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Rückblick 2018: Mainz : Ein Jahr der Abschiede

Gesellig: Das Marktfrühstück am Fuße des Mainzer Doms wollten die Bürger nicht missen. Bild: Schug, Markus

Die Mainzer trauern um Karl Kardinal Lehmann. Pläne für die Erweiterung des Gutenbergmuseums wurden verworfen. Und der Wirtschaftsdezernent Sitte geht.

          Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein hat sich noch nie ausgezahlt. So ähnlich war das auch mit den Plänen für den als Anbau an das Gutenberg-Museum gedachten „Bibelturm“, der womöglich überall in der Stadt hätte errichtet werden können, nur eben nicht 2018 auf dem dafür vorgesehenen Liebfrauenplatz. Weil ebendort, im Schatten des Domes, dreimal in der Woche die Marktbeschicker ihre Waren anbieten. Und immer dann, wenn die Sonne samstags auch nur ein wenig zwischen den Wolken hervorlugt, einige hundert Mainzer das Marktfrühstück aufsuchen, um sich unter freiem Himmel die eine oder andere Weinschorle zu genehmigen. Dass das gesellige Vergnügen durch den vom Stadtrat beschlossenen Bau eines mehr als 20 Meter hohen Turms, für den zudem drei Platanen hätten gefällt werden müssen, gestört werden könnte, wollten viele Bürger offensichtlich nicht hinnehmen. Deshalb kam es zum ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Kein Wunder, dass das umstrittene Bauwerk am 15. April – also zu einer Zeit, in der sich der Liebfrauenplatz in der Frühlingssonne gerade von seiner schönsten Seite zeigte – mit überwältigender Mehrheit abgelehnt wurde. Wobei es noch andere Argumente gab, die gegen das Fünf-Millionen-Euro-Projekt sprachen. Zum Beispiel fehlte es an einem nachvollziehbaren Finanzierungskonzept für die darauffolgenden Bauabschnitte. Was zu einer Kommune zu passen scheint, die schon jetzt mit fast 1,3 Milliarden Euro Schulden außergewöhnlich stark belastet ist.

          Ein Überschuss zum Jahresende

          Immerhin sei es dem Ampelbündnis mit Glück und Geschick gelungen, so gut zu haushalten, dass man zum vierten Mal in Folge zum Jahresende einen Überschuss vermelden könne, sagte Finanzdezernent und Bürgermeister Günter Beck (Die Grünen) vor wenigen Tagen. Und das, obwohl in Mainz laut Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) aktuell so viel investiert werde wie seit den siebziger Jahren nicht mehr. Das meiste Geld fließt demnach in Um- und Neubauten von Schulen und Kindertagesstätten. Begonnen wurde aber auch mit der Modernisierung der Rheingoldhalle, der Sanierung des Taubertsbergbads und der Erneuerung mehrerer Bürgerhäuser. Zudem hat seit wenigen Tagen das aufwendig sanierte Kulturzentrum „Kuz“ wieder geöffnet.

          Nur an der Ludwigsstraße tat sich auch in diesem Jahr nicht viel, weil man im Karstadt-Konzern nach der Fusion mit der Kaufhof-Gruppe offenbar ganz andere Dinge als die Umgestaltung der „Lu“ für vordringlich hält. Immerhin soll die Große Langgasse schöner und durch zusätzliche Orte zum Verweilen aufgewertet werden. Bis alle neuen Kabel, Rohre und Leitungen in der Erde sind, dürfen sich vor allem die Autofahrer noch einige Monate ärgern.

          Die Aufregerthemen des Jahres

          Die Frage, wie lange Besitzer älterer Diesel- und Benzin-Fahrzeuge mit ihren Wagen überhaupt noch in die Innenstadt gelangen können, gehörte gleichfalls zu den Aufregerthemen des Jahres. Nicht nur, aber eben auch in Mainz, wo das von der Deutschen Umwelthilfe angerufene Verwaltungsgericht der Stadt im Oktober eine Gnadenfrist bis zum nächsten Sommer gewährte. Sollten die Stickstoffdioxid-Werte an der Messstelle Parcusstraße bis Ende Juni immer noch zu hoch sein, wird die Stadt kaum mehr umhinkommen, etwa die Kaiserstraße und das Bleichenviertel zur Sperrzone zu erklären. Ein entsprechend abgeänderter Luftreinhalteplan wurde im Dezember vom Stadtrat nahezu einstimmig beschlossen.

          Für einen Paukenschlag im Rathaus und Entsetzen in dem seit 2009 recht unaufgeregt zusammenarbeitenden Dreierbündnis von SPD, Grünen und Liberalen hatte einen Monat zuvor der bisherige Wirtschafts- und Liegenschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) gesorgt. Ohne sich mit irgendjemandem abzusprechen, schon gar nicht mit seinen Parteifreunden, ging er zwei Tage vor seiner als sicher geltenden Wiederwahl von der Fahne, um seine Brötchen fortan bei einem Frankfurter Finanzdienstleister zu verdienen. Weil die Dezernentenwahl so kurzfristig nicht mehr von der Tagesordnung zu nehmen war, dem Ampelbündnis über Nacht aber der Kandidat abhandengekommen war, durfte sich gänzlich unerwartet die bis dato aus dem Stadtvorstand ausgesperrte CDU freuen: Ihre Bewerberin, die 54 Jahre alte Wirtschaftsjuristin Manuela Matz, wurde zur Sitte-Nachfolgerin gewählt. Da sich der 45 Jahre alte FDP-Politiker bis heute nicht erklärt hat, darf man getrost davon ausgehen, dass er genau wusste, wie sehr er dem Ampelbündnis mit seinem Verhalten schadete – und das auch wollte.

          Ein Abschied ganz anderer Art prägte im März das Geschehen in der Stadt. Nach dem Tod von Karl Kardinal Lehmann, der 33 Jahre lang Bischof von Mainz war, hatten die Bürger eine Woche lang Gelegenheit, einen letzten Blick auf den in der Seminarkirche in der Altstadt aufgebahrten Leichnam des Einundachtzigjährigen zu werfen. Und Zigtausende Gläubige, die sich geduldig in lange Warteschlangen einreihten, machten Gebrauch von diesem Angebot. Am 21. März fand „unsern Karl“, wie er in der Bevölkerung zeitlebens gerne und liebevoll genannt wurde, seine letzte Ruhestätte in der Bischofsgruft des Doms.

          Nicht nur Trauer, sondern auch Wut und etliche politisch motivierte Kundgebungen löste im Sommer der Tod der 14 Jahre alten Susanna F. aus, die am 6. Juni tot in Wiesbaden-Erbenheim entdeckt worden war. Schnell wurde ermittelt, dass die grausame Tat offenbar von dem irakischer Asylbewerber Ali B. begangen wurde, der dies inzwischen auch gestanden hat. Was in Mainz zu mehreren Protestveranstaltungen von Gruppen führte, die „Merkel muss weg“-Schilder dabeihatten und ein Ende der bisherigen Flüchtlingspolitik forderten. Allerdings gab es, etwa auf dem Lerchenberg, wo Susanna wohnte, und in ihrer Schule in Bretzenheim sowie am 11. Juni auf dem Gutenbergplatz auch ganz bewusst sehr still gehaltene Gedenkfeiern.

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