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Schüler an der Uni : Was bedeutet gleich noch mal „normativ“?

  • -Aktualisiert am

Zwischen Neugier und Überforderung: Das „Schülerstudium“ bietet Schülern die Möglichkeit, Kurse an der Universität zu belegen. Bild: Picture-Alliance

Schon vor dem Schulabschluss Universitätsluft schnuppern: Als Schülerstudent der Goethe-Universität stößt man schnell an Wissensgrenzen – aber es lohnt sich trotzdem.

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          Ich war verwirrt. Wo zwischen dem mysteriösen Audimax, dem Casino und dem House of Finance sollte das Einführungsseminar „Theorien der Demokratie“ stattfinden? In meinem Kopf machte sich die Vorstellung breit, dass ich eine halbe Stunde zu spät in einen vollen Seminarraum hineinplatzen würde und erklären müsste, was ich mit meinem schweren, mit Schulbüchern vollgestopften Ranzen an der Universität zu suchen hätte, an der ich durch mein Alter und die volle Tasche sicherlich auffiel. Fünf Minuten nach 16 Uhr erreichte ich schließlich den Seminarraum – und war doch pünktlich. Die Veranstaltungen begannen alle „cum tempore“ oder, für einen Schüler verständlicher, „15Minuten zu spät“, wie mir ein Student erklärte, der ruhig vor dem Raum wartete.

          Seit 2001 bietet die Goethe-Universität hochbegabten oder leistungsstarken Schülern an, in den Naturwissenschaften an regulären Lehrveranstaltungen teilzunehmen, seit 2012 ist das auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften möglich. Im Winter 2013 war ich das erste Mal als Schüler an der Universität unterwegs; meine Politiklehrerin hatte mich auf das Angebot hingewiesen. Es war mein erster Blick in die Welt der Wissenschaft, mit der ich als Kind aus einem Nichtakademiker-Haushalt zuvor keinen Kontakt gehabt hatte.

          Freiheiten, die Studierende nicht haben

          Ich war nun frei zu entscheiden, was ich lernen wollte. In meiner Kurswahl war ich nicht an Modulpläne gebunden. Ich hatte die Möglichkeit, Prüfungen abzulegen, war aber nicht dazu verpflichtet. Machte ich keinen Schein, verlängerte sich meine Studienzeit deswegen nicht. Das Schülerstudium bot mir Freiheiten, auf die ich als Student verzichten muss.

          In meinem dritten Semester an der Universität wagte ich mich in die Philosophie vor und besuchte zur Einführung ein Seminar über die amerikanische Philosophin Judith Butler. Spätestens jetzt zeigte sich, dass man als Teilzeitstudent irgendwann an Grenzen des Verstehens stößt. Hätte ich jeden Begriff und jede Theorie, die mir nichts sagten, sorgfältig nachgeschlagen, wäre ich wohl für zwei Tage in der Woche in der Bibliothek verschwunden. Das hätte Ärger in der Schule gegeben.

          Große Fragezeichen im Kopf

          Ohnehin waren die Freitagnachmittage in der Universität eine erhebliche Doppelbelastung für mich geworden. Zum einen begann mein Wochenende einige Stunden später als das meiner Mitschüler, zum anderen wurde es im Seminarraum im Sommer sogar noch heißer als im Klassenzimmer, und schließlich war die Vorbereitung der Sitzungen ungewohnt aufwendig. Dafür entstanden angeregtere Diskussionen als in der Schule, auch vor und nach den Sitzungen, in denen die Kommilitonen nicht darauf beharrten, unter sich zu bleiben, sondern mir dabei behilflich waren, einige der großen Fragezeichen in meinem Kopf aufzulösen.

          Sogar der exzentrische Phrasendrescher, der sich immer drei Schritte weiter glaubte als die Dozentin und keinen Satz ohne Fremdwort bilden konnte, ließ sich dazu herab, mir etwas zu erklären. Vielleicht gab es also doch so etwas wie einen heimlichen Schülerbonus, auch wenn ich formal mit den gleichen Rechten und Pflichten an den Veranstaltungen teilnahm wie echte Studenten.

          Erleichterter Übergang von Schule zu Studium

          Der Modus meines Schülerstudiums war: In medias res. Ich konnte nicht den Anspruch haben, alles zu verstehen, und musste mich oft darauf beschränken, Wissenslücken zu schließen. In der ersten Sitzung des Seminars „Theorien der Demokratie“ musste ich die genaue Bedeutung des Wortes „normativ“ nachschlagen, das den anderen Kommilitonen wie von selbst über die Lippen ging.

          Das Schülerstudium war vor allem auch eine Auseinandersetzung mit dem vielbeschworenen akademischen Habitus und der wissenschaftlichen oder philosophischen Denkweise. Es erleichterte mir den endgültigen Übergang zwischen Schule und Universität und ersparte mir zumindest bei der späteren Fachwahl Verwirrung. Ich entschied mich für die Philosophie.

          Informationen gibt es unter www.uni-frankfurt.de/60081644/Schuelerstudium

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