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Zweiter Weltkrieg : „Deutsche wussten viel über Mord an Juden“

Aus Sicht der kleinen Leuten: Vier Jahre lang hat Nicholas Stargardt an seinem Werk „Der deutsche Krieg“ geschrieben. Bild: Helmut Fricke

Der Historiker Nicholas Stargardt hat untersucht, wie Deutsche aus allen Schichten den Zweiten Weltkrieg erlebten. Die Frage, wofür sie zu kämpfen glaubten, interessierte den Australier besonders.

          Wie viel haben die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs über die Vernichtung der Juden gewusst?

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eigentlich sehr viel. Denn die Angehörigen zu Hause bekamen von den Soldaten immer wieder Berichte von der Ostfront über Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen hinter der Front oder auch durch die Wehrmacht selbst. Das Wissen über Vernichtungslager kam dagegen viel später und viel langsamer.

          Wie genau drangen die Nachrichten von den Erschießungen nach Deutschland?

          Viele Soldaten haben das nach Hause geschrieben, und manche hatten sogar Fotos von den Massakern aufgenommen. Sie konnten die Filme aber nicht selbst entwickeln, sondern mussten sie ihren Angehörigen schicken. Dort gingen sie durch verschiedene Hände: die des Laboranten in der Drogerie, dann die von Familienangehörigen.

          Was haben die Angehörigen sich bei solchen Fotos und Berichten gedacht?

          Sie nahmen die Massaker als Teil eines sehr brutalen Krieges wahr, in dem Dörfer niedergebrannt und Partisanen aufgehängt wurden. Sie merkten, dass das kein normaler Krieg war. Viele haben versucht, sich das in der Familie oder im Freundeskreis zu erklären.

          Blieb alles im Familienkreis?

          Nein. Es kam zu einer Flut von Fragen an die Partei. Reichsminister Martin Bormann gab den Parteiführern die Anweisung, den Deutschen zu sagen: „Ja, wir machen das, weil es notwendig ist.“ Er hat die Massenerschießungen nicht geleugnet, sondern sie in gewisser Weise legitimiert und begründet.

          Gab es keine strikte Vertuschung?

          Im Herbst 1941 wurde die Ausrottung der Juden von diversen Instanzen ziemlich öffentlich zugegeben. Propagandaminister Joseph Goebbels versuchte mit der Einführung des Judensterns im Herbst 1941 die Volksgenossen für die Vernichtungspolitik zu gewinnen. Er war ziemlich wütend, dass viele Berliner den Stern und die damit verbundenen Repressionen am Anfang häufig ablehnten.

          Wie reagierte der Propagandaminister?

          Während des Höhepunktes des Holocausts, also 1942, hat Goebbels eine viel leisere Propagandapolitik verfolgt. Er ließ die Geschehnisse in der Presse nur andeuten. So entstand in der Bevölkerung ein Gefühl des Wissens, ohne dass man es genau wusste.

          Gab es in der Bevölkerung eine Ahnung davon, dass im Osten ungeheure Dinge passierten?

          Oh ja. Ende 1941 begannen die Deportationen von Juden aus Deutschland. Das war ein öffentlicher Vorgang mit Augenzeugen. Es gibt sogar viele Fotografien, manche wurden öffentlich ausgehängt. Schnell kamen auch Nachrichten ins Reich, wohin die Juden transportiert worden waren und wie mörderisch sie etwa in Minsk oder Riga behandelt wurden.

          Glaubte die Bevölkerung, dass die deportierten Juden zum Arbeiten in den Osten gebracht wurden?

          Jein. Zwar sind die Berichte des Sicherheitsdienstes und der Gestapo gegen Kriegsende zu einem Gutteil vernichtet worden. Aber für bestimmte Orte sind sie noch vorhanden, zum Beispiel für den Kreis Bielefeld oder für Orte im Süden Deutschlands. Aus diesen Dokumenten geht eindeutig hervor, dass die Bevölkerung glaubte, dass die arbeitsfähigen Juden eingesetzt, die anderen aber erschossen würden.

          Wie hat Goebbels die Judenvernichtung in der Propaganda verarbeiten lassen?

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