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© Nina Hewelt

Kleben, walzen, schneiden, falzen

Von JÖRN WENGE (Text) und NINA HEWELT (Bild), 29. Mai 2016

Zwei Buchbinder aus Frankfurt lieben ihr Handwerk. Aber immer weniger große Unternehmen nehmen ihre Dienste in Anspruch, die Innung hat sich aufgelöst. Der Jüngere der beiden hofft auf das Internet - der Ältere nicht.

Konzentriert schauen die beiden auf ihr Werkstück, jeder Handgriff sitzt, kein Wort wird gewechselt: Es mutet geradezu bedächtig an, wie Martin Schilling (53) und Peter Croll (60) in stillem Einvernehmen an der Werkbank stehen und ihre Arbeit verrichten, während im Hintergrund nur die rotierende Leimmaschine summt und rattert. Mit deren Hilfe klebt Schilling Pappen für eine Reihe Bistro-Speisekarten aneinander, während Croll ein Stück braunes Leder für einen Bucheinband mit dem Messer bearbeitet. Allenfalls ein Kunde durchbricht kurz die Ruhe in ihrem Buchbinder-Atelier, das im Norden Frankfurts liegt. Dort, in einer ehemaligen Schreinerei an der Eckenheimer Landstraße, arbeiten die beiden Buchbinder unter hohen Decken und dem Licht eines Dachfensters: Sie reparieren alte Einbände, binden Zeitschriften-Ausgaben zusammen, fertigen Umschläge aus Leder.

Für ihr Handwerk benötigen die beiden Buchbinder eine Reihe von Pressen, Scheren und Maschinen. Wenn Schilling besonders große Stücke mit einer Prägung versehen will, nutzt er eine Presse, die in den 1950er Jahren hergestellt wurde. Sie stammt aus einer Unternehmensauflösung. Das schwere Gerät aus Eisen steht im Empfangsraum. Einmal fragte ein Kunde flapsig: „Ist das hier ein Museum oder nutzen sie die Maschinen noch?“ Schilling und Croll zeigten sich unbeeindruckt – sie fühlen sich wohl in dem musealen Ambiente. Und die Maschinen tun schließlich ihren Dienst – selbst wenn sie wie die Presse schon in einer Zeit eingesetzt wurden, als noch Konrad Adenauer regierte.

© Nina Hewelt Stoffe, Scheren, Pressen: Eindrücke aus der Buchbinderei Schilling & Croll

Ganz so falsch liegt der Kunde jedoch nicht mit seiner Frage: Die Buchbinderei ist ein Reservat der Handwerkskunst, das seit langem bedroht ist – heute vor allem durch Digitalisierung und Globalisierung. Bindungen, Visitenkarten, Fotobücher: Mehr oder minder klassische Buchbinderarbeiten können mittlerweile im Internet bestellt werden. Auch große und wichtige Kunden der Vergangenheit nutzen oftmals nicht mehr die Dienste der lokalen Handwerksbetriebe. Öffentliche Institutionen wie Fachbibliotheken lassen ihre Zeitschriftenbestände nicht mehr vor Ort binden, sondern schreiben den Auftrag europaweit aus. Mitunter nutzen sie manche Publikation nur noch digital, während viele Unternehmen ihre eigenen Hausbibliotheken gleich aufgelöst haben. Dieser Wandel macht sich auch in den Statistiken der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main bemerkbar: Die Zahl der Buchbindereien in Frankfurt stagniert auf niedrigem Niveau, nachdem es Mitte der neunziger Jahre im Rhein-Main-Gebiet noch eine Art Renaissance gegeben hatte (siehe Grafik unten). 2014 löste sich die Innung auf, sie hatte zuletzt noch acht Mitglieder. Im Rhein-Main-Gebiet hat sich die Zahl der Betriebe seit 1990 in etwa halbiert. In ganz Deutschland gibt es noch 839 Buchbindereien, dazu zählen laut dem Bund Deutscher Buchbinder allerdings auch sogenannte „Regiebetriebe“ öffentlicher Institutionen wie Universitätsbibliotheken.

