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Premiere der Oper Frankfurt : Eine muntere Oper gegen den Zölibat

Zwei für Pergolesi: Dirigent Karsten Januschke und Regisseurin Katharina Thoma Bild: Frank Röth

Katharina Thoma und Karsten Januschke verbinden an der Oper Frankfurt zwei Werke Pergolesis zu einem Opernabend: „La serva padrona“ und „Stabat mater“.

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          Die kleine Geschichte um „Die Magd als Herrin“, die ihren feudalen Hausherrn an sich zu binden versuche, sei „sehr simpel“. Das räumt die Regisseurin Katharina Thoma gleich unumwunden ein: Servina, die Titelfigur in Giovanni Battista Pergolesis Minioper „La serva padrona“, ziehe alle Register, um Uberto zur Heirat zu drängen, dabei unterstützt vom Diener Vespone, dem in dem Drei-Personen-Stück in stummer Rolle eine wichtige dramaturgische Funktion zukomme. Stelle man sich zu dieser munteren, auf Mustern der alten Commedia dell’arte basierenden Story aber die Frage, ob zwischen Servina und Uberto schon länger eine Beziehung existiere und sie den nur aufgrund seiner sozial höheren Stellung sich zierenden Mann mit Recht zur Hochzeit bewegen wolle, werde es schon interessant, findet Thoma, die an der Oper Frankfurt zuletzt Wagners „Tristan und Isolde“ inszeniert hat und hier als Beitrag zum Ersatzspielplan das kompakte Intermezzo mit Premiere am Sonntag auf die Bühne bringt.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Richtigen Zugang zu dem Stück, das 1733 als lustige Einlage zwischen den Akten einer ernsten Oper Pergolesis nach damaliger Geflogenheit uraufgeführt wurde, aber nach heutigem Verständnis „ein katastrophales Frauenbild“ vermittele, habe sie erst durch die Beschäftigung mit zweiten Teil der nun anstehenden, insgesamt nur gut anderthalb Stunden dauernden Frankfurter Pergolesi-Doppelproduktion gefunden, gesteht Thoma. Das „Stabat mater“, das ebenfalls nur mit Streichern, Continuo und zwei Sängerinnen besetzte bekannteste Sakralwerk des 1710 geborenen und schon im Alter von 26 Jahren an Tuberkulose gestorbenen Komponisten, brachte sie auf Idee, „La serva padrona“ im Milieu eines streng katholischen Haushalts anzusiedeln. Uberto könnte nach dieser Deutung ein geistliches Amt bekleiden, das ihn an der Heirat hindert. Zu der auch von anderen Komponisten häufig vertonten lateinischen Sequenz „Stabat mater“, in der ein lyrisches Ich die Schmerzens Marias ihres am Kreuz sterbenden Sohnes nachempfindet, werde damit eine Brücke geschlagen: Für diesen zweiten Teil weite sich die Bühne zum Kirchenraum.

          Eine Kirche sei aus ihrer Sicht ein offener Raum für alle, „ein Ort der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit“, führt Thoma aus. In ihrer szenischen Gestaltung des an sich ja handlungsfreien, eher kontemplativen Sakralwerks wird sich darin „ein Völkchen von verlassenen Menschen“ begegnen - ganz gegenwärtig: Flüchtlinge etwa oder Kinder, die beim Ballspiel vom Regen überrascht wurden. Am Ende bildeten all diese von Statisten dargestellten Menschen „eine starke Gemeinschaft“. Damit soll sich eine hoffnungsvolle und aktuelle Botschaft verbinden. Denn Erlebnisse von Gemeinschaft, wie sie sich über Musik und Glauben vermitteln könnten, fehlten derzeit sehr, sagt Thoma.

          Klare musikalische Trennung

          Dem pflichtet Karsten Januschke als musikalischer Leiter bei. Der bis 2015 in Frankfurt zuletzt als Kapellmeister engagierte und seither schon öfters als Gast zurückgekehrte Dirigent will stilistisch allerdings für eine klare Trennung der musikalisch sehr unterschiedlichen Werke sorgen.

          Dass in dem 1736, kurz vor Pergolesis frühem Tod entstandenen „Stabat mater“ weltliche Einflüsse von „La serva padrona“ zu finden seien, wie mitunter behauptet werde, könne er nicht bestätigen. Die Sequenz sei „zutiefst empfundene liturgische Musik“, traditioneller gehalten als die zu „La serva“, die eindeutig nicht mehr barock, sondern schon im vorklassischen Stil daherkomme.

          Das „Stabat“ biete eine ganz andere Harmonik mit mehr Dissonanzen und ganz selten die Bewegungsmotivik des komischen Intermezzos, das bald auch außerhalb Italiens viel gespielt und zu einem frühen Repertoirestück wurde. So habe es in seiner volkstümlichen Art und Sprache viele spätere Komponisten beeinflusst.

          Der galante Stil der Musik bringe schon verstärkt die Gefühle der menschlicher erscheinenden Personen zum Ausdruck, ergänzt Thoma. Der Blick richte sich dabei nicht mehr auf das höfische, sondern auf das private Leben, so dass nach ihrer Lesart sogar „ein Plädoyer gegen denZölibat“ hergeleitet werden könne. Maria, die Magd des Herrn, werde so eher zu „Maria 2.0“ im Sinne der katholischen Fraueninitiative. Dass die Sängerdarsteller der Oper in der Premierenbesetzung, Simone Osborne und Gordon Bintner, auch privat ein Paar seien, habe ihr die Inszenierung in diesem Sinne erleichtert, freut sich die Regisseurin.

          Die Premiere in der Oper Frankfurt beginnt am Sonntag um 18Uhr. Weitere Vorstellungen folgen am 22. und 30. Oktober sowie im November und Dezember.

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