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Prozess um Tod am Gleis : „Ich habe was im Kopf“

Nach der Tat versuchten Augenzeugen den Jungen vom Gleis zu retten. Bild: dpa

Im Prozess um den Tod eines Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof verdichtet sich das Bild eines verwirrten Täters. Weitere Augenzeugen haben von der schrecklichen Tat berichtet.

          2 Min.

          Am zweiten Verhandlungstag im Prozess um die tödliche Attacke auf einen acht Jahre alten Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof hat eine Polizeibeamtin ausgesagt, die den Beschuldigten Habte A. kurz nach der Tat festgenommen hatte. Die immer noch von dem Geschehen mitgenommene Frau berichtete, dass A. sofort die Hände gehoben und die Festnahme akzeptierte, als er bemerkte, dass ein Polizeiauto hinter ihm anhielt. Auf dem Weg zum Revier habe er zu ihr gesagt, dass er mit dem Zug aus der Schweiz gekommen sei, sich aber nicht mehr sicher sei, wann. Er wisse überhaupt nicht mehr, warum. Dann habe er gesagt: „Ich wollte mich eigentlich selbst umbringen. Ich habe was im Kopf.“

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einige Stunden später, nachdem seine Identität mit zögerlicher Unterstützung der Schweizer Polizei geklärt war und er im Auto auf dem Weg in Polizeigewahrsam war, soll er noch zu der Beamtin gesagt haben: „Wäre besser, wenn ich tot wäre, als dass ich einen Jungen geschoben habe. Tut mir leid.“

          Vor Gericht wurde am Donnerstag diskutiert, ob dieser Satz bedeutet, Habte A. habe entgegen seinen Aussagen bei einem Psychiater doch realisiert, was er getan hatte – oder, ob er von den Polizisten auf dem Revier, etwa bei seiner Belehrung als Beschuldigter oder bei Gesprächen der Beamten miteinander erfahren hatte, was im Hauptbahnhof geschehen war. Die Beamtin im Prozess sagte dazu, ihr sei es vorgekommen, als sei A. von selbst darauf gekommen. Sie beschrieb ihn als ruhig und teilnahmslos, einmal habe er „eine Träne verdrückt“.

          In der Schweiz zur Fahndung ausgeschrieben

          Videoaufnahmen zeigen, wie der Einundvierzigjährige schon am frühen Morgen des Tattages Ende Juli 2019 kreuz und quer im Hauptbahnhof herumlief. Von acht Uhr an ging er dann immer wieder von der Nord- zur Südseite, teilweise verließ er den Hauptbahnhof kurz. Die Kriminaloberkommissarin, die die Videoaufzeichnungen von etwa 50 funktionstüchtigen Kameras mit ihren Kollegen analysiert hat, sprach davon, dass A. aufgefallen sei, weil er sehr langsam mit den Händen in den Hosentaschen umherschlenderte, und das über Stunden.

          Erst kurz vor der Tat sei er plötzlich schneller gegangen und dann abrupt zu Gleis 7 abgebogen. Neun Minuten vor der Attacke taucht er noch einmal auf, danach nicht mehr. Die Tat fand in einem Bereich des Gleises statt, für den es keine Videoaufzeichnungen gibt. Hinweise darauf, was den Angriff auf Mutter und Sohn ausgelöst haben könnte, fanden die Ermittler in den Aufnahmen nicht. A. hatte zu keinem Zeitpunkt direkte Begegnungen mit anderen Menschen, die sich im Hauptbahnhof aufhielten. Ein Kontakt mit den späteren Opfern ist nicht zu erkennen.

          „Zielloses Herumschlendern“

          Auch von der Ankunft des Beschuldigten vier Tage vor der Tat gibt es Bildmaterial. Darauf ist zu sehen, wie er am Abend gegen 21.15 Uhr aus dem ICE aus Basel aussteigt. Schon dort fiel den Ermittlern auf, dass er keinerlei Gepäck dabei hatte, nicht mal einen Rucksack. Auch hier beschrieb der zuständige Beamte A.s Gangart als „zielloses Herumschlendern“. Er habe nicht wie jemand gewirkt, der auf der Flucht ist. Hintergrund ist, dass A. in der Schweiz, wo der Eritreer jahrelang mit seiner Familie als anerkannter Flüchtling lebte, zur Fahndung ausgeschrieben war. Er hatte zuvor seine Nachbarin mit einem Messer bedroht und seine Familie eingeschlossen. Die Schweizer Polizei fahndete jedoch nur national.

          Vor Gericht berichteten am Donnerstag weitere Augenzeugen von der Tat. Darunter ein Mann, der Waggon für Waggon auf dem Gleis entlang gegangen war, weil er die Hoffnung nicht aufgeben wollte, das Kind doch noch zu retten. Bevor er aufs Gleis sprang, war ihm am Bahnsteig der davonlaufende Habte A. begegnet, von dem er da noch nicht wusste, wer er war. Für eine Sekunde schauten sich die Männer in die Augen. Der Zeuge sprach von einem „sehr ungewöhnlichen Blick“, den er nie vergessen werde. „Verwirrt, erstaunt und vielleicht auch ein bisschen befriedigt.“

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