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Elektropop-Band Shortparis : Russischer Drahtseilakt

  • -Aktualisiert am

Gewalterwartung als Markenzeichen: Die Petersburger Band Shortparis posiert in stilisierten NS-Uniformen für ihr Album „Wie der Stahl gehärtet wurde“. Bild: Shortparis / Igor Klepnev

Prophetische Botschaften an Europa: Wie sich die angesagte Petersburger Elektropopgruppe Shortparis auf die nächste Saison vorbereitet.

          4 Min.

          In Youtube-Videos tanzt Nikolay Komyagin wie besessen im roten Anzug über die schummrige Bühne. Weißes Licht bescheint seinen rasierten Kopf, während er mit hoher, tremolierender Stimme von Ehrlichkeit, von Ewigkeit und Angst singt. Seine Band Shortparis versetzt mit dem treibenden Rhythmus dumpfer elektronischer Störgeräusche und Gitarrenriffs das Publikum in Ekstase. Dann mischt die filigrane Gestalt Komyagins sich unter seine Anhänger, berührt Köpfe, streicht über Wangen. Der Sänger der russischen Band wirkt wie ein Prophet, der seinen Anhängern eine Botschaft übermitteln will.

          Diese Botschaft ist in Europa angekommen. Jedenfalls sieht die britische Pop-Zeitschrift „New Musical Express“ überall in Deutschland neue Bands aus Osteuropa die Bühnen erobern. Zu ihnen gehört Shortparis aus Sankt Petersburg, laut dem Kultursender Arte die derzeit beste russische Liveband. Mit einer Melange aus Rock, Pop Noir, Underground, Art Punk und Folk ziehen die Künstler ein studentisches Publikum, aber auch die russischsprachige Diaspora an. Zwar wurden ihre Auftritte an der Berliner Volksbühne und auf dem Berliner Fusion Festival abgesagt. Doch in Petersburg, wo die Musiker jetzt strenge Quarantäneregeln befolgen müssen, bereiten sie sich auf die Herbstsaison vor.

          Der Sadismus des Systems

          Die Musik von Shortparis ist radikal, brutal und verstörend. Die Hauptfigur ihres jüngsten Musikvideos „Kak sakaljalas stal“ („Wie der Stahl gehärtet wurde“) ist ein patriotischer junger Rekrut, der die russischen Armeeregeln lernen muss. Zu schnellen Beats, gesampelten Störgeräuschen und brutalen Gitarrensounds wird man in eine Ausbildungshalle versetzt, wo Soldaten den Nahkampf trainieren – unter den Augen von Kommandeuren und einem Banner mit dem lateinischen Spruch: „In hostem omnia licita“, gegen den Feind ist alles erlaubt. Der Neuling gerät in Rage, schlägt um sich, verprügelt Kameraden und freundliche Passanten. Maskulin und manieriert zugleich wiederholt Komyagin den Titelrefrain – bis der Held in der Wohnung der Eltern Harakiri begeht und sein Blut sich über die Karte Russlands ergießt.

          Der Titel des neuen Albums und der Single verweist auf den gleichnamigen sowjetischen Erziehungsroman von Nikolai Ostrowski. Darin geht es um einen bolschewistischen Bürgerkriegskämpfer, der trotz Invalidität und Erblindung für die Befreiung der Unterdrückten weiterfechten will. Im Lied von Shortparis ist es anders: Der junge Soldat wird von dem hierarchischen Sadismus des Systems traumatisiert, er wendet die Aggression erst gegen andere, dann gegen sich selbst. Ist das Musikvideo auch ein Kommentar zu den „stählernen“ Strukturen in den russischen Sicherheitsorganen und den Großmachtansprüchen des Kremls?

          Furcht vor Fremden

          Die Bandmitglieder, die wir telefonisch in Petersburg erreichen, bestreiten das. Zwar sei die Arbeit an dem Video von „tragischen Zufällen“ begleitet worden, sagt der Gitarrist und Bajan-Spieler Alexander Ionin, womit er auf Schikanen junger Wehrdienstleistender durch Dienstältere anspielt, was im vorigen Herbst in Sibirien zu einem Amoklauf führte, wobei acht Soldaten starben. Doch Ionin betont, die Band betreibe keine Politik, sondern Sozialkritik. Es gehe um Gewalt. „Gewalt ist zu einem allgegenwärtigen Markenzeichen geworden, das unser Denken und Handeln prägt“, ergänzt Komyagin.

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