© Nina Hewelt Martin Schilling über den Reiz und die Reibungspunkte seines Handwerks

Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen scheuen viele Buchbinder das Netz – so wie Schilling und Croll. Als sie noch eine eigene Internetseite hatten, fühlten sie sich durch viele der E-Mail-Nachrichten gestört, die sie in ihrem Atelier erreichten. Er habe oft das Gefühl gehabt, dass den Interessenten aus dem Netz das Verständnis für die Feinheiten seines Handwerks fehlte, erzählt Schilling, während er behutsam eine Pappe mit Leim versieht. Buchbinder und potenzieller Kunde schrieben aneinander vorbei. Der Handwerker, selbst durchaus technik-affin, musste den Leuten aus dem Internet mitunter mühsam darlegen, wie aufwändig viele Arbeiten sind und dass nicht alles von heute auf morgen fertig sein kann. „Zehn Prozent ernsthafte Anfragen waren noch eine gute Quote“, sagt Schilling. Aufwand und Ertrag hätten in keinem Verhältnis gestanden. Letztlich verschwand die Informationsseite der beiden Buchbinder aus dem Netz: „Es ist eingeschlafen.“ So vertrauen Schilling und Croll weiter auf ihre Stammkunden, die noch immer alte Bände zur Reparatur oder Zeitschriftensammlungen zum Binden vorbei bringen – und schätzen das persönliche Gespräch. „Jemand, der tatsächlich unsere Dienstleistung haben möchte, schafft es auch hierher“, glaubt Schilling.

Der Umgang mit dem Internet unter den Buchbindern ist aber auch eine Generationenfrage. Ein paar Kilometer den Main hinab, in den Räumen der Buchbinderei Diller in Frankfurt-Nied, macht Ingmar Pons eigentlich nichts anderes als Schilling und Croll. Der Geselle geht geschickt mit Pinsel und Presse um; er trägt den für Buchbinder typischen Kittel mit den klebrigen Leimresten. Eines jedoch ist anders: Pons will nicht einfach darauf vertrauen, dass die Kunden ohne einen Internetauftritt in die Werkstatt finden. Der 30 Jahre alte Buchbinder-Geselle legt bald seine Meisterprüfung ab und übernimmt zum 1. Januar 2017 den Betrieb im Frankfurter Westen, wo er derzeit noch als Angestellter arbeitet. Seine Ideen für die eigene Buchbinderei drehen sich rund um das Netz: Pons will eine mobile und eine englischsprachige Version der Internetseite einrichten, zudem denkt er darüber nach, edle Nachdrucke historischer Bücher herzustellen und zu vertreiben. Pons trägt einen gepflegten Fünf-Tage-Bart und eine silberfarbene Brille mit kleinen ovalen Gläsern, die man wohl nur im Antiquariat oder im Internet findet. Er beschäftigt sich auch in seiner Freizeit mit alten Büchern, besitzt unter anderem ein Werk vom Beginn des 19. Jahrhunderts mit Kupferstichen zur Französischen Revolution. Genauso aber kann er auch über die Möglichkeiten elektronischen Papiers sinnieren – möglicherweise eine wichtige Technologie der Zukunft.

© Nina Hewelt Feine Lettern und alte Bände

„Es ist eine Frage des Marketings“, glaubt Pons. „Viele beklagen sich, dass es nicht läuft, haben aber selbst keine Homepage oder Mail-Adresse.“ Für die Buchbinderei Diller hat es sich in jedem Fall gelohnt, 2004 einen Netzauftritt eingerichtet zu haben. Am wichtigsten für das Geschäft sind zwar auch hier die Stammkunden, dank des Internets hat der Betrieb aber sogar schon für Kunden aus dem Ausland gearbeitet. „Ein Kunde hat uns geschrieben, dass es nur eine Buchbinderei in ganz Westirland gibt“, erzählt Pons, „und die ist zu teuer.“ So reparierte die Frankfurter Buchbinderei das Buch, die Versandkosten übernahm der irische Besitzer. „Das rechnet sich“, sagt Pons.

© Nina Hewelt Ingmar Pons über seine Leidenschaft und die Zukunft der Buchbinderei

Für Martin Schilling ist auch ein Kulturwandel der Grund dafür, dass weniger Menschen in die hiesigen Buchbindereien finden: Das Buch gehöre in der Regel nicht mehr „zu den wertigen Gegenständen“, deren Erhalt man sich etwas kosten lasse. Er fragt sich: „Was passiert, wenn die Bücher alle nur noch digital verfügbar sind und der Stecker gezogen wird oder das Lesegerät kaputt ist?“ Zumindest Ingmar Pons hat eine gegenläufige Entwicklung beobachtet, die ihm Hoffnung macht – den vielzitierten „Trend zur Nachhaltigkeit“. „Leute bringen bei uns Sachen vorbei, die eigentlich materiell gar nicht wertvoll sind, alte Kinderbücher etwa“, sagt der Buchbinder. „Sie wollen es aber trotzdem erhalten, weil ihnen das Herz daran hängt.“ Davon könne auch sein Handwerk profitieren, glaubt Pons. Wie genau er solche Liebhaber tatsächlich vermehrt in seine Werkstatt locken kann, weiß der angehende Buchbinder-Meister aber auch noch nicht. Er will bald intensiver darüber nachdenken, zusammen mit einem Freund. Der kenne sich beruflich mit Werbung aus.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.05.2016 16:46 Uhr