicht. Während einige zu den ewigen Besserwissern werden, wird die Mehrheit vor allem böse: "Warum habt ihr uns das nicht gesagt?", "Warum habt ihr uns nicht vor der Katastrophe gewarnt?", rufen sie in die Welt hinein, ohne dass klar würde, wer ihr Adressat ist. Wahrscheinlich alle, die überhaupt in Frage kommen: die Bankmanager, die Wirtschaftsjournalisten, die Politiker, der Kapitalismus.

          Spekulationsblasen gibt es, seit es den Kapitalismus gibt. Sie sind systemimmanente Unfälle. Oder handelt es sich schon um Regelfälle? Wahr ist vor allem eines: Niemandem ist es bislang gelungen, Blasen zu verhindern: Weder die Märkte mit ihren angeblichen Selbstheilungskräften noch die Politik mit ihrem "anmaßenden" und vorausplanenden Wissen haben das geschafft. Zum Wesen der Finanzmärkte gehört offenbar die Übertreibung; Mäßigung gelingt ihnen nur schwer: Scheinbar wundersamen und raschen Gewinnen folgen nicht minder wundersame und plötzliche Verluste.

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